Kultur : Eigentlich wollte ich nach Hollywood (Interview)

Herr Zadek[Außenminister Joschka Fischer me]

Peter Zadek über kriegerische Politiker, schaurige Jungregisseure - und warum "Hamlet" beim Theatertreffen fehlt

Peeter Zadeck gehört mit Peter Stein und Michael Grüber zu den bedeutendsten deutsch Theaterregisseuren. Seine Shakespeare- und Tschechow-Inzenierungen haben, neben Aufsehen erregenden Uraufführungen von Zeitstücken, Geschichte gemacht. Peter Zadek ist von Anfang an Stammgast des Berliner Theatertreffens gewesen. In letzter Zeit arbeitete er vor alem in Wien. Zadek, der mit seiner Familie 1933 nach England emigrierte, wurde - heute vor 74 Jahren in Berlin-Wilmersdorf geboren.

Herr Zadek, Außenminister Joschka Fischer meinte im letzten Frühjahr, man müsse den Kosovo-Krieg führen, um ein zweites Auschwitz zu verhindern.

Ich fand dies falsch und verlogen. Ich hoffe, es war verlogen, denn sonst wäre es so dumm, dass man diese Leute überhaupt nicht mehr in den Positionen lassen kann. Der Kosovo-Krieg hat nichts verhindert. Der Auschwitz-Vergleich war absurd.

Haben Sie auch deshalb Peter Handkes Äußerungen zum Kosovo-Krieg verteidigt?

Ich habe Handke gegen den Automatismus verteidigt, dass die Serben Schweine sind. Ich fand es falsch, dass wir diesen Krieg geführt haben. Jetzt ist es sichtbar geworden, wie falsch dies war. Wir haben eine schlimme Situation verewigt. Die beiden Völker werden kaum wieder zusammenfinden. Das ist hauptsächlich die Schuld der Nato.

Sie würden nie mit einer Waffe kämpfen?

Ich hätte im Zweiten Weltkrieg Soldat werden können, aber ich musste nicht, weil ich ein deutscher Emigrant war und in England lebte. Ich bin Lehrer geworden und habe mich mein Leben lang für den Pazifismus entschlossen.

Mit "Hamlet" hätten Sie jetzt beim Berliner Theatertreffen gastieren sollen. "Hamlet" wurde zur Aufführung des Jahres, aber Ihre vorige Shakespeare-Inszenierung, "Richard III." in München, galt bei der Kritik als Totalflopp.

Der Vergleich zwischen "Richard" und "Hamlet" ist für mich interessant. Beide Aufführungen waren im Zentrum das, was ich wollte. Das eine Zentrum war Angela Winkler als Hamlet, das andere Paulus Mankers Richard. Die übrigen Schauspieler von den Münchner Kammerspielen waren völlig okay, mit den meisten hatte ich vor "Richard III." noch nie gearbeitet. Diese Schauspieler waren sehr mittelmäßige Menschen. Mittelmäßig soll jetzt keine Beschimpfung sein, im Gegenteil. Es waren normale Menschen. Während mein Privatclub von Schauspielern, zu denen Angela Winkler und Paulus Manker gehören, alles Verrückte sind. Das sind außergewöhnliche, große, aber auch kuriose Schauspieler mit verrückten Fantasien. Und mit Fantasien, die mit mir seit 25, 30 Jahren zu tun haben. Und an den Kammerspielen waren es Schauspieler aus unserer Mittelmaß-Welt. Das waren alles Leute wie unsere jetzigen Politiker.

Wie Schröder und Scharping?

Ja, so sind sie alle, normale, mittelmäßige, fantasielose, zum großen Teil gut meinende Menschen, die aber keine große Fantasie haben. Und auch keine große Kraft. In der Mitte von "Richard III." ist diese komische Mischung, dieser Auswuchs, auch eine Art Hamlet, der in eine tief zerstörerische Richtung geht. Richard experimentiert und fragt die ganze Zeit. Er richtet wilde Zerstörungen an, weil die Leute um ihn alle zu blöde sind. Ich fand das Resultat völlig in Ordnung.

Sarah Kane, die junge englische Schriftstellerin, die 1999 Selbstmord beging, meinte, dass sie beim Schreiben von "Gesäubert" an die Vernichtung der Juden gedacht habe. Diese Dimension war in Ihrer Hamburger Inszenierung, die letztes Jahr beim Theatertreffen Furore machte, stark zu spüren.

