• Eigentlich ist es dem Menschen unmöglich, in solch einem aufgeblasenen Möchtegernweltkaff zu überleben

Kultur : Eigentlich ist es dem Menschen unmöglich, in solch einem aufgeblasenen Möchtegernweltkaff zu überleben

Thomas Lackmann

Wenn der urbane Radfahrer nach Schichtende den Ort seiner täglichen Qual verlässt, durchquert er eine Schleuse. Eigentlich ist die Spezies Radfahrer ein Ding der Unmöglichkeit in der großen Stadt, die ihn, den Ungeschützten, konsequent einkreist mit rollenden Blechlawinen, mobilen Baustellen und schikanösen Verkehrszeichen. Im Büro haben bereits tosende Klimaanlagen, rasselnde Kollegen und Telefone sowie defaitistische Computer seine Lebenserwartung reduziert. Rundherum taumeln die Kapitale und ihre Nation im Selbsterfindungsrausch. Diesseits und jenseits des Tiergartens, am Rande dieses verträumten Biotops im Auge des babylonischen Taifuns, wird eine Regierung eingerichtet und die Gerechtigkeit und Politik überhaupt neuerfunden, während frisch gelandete New-Berliner Feuilletonisten stündlich die Nabelschau und das Berlin-Gefühl und die Berlin-Identität und das Restaurant Neue Mitte brandneu erfinden, zumal auf der anderen Seite des Gartenterrains am Potsdamer Platz gerade die City als solche und die Piazza und das 21. Jahrhundert völlig neu erfunden worden sind.

Berlin rast, Berlin lähmt: "Nichts muss sich ändern, damit alles bleibt wie es ist", steht - frei nach Lampedusa - auf den Werbeplakaten der lokalen Profi-Lächler. Eigentlich ist es dem Menschen als fühlendes Wesen unmöglich, in solch einem aufgeblasenen Möchtegernweltkaff mit Selbstachtung zu überleben. Doch sobald der Radfahrer einrollt in seine Schleuse, wird jener ganze krachende Zirkus hinterwärts aufgeschluckt von dem Zauberwald im Herzen des Ungetüms. Die Metropole, das ist ihre Attraktion, setzt sich zusammen aus dem üppigen Tableau ihrer Kieze und Nischen, aus Puffern in between, undefinierbaren Brachen neben den Milieus; die Möglichkeit des Wanderers zwischen den Quartieren, beim Besuch diverser Lebenswelten in immer andere Szenarien zu geraten, sich flugs wieder zu entfernen, gibt dem Moloch seinen Geschmack von Freiheit und Abenteuer. Diese Schleuse aber hat ihre andere, betörende Qualität. Hier verkleidet Berlin sich als das unwandelbar romantische Idyll einer gezähmten Natur, von seinen Tiergärtnern seit Jahrzehnten, Jahrhunderten (so scheint es) inszeniert; ihr Paspartout aus Beton macht die Anlage zum Paradies. Im Frühjahr schmeichelt zartes Blattgrün den Augen des eintauchenden Schleusenpatienten. Im Sommer sind die Teiche bedeckt von weißen Flocken. Unterm Guss der Wassersprenger brechen sich, im kühlen Tunnel der Baumgewölbe, einfliegende Sonnenstrahlen zum Bonsai-Regenbogen. Im Herbst krumpeln braune Blätter auf den Teichen. Auf der efeuumflorten Insel: eine verwunschene Säule. Im Schatten: ein Gedenkstein. Ein Eisenlöwe bewacht die kleine Brücke; nach der Love Parade hatte man ihm eine Pumpgun an die Brust gedrückt, davon haben er und sein Garten sich längst erholt. Enten quackeln, Karnickel hoppeln angstfrei, früher war das hier Jagdrevier. Irgendwo ist Axtschlag zu hören; Parkpfleger? Bauarbeiten? Hinter der Schleuse beginnt wieder die Stadt. Eigentlich ist es unmöglich, woanders zu leben als in Berlin.

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