Kultur : Ei, ei, wo sind sie denn?

Ein

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von Christine LemkeMatwey

Auf dem Grünen Hügel von Bayreuth ist über die Jahrhunderte so allerlei verschwunden. Das menschliche Sitzfleisch etwa – platterdings durchgesessen auf beinharten Wagner-Hölzern. Die Lust auf fränkische Bratwürste – an saisonaler Wagner-Überdosierung erstickt. Und zuallererst natürlich die Sehnsucht, das hehre heil’ge immerselige Wagner-Geschäft mit dem Wagner-Immergleichen möge endlich wieder etwas mit dem wagnerlosen Hier und Jetzt zu tun kriegen, mit dem Unerhörten, nie nie nie Dagewesenen – die Sehnsucht also: verdorrt auf der Schwelle des Festspielhauses, brutal in den Schatten gestellt von gut riechenden Laubsägearbeiten oben auf der Bühne und/oder dröhnender Fettlebe unten aus dem Graben.

Dieses alles soll nun ja Christoph Schlingensief richten, der allerdings seinerseits die letzten Tage verschwunden war, weshalb die zeitgenössische Aufhübschung der Bayreuther Festspiele vorübergehend in Frage gestellt schien. Ein von Katharina W. fertiggestellter „Parsifal“ jedenfalls würde ihrem Vater, Festspiel-Chef Wolfgang W. kaum gut zu Gesicht stehen: Erst untersagt er Martin Kusej, dem ursprünglich für „Parsifal“ vorgesehenen Regisseur, den gewünschten Bühnenschlamm, woraufhin Schlingensief einspringt (ohne Schlamm), dann wirft aus mehr oder weniger diesigen Gründen Lars von Trier das Handtuch in Sachen „Ring“ 2006 – und jetzt soll wiederum und ausgerechnet Schlingensief die Flucht ergreifen und zwar vor dem notorischen Probengenörgel des Alten, dieses sei nicht recht und jenes untragbar und überhaupt, der Geist, ach ...? Ja, ist die künstlerische Hügel-Verjüngungskur in der Ära nach Flimm&Co. denn nicht mehr wert als das Papier, auf dem sie immer wieder steht?

Die Anwälte der heftig zerstrittenen Parteien indes haben es verstanden, derart speditiv aneinander herumzunörgeln, dass Christoph Schlingensief gestern wieder an sein Wagner-Regie-Pult zurückkehren konnte. Die Atmosphäre, heißt es, sei „vorerst gut“. Bayreuth wäre ja auch nicht Bayreuth und als Mythos unverwüstlich, wenn selbst das Verschwundenste dort nicht früher oder später wieder auftauchte. Der Karfreitagszauber im „Parsifal“ übrigens, so wissen wohl informierte Kreise, trage sich bei Schlingensief unter Osterhasen zu. Das sollte der Wagner-Gemeinde schon eine Wurst wert sein. Und viel Sitzfleisch. Und Sehnsucht.

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