Kultur : Eilige Hallen

Vision oder Wahn: In Oberschöneweide soll ein Zentrum der Kunst entstehen. Wo? Ein Ortstermin

Johannes Wendland

Es pfeift. Wind fegt durch die alten Industriehallen. Die Glasscheiben sind zerschlagen. Stahlplatten, die jemand vor Fensteröffnungen und Türen geschraubt hat, sichern die maroden Gebäude, aus denen ohnehin nichts mehr fortgeschleppt werden kann. Die Sprayer, die sich an den Außenwänden abgearbeitet haben, mussten sich in dieser Einöde wohl kaum vor unerwünschten Beobachtern fürchten. Wo einmal Transformatoren gefertigt wurden, regieren heute Tauben und Ratten.

Es gehört schon Fantasie dazu, sich diesen Ort als ein Zentrum für moderne Kunst vorzustellen. Doch genau das ist die Vision, die zwei Männer mit Unterstützung der Stadt in den kommenden Jahren verwirklichen wollen: Sie möchten die Reinbeckhallen in Oberschöneweide, die vor kurzem noch dem Abriss geweiht waren, in die „Schauhallen Berlin“ verwandeln. Museen, Kunstsammler und Galerien sollen dort, wo jetzt noch der morbide Charme des Untergangs herrscht, gemeinsam zeitgenössische Kunst zeigen. „Nach der Etablierung der Sammlung Flick werden die Schauhallen das nächste herausragende Projekt für zeitgenössische Kunst in Berlin werden“, jubelte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, als sie in der vergangenen Woche das Projekt öffentlich machte.

Wo, bitte, ist Oberschöneweide? Ursprünglich wollten der Galerist Helmut Schuster (Galerie Schuster und Scheuermann) und der Rechtsanwalt und Galeriebesitzer Sven Herrmann (Galerie sphn) nach Mitte. In einer alten Fabrikhalle hofften sie ein Galerienzentrum nach dem Muster der S-Bahnbögen an der Jannowitzbrücke errichten zu können. Die Kunsthändler müssten, so ihre Einsicht, ihr Einzelkämpferdasein aufgeben und sich zu attraktiven Konglomeraten zusammenschließen, um internationale Sammler, die wenig Zeit haben, anzulocken.

Ein Fingerzeig seitens der Stadt habe sie dann auf die seit Mitte der Neunzigerjahre leer stehenden Reinbeckhallen aufmerksam gemacht, erklärt Helmut Schuster. „Mir war das zunächst zu weit außerhalb“, sagt er. Doch Kunst und Wasser ziehen sich an. So ließ ihn die Nähe zur Spree umdenken und Vergleiche mit der Biennale in Venedig oder Louisiana bei Kopenhagen suchen. Außerdem: Die Hallen seien in weniger als einer halben Stunde vom Alexanderplatz aus zu erreichen.

Es geht um vier Fabrikhallen unterschiedlicher Größe und Güte. Drei sind aus Backstein gebaut und stammen aus den Zwanzigerjahren; eine weitere ist eine Betonplattenhalle aus DDR-Zeiten. Wie dieses ruinöse Ensemble in einen Kunst- Magneten umgewandelt werden kann, haben fünf Architekturbüros zu ermitteln versucht. Als Sieger ging aus dem Verfahren der Entwurf des Berliner Büros Kahlfeldt Architekten hervor. Danach werden die vier Hallen, deren Fassaden unangetastet bleiben, durch eine gemeinsame Hülle überbaut. Die Gassen zwischen den Gebäuden werden zu Innenräumen. Insgesamt entsteht eine Nutzfläche von rund 9500 Quadratmetern. Die Hülle soll aus emailliertem Stahlblech errichtet werden, das in einem changierenden Orange eingefärbt ist. Kosten: zehn Millionen Euro, die nach Angaben der Bauherren ein noch ungenannter Investor tragen will.

Der verwilderten Umgebung der Hallen will sich im Gegenzug das Land Berlin annehmen. Noch in diesem Jahr soll mit dem Bau des Kaiserstegs begonnen werden, einer Fußgänger- und Radfahrerbrücke über die Spree, die nach Niederschöneweide hinüberführt; die Finanzierung ist bereits durch EU-Mittel gesichert. Über die vorhandene Kranbahnpromenade zwischen Wilhelminenhofstraße und Spreeufer, in der sich ein Spielplatz und eine Grünanlage befinden, sollen die Besucher dereinst zu den Schauhallen gelangen. Am Spreeufer ist auch ein Schiffsanleger geplant.

Damit das Kunstpublikum tatsächlich die kleine Reise nach Oberschöneweide antritt, wollen Schuster und Herrmann ihre Schauhallen mit zeitgenössischer Kunst auf höchstem Niveau füllen. Das Museum für Moderne Kunst (MMK) in Frankfurt am Main und voraussichtlich auch das New Yorker Whitney Museum, die zu den bedeutendsten Instituten für junge Kunst weltweit zählen, werden für wechselnde Ausstellungen Werke nach Berlin schicken. Aus Frankfurt liegt sogar eine definitive Zusage vor. Andreas Bee, stellvertretender Direktor des MMK, schwärmt vom „genialen Umfeld“ und freut sich darauf, eine Dependance in Berlin zu errichten. Von den Planungen habe er einen „hochseriösen Eindruck“. Sein Museum müsse allerdings die Räume mietfrei und ohne Nebenkosten bespielen dürfen, fügt er hinzu. So wollen und müssen die Initiatoren nicht weniger als 16 Galerien in den Hallen ansiedeln. Die sind es, die mit ihren Mietzahlungen die laufenden Kosten des Projekts tragen und auch das Ausstellungsprogramm mitfinanzieren sollen. Zusätzlich haben die Bauherren zwei Privatsammlungen für die Hallen angeworben, eine Londoner Malereisammlung und eine deutsche Sammlung mit Schwerpunkt Fotografie und Installationen. Beide bleiben allerdings vorerst noch anonym.

Nutznießer ist auch das Land Berlin. Es spart zunächst Geld. Rund 1,3 Millionen Euro hätten Erwerb und Abriss der alten Hallen und die Herrichtung des Geländes gekostet, rechnet Michael Wend von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung vor. Da auch die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in den nächsten zwei Jahren nach Oberschöneweide umziehen soll, wünscht er sich dort einen Kulturstandort. In unmittelbarer Nähe zu den Reinbeckhallen hat sich bereits die Karl- Hofer-Gesellschaft mit Künstlerateliers niedergelassen, zudem werden im Frühjahr weitere städtisch geförderte Ateliers eröffnet.

„Verrückt schnell“ habe sich der Plan für die Schauhallen entwickelt, meint Helmut Schuster und klingt dabei selbst etwas verwundert. „Jede Stadt hat ihre Zeit“, sagt er, „und für die zeitgenössische Kunst ist Berlin die Stadt der Stunde.“ Trotzdem verdienen die meisten heimischen Galerien, deren Künstler in den Teilnehmerlisten von Biennalen und Kunstmessen auftauchen, ihr Geld woanders. So klingt die Idee bestechend, einen in die Peripherie verlagerten Kunstmarkt dadurch zu stärken, dass er Teil einer Art „Museumsinsel“ wird. So könnten Berliner Galerien auch an ihrem Stammsitz einmal Geld verdienen.

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