Kultur : Ein Beitrag von Regiesseur Nuri Bilge Ceylan

Kerstin Decker

Am Anfang war da der Gedanke: Ist der Autorenfilm bis nach Anatolien gekommen! So ungefähr nach einer Viertelstunde, als der alte Mann im Wald arbeitet und sein Sohn ihm sehr versunken zuschaut. Neben sich die Sony-Videokamera. Lag in dieser Szene nicht alles? Die Grundentscheidung eines jeden, ob er zu den Tätigen gehören will oder zu denen, die anderen beim Tätigsein zuschauen. Aus letzteren werden dann die Kinematographen und sonstige Decadents. Und sowas gibt es jetzt auch in Anatolien?

Nach einer weiteren Viertelstunde zeigte "Mayis sikintisi" Züge eines Heimvideos. Wir sahen den Filmemacher mit seinen Eltern im Wohnzimmer, wir sahen die Zehen der Mutter und immer wieder die Hügel und Bäume. Selten hat jemand so schön den Wind in den Bäumen gezeigt wie Nuri Bilge Ceylan. Jeder Tag ist ein geretteter Tag, den man mit Bäumen verbracht hat, durch die der Wind geht.

Und dann bemerkten wir die Vögel. Es gibt keine Szene - wirklich keine einzige! - ohne Vögel. Es waren unglaublich viele und sehr verschiedene Vogelstimmen und wir wussten: Ganz tief drinnen ist dies ein Film für Ornithologen. Ein Autorenfilm für Ornithologen. Ein wahrhafter Avantgardismus.

Und nun kommt es darauf an, das alles wieder zu vergessen. Denn hinterher, nach über zwei Stunden, war man seltsam glücklich. Ein Zustand, der keinesfalls von den oben erwähnten Genres herrühren konnte. Unmerklich fast legte dieser Film seine Motive aus und verfolgte sie dann mit einer Zärtlichkeit, einer unaufdringlichen Aufmerksamkeit und einer wunderbaren Komik. Da ist der kleine Junge Mesut, der sich eine Uhr wünscht, die Musik machen kann. Vierzig Tage lang muss er ein rohes Ei mit sich herumtragen, hat die Tante gesagt, dann bekommt er die Uhr. Wie Mesut auf sein Ei aufpasst, egal ob er in der Schule "Mesut liebt Atatürk" an die Tafel schreiben muss oder den Nachmittag mit dem Filmemacher verbringt, der ihm umgehend rät, das Ei zu kochen. So sind sie, die Decadents aus den großen Städten. Tanten können ja nicht wissen, wie sehr kleine Jungen sich Uhren mit Musik wünschen. Und dieser Ei-und-Uhr-Handel zieht sich in immer neuen Wendungen durch den Film. Mit wunderbaren kleinen Pointen. Nuri Bilge Ceylan holt sie aus dem Innersten seiner langen Bilder, deren Rhythmus sich irgendwann überträgt, weil man spürt, dass sie Geschichten erzählen können. Auch die des Vaters, der seinen letzten schweren Kampf mit dem türkischen Staat austrägt. Ein Kampf um Bäume. Muzaffers Vater hat schon deshalb keine Zeit zu sterben, weil sie sonst kommen werden, seine Bäume zu fällen. Und zwischendurch soll er auch noch im Film seines Sohnes mitspielen!

Anatolien hat man sich anders vorgestellt. Keine Klage der Eltern über ihren Sohn, der viel lieber mit Videokameras umgeht als mit Frauen. Niemand erwähnt es auch nur. Das ist der Zauber dieses eigentümlich friedlichen Films. Die leise, kaum hörbare und doch überdeutliche Botschaft, dass man nur jedem das lassen muss, was ihn ans Leben bindet. Ein paar Bäume, Uhren, die Musik machen können oder Filme, die einem selbst gefallen. Und vielleicht ein, zwei anderen. Oder doch vielen mehr?Heute 18.30 Uhr (Royal Palast) 22 Uhr (International)

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