Ehrung : Geschwister-Scholl-Preis für Politkowskaja

Schonungslos brach Anna Politkowskaja mit ihren regierungskritischen Berichten politische Tabus in Russland. Dafür bezahlte sie mit ihrem Leben. Die Ehrung soll kurz vor der russischen Parlamentswahl ein "politisches Signal" sein.

Dorothea Hülsmeier[dpa]
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Der Sohn Politkowskajas, Ilja Politkowski, nahm den Preis entgegen. -Foto: ddp

MünchenRund ein Jahr nach den tödlichen Schüssen auf die Reporterin der Zeitung "Nowaja Gaseta" kam ihr Sohn Ilja Politkowski nach München, um den Geschwister-Scholl-Preis für seine Mutter entgegenzunehmen. Wenige Tage vor der russischen Parlamentswahl sollte die Ehrung für die unbeugsame Politkowskaja auch ein "politisches Signal" sein, sagte der Jury-Vorsitzende Hans-Georg Küppers.

"Aktueller denn je"

Am Wochenende hatte die russische Staatsmacht mehrere Oppositions-Politiker festgenommen, darunter den Regimekritiker und ehemaligen Schachweltmeister Garri Kasparow. "Die Verhaftung Kasparows zeigt, dass das, was Politkowskaja beschrieben hat, keine Vergangenheitsgeschichte ist, sondern aktueller denn je", sagte der Vorsitzende des bayerischen Landesverbandes des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Wolf Dieter Eggert.

Den Umgang des Kremls mit der politischen Opposition bei den vorangegangenen Wahlen 2003 hat Politkowskaja in ihrem jetzt ausgezeichneten letzten Werk "Russisches Tagebuch" detailgetreu beschrieben. Sie zeichnet ein Bild der "Halbdiktatur", des Machtmissbrauchs, der Manipulation politischer Prozesse und des andauernden Terrors in der kriegsverwüsteten Kaukasusrepublik Tschetschenien.

Auch wenn Politkowskajas Urteil manchmal überspitzt erscheinen mag, so ist es doch der krasse Gegenpol zum Bild etwa der gemeinsamen Schlittenfahrten des Ex-Kanzlers Gerhard Schröder mit dem von ihm als "lupenreiner Demokrat" geadelten Präsidenten Wladimir Putin. Der langjährige ZDF-Studioleiter in Moskau, Dirk Sager, empfahl die Lektüre des Buches "manchen ehemaligen Politikern, die nicht aufhören, das System Putins zu preisen".

Ära Putin: Russland reagiert nicht

Politkowskaja schrieb für die unabhängige Zeitung "Nowaja Gaseta", von deren Redaktion bereits drei Redakteure ermordet wurden. Der ebenfalls zur Preisverleihung nach München gereiste stellvertretende Chefredakteur Juri Safronow macht sich keine Illusionen. Der am russischen Öl- und Gashahn hängende Westen könne keinen Einfluss auf die Politik in Russland nehmen, sagte er mit einem fatalistischen Schulterzucken. Putin habe die freien Medien abgeschafft und ein "Ein-Parteien-System wie in der Sowjetzeit" geschaffen. Daran habe auch Kritik aus dem Westen nichts ändern können.

Dirk Sager indes warnte in der gemeinsamen Pressekonferenz eindringlich davor, die Augen vor den Geschehnissen in Russland zu verschließen. "Das wäre ein Bruch der Solidarität gegenüber denen, die in Russland versuchen, Putin zu widerstehen." Safronow kritisierte aber auch die Gleichgültigkeit der eigenen Landsleute etwa angesichts der furchtbaren Terroranschläge in den vergangenen Jahren. "Das Land reagiert nicht", meinte er. "So lange es wirtschaftliche Verbesserungen gibt im Land, schweigt die große Masse." Vielleicht komme die russische Gesellschaft in 20 bis 40 Jahren zu der Erkenntnis, dass demokratische Werte das Wichtigste seien. "Unsere Arbeit ist, ein kleines Feuer in der Dunkelheit brennen zu lassen", sagte Safronow.

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