Kultur : Eigelb auf dem Sakko

REINER SCHWEINFURTH

Dieter Kunzelmann lebt.Das teilte Dr.Seltsam am Rande einer Gedenkveranstaltung im Kreuzberer Café "Kato" mit.Und er wird auch wieder politisch in Erscheinung treten.Zwar nicht leibhaftig, aber über Internet.Denn die KPD / RZ, die Kreuzberger Partei der Bohème, hat ihn zum Spitzenkandidaten für die kommenden Abgeordnetenhauswahlen gekürt.Kunzelmann hätte der Nominierung bereits zugestimmt.Zur Zeit hält sich der wegen des Eier-Wurfes auf den Regierenden Bürgermeister rechtskräftig verurteilte Franke im näheren Ausland auf, kann aber über die KPD / RZ kontaktiert werden.Ohne seine Einwilligung dagegen wurde Dieter K.im Kato von einer selbsternannten 68er-Veteranengruppe zum überparteilichen Bürgermeisterkandidaten ernannt.Die dazu geführten Reden ermangelten nicht nur des Witzes, sondern stellenweise auch der Artikulation, was bedeutete, daß der Sprecher, trotz ausreichender Verstärkung, nicht verstand, was er da vorlas.Tiefpunkte einer Veranstaltung, die als Debakel in die Geschichte von SO 36 eingehen wird.

Die Autoren Ulrich Enzensberger (Bruder von Hans-Magnus), Hermann Bohlen (nicht verwandt mit Dieter) und Guiseppe de Siati (kein Eintrag in der AGB) posierten als Heldengedenker in einer Kulisse aus Sarg, reichlich Friedhofslichtern, einem Lilienstrauch und einer Stummfilmvorführung ("Die wilden Tiere von Bamberg").Darüber prangte ein Porträt des Gedachten mit Perrücke und frechem Blick.Vor einem vollen Saal gestattete sich das Festkomitee eine Mischung aus zitiertem Polit-Trash und spießiger Musikbesinnlichkeit, die vor einigen Jahren noch vom Podium verjagt worden wäre.Dr.Seltsam meinte: "Nach dieser Veranstaltung müßte Dieter K.wirklich tot sein".Und Chicken von der Galerie Endart befand: "Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr".Cellogewimmer, das sich allen Ernstes als Bach-Suite tarnte oder gar ein Messiaen-Vortrag aus dem "Karneval der Tiere" entlarvten die 68er wieder einmal als bürgerliche Bewegung, die sich mittlerweile selbst mumifiziert.

Wären nicht zwei junge Frauen gewesen, die den ängstlichen Musikdilettanten auf der Bühne mit dem Ruf "Ihr alten Säcke!" ein paar Eier auf Instrument und Sakko geworfen hätten - das ironisch versuchte "Requiem für Dieter Kunzelmann" wäre ohne Widerspruch geblieben.Der ehemalige Abgeordnete hat sich in den letzten Jahren, trotz Eierwurf und Prozeßlärm als gebildeter Ästhet geoutet, der zwar chronisch ohne Geld, aber nie ohne Stil auftrat.Seine Vorträge im Gespräch über die Entwicklung der abendländischen Malerei seit der Renaissance waren mehr als angelesene Informationen, doch fiel es ihm schwer, damit tatsächlich eine gewandelte Persönlichkeit zu präsentieren.

Das hätte eine solche Veranstaltung versuchen können.Aber entweder kennen die Veranstalter Dieter K.nicht, oder der Eifer, einen Abwesenden zum Zwecke des eigenen Offenbarungseides zu mißbrauchen, schlug über alle Stränge.Zum Schluß traten dann noch Marianne Rosenberg und Freundin Marianne Enzensberger auf und sangen in leidlicher Zweistimmigkeit ein italienisches Canzone.Doch das half nichts mehr.Da war auch für die kooperierende Wochenzeitung "Jungle World" schon die Pleite perfekt.Dabei ist die Paranoia, die Dieter Kunzelmann seit seines Gefängnisaufenthaltes plagt und die ihn vor der Strafe fliehen läßt, alles andere als ein Privatproblem und hätte ein interessantes Thema abgeben können.Aber das interessierte die veranstaltenden Rentner nicht.Sie wollten lieber gedämpften Lauten- und Gitarrenklängen lauschen.Jemand rief nach vorn: "Spiel doch mal was von Jimi Hendrix".Der Musiker schien ihn nicht zu kennen.

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