Kultur : Eigensinn?

Trotz Milosevic: Handke erhält den Heine-Preis

Caroline Fetscher

Peter Handke ward auserkoren, den Heine-Preis der Stadt Düsseldorf zu erhalten, als ein Autor, der „eigensinnig wie Heinrich Heine“ den „Weg zu einer offenen Wahrheit“ verfolge, da er „den poetischen Blick auf die Welt (...) rücksichtslos gegen die veröffentlichte Meinung und deren Rituale“ setze. Ja, es geht um denselben Handke, der kürzlich in Serbien am Grab des Massenmörders Milosevic verkündete, er fühle sich „ihm nah“. Serbische Intellektuelle erschraken. Gewiss sei der frühe Handke, so der serbische Schriftsteller Bora Cosic, ein bedeutender Dichter gewesen, politisch habe sich der Autor jedoch fürchterlich verirrt, als er „ohne Vorbehalt das arrogante, faschistische Regime von Milosevics Serbien unterstützte“. Nach Handkes Auftritt am Grab nahm die Pariser Comédie Française im April sein Drama „Das Spiel vom Fragen oder Die Reise zum sonoren Land“ aus dem Spielplan für 2007.

Nun also Düsseldorf. Den Heine-Preis erhalten seit 1972 „Persönlichkeiten, die den sozialen und politischen Fortschritt fördern, der Völkerverständigung dienen oder die Erkenntnis von der Zusammengehörigkeit aller Menschen verbreiten“, darunter Carl Zuckmayer, Max Frisch und Elfriede Jelinek. Unlängst stockte man das Preisgeld von 25000 Euro auf 50 000 auf – Steuergelder, die in Handkes Tasche fließen sollen. Wie kommt so etwas zustande? 17 Autorendossiers lagen der Jury vor, der neben Sigrid Löffler auch Julius Schoeps, Christoph Stölzl, Gabriele von Arnim und hochrangige Vertreter der Stadt angehören. Die grüne Düsseldorfer Ratsfrau Marit von Ahlefeld erklärt jetzt: „Ich stehe nicht hinter dem Entschluss, meine Kandidatin war Irene Dische.“ Unglücklich ist auch Schoeps: „Mir ging es um Amos Oz.“ Viele scheinen sich auf der Sitzung überfahren oder überfordert gefühlt zu haben. Reumütig erklärt ein weiteres Jurymitglied, Löffler habe Handke mit derart beharrlichem Trommelwirbel als „Weltliterat“ gepriesen, bis die anderen mürbe wurden. „Ich selbst verstehe ja wenig von der Materie“, räumt einer ein. „Was Handke auf der Beerdigung gesagt hat, weiß man doch nicht so genau“, verteidigt sich ein anderer. Wenigstens könne man ja der Preisverleihung am 13. Dezember fern bleiben, tröstet sich ein Jurymitglied.

Handke indes, dessen Kasse ein wenig klamm sein soll, da viele Buchhändler ihn boykottieren, freut sich über den Preis. Vergessen scheint, dass Suhrkamp vor drei Jahren bekannt gab, er werde fortan keine Preise mehr annehmen. Vorschlag zur Güte: Der Autor könnte die Heine-Summe doch jenen darbenden Serben spenden, von denen er so häufig spricht. Zu analysieren bleibt die zentrale Frage nach dem Ethos deutscher Kultureliten, nach deren Empathieferne oder horrender Nonchalance, auch und gerade, wo es um Macht, Geld und Preise geht.

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