Kultur : Ein Adonis kennt keinen Schmerz

Eliahu Inbal dirigiert zum letzten Mal das BSO

Sybill Mahlke

Abschied und Willkommen: Mit einem letzten Konzert in seiner Position als Chefdirigent verabschiedet sich Eliahu Inbal von dem Berliner Sinfonie-Orchester, um künftig als Gastdirigent des Konzerthausorchesters Berlin zurückzukehren. Das Orchester steht an einer Wende: Namenswechsel, Leitungswechsel. Neuer Hoffnungsträger ist Lothar Zagrosek. Nachdem Intendant Frank Schneider mit Dank an den scheidenden Maestro nicht gespart und die Musiker ihm die Ehrenmitgliedschaft angetragen haben, erwidert Eliahu Inbal in einer liebevollen Rede: „Ich hoffe, Sie weiter zu sehen und zu dirigieren.“

Nicht seinen Favoritkomponisten Gustav Mahler, den er demnächst mit dem Philharmonia Orchestra London neu erobern wird, sondern eine Rarität präsentiert Inbal zu Pfingsten im Konzerthaus: „Le Martyre de Saint Sébastien“, Musik von Claude Debussy zu einem Mysterienspiel von Gabriele d’Annuncio. Vergessen ist das Schauspiel um den römischen Märtyrer, das aus der Heiligenlegende eine masochistische Orgie macht: „Wer mich am stärksten verwundet, liebt mich am meisten.“ Reizvoll daran erscheint heute, dass die Titelrolle des adonishaft schönen Jünglings von einer Frau dargestellt wird: hier mit graziler Sachlichkeit im Melodram von Georgia Stahl. Dazu im Solistenaufgebot: Sandrine Piau, Iris Vermillion und Claire Powell.

In der Musik aber tun sich neue harmonische Visionen auf, die das Orchester mit dem Ernst-Senff-Chor glanzvoll beschwört. Sigurd Brauns hat die Gesänge einstudiert, die meist Männer- und Frauenstimmen getrennt zu Wort kommen lassen. Archaik ist dabei, Mélisande und Tristan. Eine Begegnung, die Inbal ehrt. Die „Psalmensinfonie“ für Chor und Orchester ist ein Juwel des unverwechselbaren Igor Strawinsky. Der Aufführung fehlt es an Unmittelbarkeit und Stringenz. Nicht nur, weil die spezifische Farbe von Kinderstimmen fehlt, sondern auch wegen der Klangverdichtung. Man darf gespannt sein auf die neue Akustik, die das Haus für den Spielzeitbeginn verspricht.

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