Kultur : Ein Amphitheater für Bayreuth

Christiane Peitz

Iris, Nike, Daphne. Wieland Wagner gab seinen Töchtern griechische Namen. Wer damit groß wird - und sich beim USA-Studium unversehens mit der gleichnamigen Turnschuhmode konfrontiert sieht - hat unweigerlich ein besonderes Verhältnis zur Klassik. Nike und Wagner. Griechenland und das Deutsche: "Ich habe erst den griechischen Wagner erlebt, dann den deutschen", sagt Richard Wagners Urenkelin im Gespräch mit Moderator Rainer Pöllmann, Kulturredakteur des Deutschlandradios.

Visavis der von Adlern umkreisten Nike-Statue im Lichthof des Berliner Martin-Gropius-Baus spricht die brillante Kulturwissenschaftlerin bei der von Tagesspiegel und Deutschlandradio angezettelten "Kulturverschwörung" gleichwohl weniger über ihren Namen oder die Verwandtschaft von Wotan mit Zeus als über - Architektur. Umgeben von den Amazonen und Parthenon-Bruchstücken der Klassikausstellung spricht sie über Wagner und Gottfried Semper, den Inspirator der Festspielhaus-Architektur.

Wenn sie als Kind im Bayreuther Theaterraum saß und nach oben schaute, wunderte sie sich. "Wieso ein Zeltdach mit Seilen und Stricken, und mit blauen Segmenten, als schaute der Himmel herein, wir sind doch nicht in einem Freilufttheater?" Was soll diese Anmutung eines Zirkuszelts? Die Faszination der provisorischen "Baracke" hat Nike Wagner sich bis heute bewahrt. "Es geht mir um die Antiken-Nachwirkung im deutschen Historismus", umreißt sie ihr Thema. "Die Klassik selbst: ein Theaterstück, ein Stil-Stück, das nur existiert, wenn man es interpretiert, benutzt, sich heranholt."

Und so holt sich Nike Wagner die Architekturgeschichte heran, als Geschichte des Zitats, des Rückgriffs, der Anverwandlung - von den antiken Amphitheatern und Roms Kolosseum über Palladios Teatro Olimpico in Vicenza bis zu den Revoluzzern Wagner und Semper, die als steckbrieflich gesuchte Zürcher Exilanten ein Opernhausprojekt für Rio de Janeiro ausheckten. "Tristan und Isolde" sollte es sein, aufgeführt in einem Zweckbau, dessen Form sich allein aus seiner Funktion ergibt. Aber das brasilianische Festspielhaus wurde nie gebaut. Dann interessierte sich Ludwig II. dafür, um "aus bierumnebelten Münchnern kunstliebende Griechen zu machen", wie der König gesagt haben soll. Auch daraus wurde nichts. Realisiert hat Semper seine Pläne schließlich in den 1870er Jahren - in Dresden.

Aber erst in Bayreuth nimmt er 1876 endlich Gestalt an: der Traum von der Antike, der in der Renaissance weitergeträumt wurde, die wiederum ihr Echo im Klassizismus eines Karl-Friedrich Schinkel fand, den Gottfried Semper seinerseits revidierte. Dabei heißt der Architekt der Wagner-Kultstätte Otto Brückwald, Semper ist lediglich Ehrengast bei der Eröffnung. Dennoch wird die Übertragung des "Bilds der griechischen Demokratie auf die bürgerlichen Ideale um 1848" nirgends so manifest wie auf dem Grünen Hügel. "Die Ornamente fort!", schrieb Wagner auf Brückwalds Pläne, die Moderne vorwegnehmend. Zugleich verwirklichte er damit Sempers Idee vom Bauwerk als musikalischem Instrument: mit Orchestergraben, mengenweise Holz, der akustischen Vorzüge wegen, und mit einem halbrunden Giebelfenster am Übergang zwischen Bühnenhaus und Saalbau. "Aufregend" findet Nike Wagner dieses Fenster, das die Bahnhofsarchitektur des Industriezeitalters zitiert, als "Treffpunkt zweier Welten und Zeiten: von Klassizismus und Moderne, von Ästhetischem und Funktionellen".

Delphi, Bayreuth, Gare du Nord. Und dazwischen die Griechenfreunde Wagner und Semper, "der störrische Hamburger und der sprudelnde Sachse", die einander inspirierten und provozierten. Ohne Wagners Festspielidee sind Sempers Theaterbauten kaum denkbar; ohne Sempers funktionalistische Architektur hätten Wagners Musikdramen kaum je ihre kongeniale Behausung gefunden. Dabei habe Wagner "akrobatische Ansprüche an Sempers Fantasie" gestellt, verrät seine Urenkelin. Die Kombination des amphitheatralisch ansteigenden Zuschauerraums mit der barocken Guckkastenbühne erwies sich bei den Plänen für Rio und München als unlösbare Aufgabe. Erst im achtelkreisförmigen Auditorium von Bayreuth gelang sie dann doch, "die Versöhnung zwischen demokratischer Antike und feudal-höfischer Gesellschaft".

Nein, Nike Wagner spinnt keine Traumgespinste von der Klassik. Sie hegt einen Wachtraum, der sich jedesmal erfüllt, wenn sie das Festspielhaus betritt: "Alle sind gleich, alle sind Fürsten." Klassik nicht als Schwärmerei oder Kopie, sondern als unklassische Mischung, resümiert die kluge Essayistin am Ende: "wie das von Föhren, Fichten und Fahnen umstandene Wagnertheater in Oberfranken, mit seinen nordischen Mythen und Backsteinen, seinem versenkten Orchester und seinem stockdunklen Saal, seinen Pausenwürstchen und Politikern..."

Das Klassensystem der Kartenverteilung würde Wagner und Semper vermutlich nicht passen. Aber das, sagt Nike Wagner später im Gespräch, ist eine andere Sache.

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