Ehrentag : 99 Luftballons

Der große Galerist Rudolf Springer feiert Geburtstag. Der alte Herr unter den Galeristen ist noch lange nicht müde.

Er sitzt seit langem im Rollstuhl, aber wenn man ihn nach seinem Befinden fragt, kommt prompt die Antwort: „Blendend.“ Das ist nicht nur das unverdrossen hochgehaltene Lebensmotto von Rudolf Springer. Er lebt es, und am vergangen Mittwoch konnte man es sehen. Denn da beging der legendäre Galerist seinen 99. Geburtstag – staunenswert präsent, ungebrochen in seiner Neigung zu Witz und Berliner Drastik und sichtlich auf Kurs in Richtung hundert im nächsten Jahr.

Man traut es Springer zu: bald drei Stunden hielt er Hof, schüttelte Hände, nahm Wünsche entgegen, nur sanft soufflierend dirigiert von seiner Frau, der Malerin Christa Dichgans. Kein Festakt, obwohl Springer – ungewöhnlich für den notorischen Nicht-Elegant – eine schwarze Fliege angelegt hatte; vielmehr ein Familientag der Künstler und Freunde. Ihre Zahl ließ das schöne Zehlendorfer Haus, das auch sein Elternhaus ist, fast überquellen. Auch nichts Offiziöses, bis auf den von Kulturstaatssekretär André Schmitz überbrachten Glückwunschbrief des Regierenden Bürgermeisters, der an Springer die „ geistige Unabhängigkeit“, und den „erfrischenden Nonkonformismus“ lobte, mit dem er „für den Kunststandort Berlin so viel bewirkt hat“.

Tatsächlich hat Springer die Nachkriegsgeschichte nicht nur erlebt und gestaltet: Er steht für sie, seitdem er 1948 im elterlichen Haus seine erste eigene Galerie gegründet hat. Ein solcher Geburtstag ist ein Ereignis, weil er uns in gewisser Weise zu Zeitgenossen dieser Geschichte macht. Die Gäste quer durch die Generationen, wuselnde Kinder eingeschlossen: die Zehlendorfer Nachbarschaft, ein paar Dutzend der Künstler, die er vertreten hat, an der Spitze Georg Baselitz, den er durchgesetzt hat. Dazu große und kleinere Erhebungen des Berliner Kulturlebens: Peter-Klaus Schuster, der Generaldirektor der Staatlichen Museen, und Bernd Schultz, Chef der Villa Grisebach, Sammler Erich Marx und Kurator Heiner Bastian, Peter Raue, der sein erstes Werk bei Springer gekauft hat, und, spät am Abend, auch noch Christoph Stölzl, der frühere Kultursenator. Der Ex-Wilde Karl Horst Hödicke hatte Luftballons mitgebracht, natürlich 99 an der Zahl. Mit Helium gefüllt, schwebten sie an der Decke: ein bunter Himmel über einem denkwürdigen Empfang. Rdh

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