Kultur : Ehrfurcht, Würze, Wahn Lang Lang spielt Schubert in der Philharmonie

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Das hat fast was von einem Geschlechtsakt: Lang Lang krümmt sich, beugt sich über die Tasten, als wolle er in den Steinway hineinkriechen, mit ihm verschmelzen. An seine vielen gestischen Mätzchen hat man sich ja schon gewöhnt, aber so, wie er in der Philharmonie Schuberts letzte Sonate, dieses im finalen Stadium der Syphilis geschriebene Weltabschiedswunderwerk in B-Dur, beginnt – das befremdet doch. Lang Lang lächelt verzückt, blickt den Tönen hinterher, als seien’s Schmetterlinge, und wirkt manchmal so, als bliebe ihm vor Ehrfurcht die Luft weg. Seine technischen Fähigkeiten sind zweifellos erstaunlich, das Klangergebnis ist es nicht. Überaus vergeistigt, verzärtelt, wattiert gerät der erste Satz, wie nicht von dieser Welt, pastelliert, hingetuscht. Schubert verträgt mehr. Als sich der zweite Satz vom langsamen cis- Moll ins chorale A-Dur wendet – eine der schönsten Passagen, die Schubert geschrieben hat –, nimmt Lang Lang die Spannung weg und bringt die Stelle so um ihre Kontrastwirkung. Schon vorher, bei Bachs erster Partita (ebenfalls in B-Dur), drängt sich der Eindruck auf, er wolle mangelnden Ausdruck durch plötzliche Dynamikausbrüche kompensieren – und durch die Angewohnheit, im Forte den rechten Arm dramatisch nach hinten wegzuziehen. Und auch bei Chopins Zwölf Etüden op. 25 sucht man zunächst vergebens eine Aussage jenseits des bloßen souveränen Hinwegwischens technischer Schwierigkeiten wie in der sechsten Etüde gis-Moll. Und doch ereignet sich an diesem Abend noch etwas. In den letzten drei Etüden, beginnend mit der furiosen in h-Moll, findet Lang Lang zu einer glaubwürdigen Botschaft. Gewaltig, verzehrend fahren die Akkorde nieder, mit denen Chopin die Klangvorstellungen seiner Zeit zum Einsturz gebracht hat. Hier, spät, gewinnt sein Spiel Profil, Würze, Geruch. Und dann darf er auch gern den Arm nach hinten wegziehen. Udo Badelt

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