Mengele war drin, weil Sarah Kane mir dies hauptsächlich gesagt hat, weil sie dies wollte. Ich weiß nicht, ob ich sonst darauf gekommen wäre, dies so stark in diese Richtung zu bringen. Als ich zum ersten Mal mit Sarah Kane in London zusammenkam, hatte sie mir gesagt, die Universität ist ein KZ. Und ich habe einen Witz gemacht und zu ihr gesagt, sollten Sie zufälligerweise einmal einen deutschen Regisseur haben, sagen Sie das ja nicht, weil sie dann erwarten müssen, dass bei der Inszenierung KZ-Türme mit Maschinengewehren auf jeder Seite der Bühne stehen, ich warne Sie.

Wie war Ihre Begegnung mit Sarah Kane?

Ich hatte zwei Begegnungen. Eine lange, bevor ich an der Übersetzung des Stücks gearbeitet habe. Das war sehr spannend, drei, vier Stunden habe ich sie über alles ausgefragt. Sarah Kane hat mich fasziniert. Sie war wirklich ein kleiner Hamlet, ein Kämpfer und ein wilder Mensch. Das zweite Mal war kurz vor der Premiere in Hamburg. Da hatten wir einen scharfen Streit über realistisches und nicht-realistisches Theater. Sarah Kane war mittlerweile mit einer Gruppe von englischen, kunstgewerblichen Regisseuren zusammengekommen und wollte ab dem Zeitpunkt nur noch wie Beckett schreiben. Sarah Kane war eigentlich ein junges Mädchen, viel jünger als ihre 28, 29 Jahre. Sie war sehr beeinflussbar auf einer oberflächlichen Theaterebene. In London habe ich ihre "Woyzeck"-Inszenierung gesehen.

Hat Sie Ihnen gefallen?

Schrecklich, sie war ganz schrecklich. Der letzte Dilettantismus und auch kunstgewerblich, alles stilisiert, furchtbar. So wie man Tante Emma in Worpswede inszeniert. Das englische Theater ist im Moment so. Das Theater in London ist mittlerweile an einem Ende ein stilisiertes Amateurtheater geworden und am anderen Ende ein professionelles, gelecktes, distanziertes Koofmich-Theater. Sarah Kane war in einem Pool von jungen Leuten gelandet, die sie beeinflusst haben. In ein, zwei Jahren wäre dies bestimmt alles weg gewesen. Ihr jetzt an der Schaubühne gespieltes Stück "Crave" ("Gier") ist nicht sehr interessant. Das liegt daran, weil sie plötzlich entschieden hat, realistisches Theater ist schlecht, das müssen wir bekämpfen. Und dabei schrieb sie ein ungeheuer realistisches Theater, aber ein poetisches, realistisches Theater wie Tschechow. Ich habe "Gesäubert" genau nach ihren Regieanweisungen gemacht. Sarah Kane hat die Aufführung gesehen und fand die grauenhaft.

Warum?

Weil sie realistisch war. Das habe ich zu ihr gesagt, Mädchen, du hast es genau so geschrieben - so habe ich es gemacht.

Sie haben keine Beziehung zu jungen deutschen Regisseuren wie Thomas Ostermeier von der Schaubühne?

Ich finde es wunderbar, dass es endlich so viele junge Regisseure in Deutschland gibt. Als ich in dem Alter war, gab es nicht 40 Jung-Regisseure, sondern drei. So ist die Situation viel spannender. Aber dass andauernd zwischen den jungen, älteren oder alten Regisseuren so eine Art künstliche Feindschaft aufgebaut wird, ist eine solche Absurdität. Sie hat das Resultat, dass Herr Osterhase in einem Interview sagt, er kann es überhaupt nicht verstehen, diese Unmöglichkeit, dass ein alter Knacker wie Zadek ein junges Stück wie "Gesäubert" von Sarah Kane inszeniert. Ich bin nicht beleidigt. Ich bin nur traurig. Er hätte doch sagen können, wie toll, jetzt wollen wir mal sehen, wie die älteren Herrschaften die junge Welt sehen. Das wäre eine Haltung von Künstlern. Aber die jungen Regisseure kriegen mehr und mehr dieselbe beschissene Haltung der Journalisten. Sie identifizieren sich mit den Journalisten, die sie hochschreiben. Das ist schrecklich.

Klaus Michael Grüber zählt für Sie zu den bedeutendsten Regisseuren, der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wer sind die anderen?

Man kann Peter Brook nicht auslassen. Und im Film war es in Deutschland Fassbinder. Es gibt viele Filme von Fassbinder, die ich schrecklich finde, aber Fassbinder hat Punkte gesetzt, an denen man heute noch Dinge misst. So ist es auch bei Brook und auch bei Grüber. Grüber liegt mir, ich mag ihn. Ich freue mich auf jede Grüber-Inszenierung, die ich sehen kann, weil das eine Welt ist, in die ich gerne gehe. Eine Mischung zwischen Intelligenz und Witz, die Atmosphäre und Geheimnis hat. Lauter wunderbare Dinge - wie Grüber mit Schauspielern umgeht. Wir haben ja eine gemeinsame Liebe: Angela Winkler.

Was mögen Sie an Grüber?

Ich fühle mich ihm immer unterlegen, muss ich sagen. Ich finde ihn weiser als mich, und stabiler und sicherer. Und trotzdem ist er ein Zauberer.

Warum finden Sie Grüber stabiler?

Er hat einen Blick auf die Welt, der stabil ist. Mein Blick auf die Welt ändert sich tagtäglich. Jedes Mal, wenn ich etwas Neues erlebe, bin ich wieder erstaunt. Bei Grüber habe ich das Gefühl, dass er schon immer diese Deutlichkeit hatte. Eine Deutlichkeit, die sehr geheimnisvoll ist. Die Vision bleibt bei Grüber immer erkennbar. Ich hingegen bin sehr labil.

Hatten Sie nicht auch schon sehr früh eine Vision: Dass Sie sehr reich werden würden? Sie haben sich große Wohnungen und dicke Schlitten geleistet zu einem Zeitpunkt, als Sie dafür gar nicht das Geld hatten.

Was die Wohnungen und Autos betrifft, hat dies sicherlich damit zu tun, dass meine Eltern immer sehr gekämpft haben und wenig Geld hatten. Wir waren Emigranten und hatten dadurch noch weniger Geld. Es gab eine gewisse Enge. Und diese Enge hat mich gestört. Ich wollte raus. Ich möchte mich überall räkeln können. Ich habe mir einen großen, offenen, weißen Cabriolet als mein erstes Auto gekauft: Und ich war fest überzeugt, dass ich irgendwann nach Hollywood gehen werde. Nur das Telefonat kam nie. Ich habe mich als Billy Wilder gesehen. Als ich 40, 50 Jahre alt war, ist mir klar geworden, dass ich etwas anderes bin. Erst von dem Moment an, wo ich das realisiert habe, bin ich zur Ruhe gekommen, hat mir das Leben immer mehr Spaß gemacht.

Was faszinierte Sie an der Glamour-Welt?

Wahrscheinlich hatte diese Welt eine ganz starke Sexualität, Erotik für mich. Es war nicht einmal Reichtum. Als ich ein Junge war, habe ich meine Zeit viel in Kinos verbracht. Meine Fantasie war andauernd von der Glamour-Kinowelt erotisch angemacht. Ich erinnere mich, als ich einmal mit einer Freundin hitchhiken in Schottland gegangen bin. Ich war wahrscheinlich 15, 16 Jahre alt. Da kam ein großes, offenes Auto die Straße runter und sauste an uns vorbei. Wir machten die üblichen Daumenbewegungen, und es waren Rex Harrison und seine Frau. Es war ein Pontiac oder Buick. Auch zu der Zeit bin ich in eine American tragedy gegangen. "A Place in the Sun" hieß der Film, mit Montgomery Clift und Elisabeth Taylor. In diesem Film kommt genau dasselbe Erlebnis vor. Montgomery Clift sieht Elisabeth Taylor in einem großen, offenen weißen Auto vorbeifahren. In dem Moment involviert er sich, geht in die Familie rein und endet sozusagen auf dem Schafott. Diese Fantasie hat mit Freiheit und mit Alles-Dürfen und Alles Können zu tun, alle schönen Frauen besitzen, alle Männer auch, und auch alle Theater. Das sind natürlich kindliche Fantasien, aber ich hatte sie in meiner Jugend. Sie kamen natürlich aus einer Enge. Ich war ein kleiner jüdischer Junge. Ich wollte mich strecken, wusste aber nicht, wie man das macht. In Bremen habe ich gelernt, wie man sich streckt - in der Fantasie. Indem man die Fantasie auf der Bühne realisiert. In "Hamlet" habe ich mich am weitesten gestreckt.

Warum ist Ihre "Hamlet"-Inszenierung jetzt nicht beim Theatertreffen zu sehen?

Die Schaubühne, in der wir über 40 ausverkaufte Vorstellungen von "Hamlet" gespielt hatten, hat sich geweigert, uns dort wieder spielen zu lassen. Das hätte bedeutet, dass wir im Schiller-Theater gespielt hätten. Erstens ist das Theater ungeeignet und zu groß, zweitens hätten wir aus Termingründen der Schauspieler dort ohne Probe spielen müssen, und dass auch noch mit einer Umbesetzung. Da ich nicht bereit war, den Berlinern eine schlechtere Aufführung als die, die sie schon gesehen hatten, anzubieten, habe ich abgesagt. Eine Begründung für die Weigerung der Schaubühne habe ich nie gehört. Das Management der Schaubühne hat auf meine Frage nicht geantwortet. Das Gespräch führte Klaus Dermutz

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