Kultur : Ein Bericht aus Istanbul, in der Woche nach dem Erdbeben

Sezer Duru

Jetzt ist die Suche nach Verschütteten eingestellt worden. Aber wir, die Überlebenden, werden die Momente jener Nacht unser Leben lang nicht mehr vergessen.

Obwohl behauptet wird, dass die Tiere Erdbeben instinktiv vorausfühlen können, haben unsere beiden Perserkatzen keine Reaktion gezeigt. Während des Erdbebens und auch danach haben sie nur irritiert umhergeschaut. Die Bevölkerung behauptet, dass die Hunde bellten, dass die Möwen umhergeflattert seien. Eine andere Legende besagt, in jener Nacht hätten die Sterne besonders hell geleuchtet. Wir selbst wären vor Todesangst gar nicht nicht auf die Idee gekommen, in den Himmel zu schauen. Bei solch grossen Erdbeben werden im Allgemeinen Vorfälle verbunden, die nichts miteinander zu tun haben. Dieses Mal wird das Erdbeben in Zusammenhang mit der Sonnenfinsternis gebracht.

Graberde über uns allen



Gegen 3.02 Uhr am Morgen des 17. August wurden wir durch ein Beben, über dessen Kraft und zerstörerisches Ausmaß immer noch ausführlich diskutiert wird, aus unseren Betten herausgetrieben. Zuerst hörten wir ein lautes Dröhnen, danach fing alles an gewaltig zu wackeln. Häuser krachten zusammen, die Fenster gingen klirrend zu Bruch. Nach den Erdstössen fiel der Strom aus. Durch die Dunkelheit gerieten wir erst recht in Panik. Ich denke, dass diese Minuten für Millionen von Menschen die längsten ihres Lebens bleiben werden.

Unser Haus, das 1920 gebaut worden ist, hat durch das Erdbeben keine Schäden davon getragen. Innerhalb von nur zwei Minuten waren alle Leute auf die Straßen gerannt. Der Park in unserem Viertel sowie der große Kreisel am Taksim Platz waren in kürzester Zeit voller Menschen. Wir bemühten uns, an Informationen heranzukommen. Da der Strom ausgefallen war, funktionierten die Fernsehgeräte nicht, fliessend Wasser gab es auch nicht. Das Einzige, was funktionierte, waren die mit Batterie betriebenen Radiogeräte. Aber erst nach einer Stunde kamen Nachrichten über das Erdbeben. Wie schrecklich sein Ausmaß war, haben wir viel später, nachdem das Fernsehen wieder sendete, begriffen. Wir konnten sehen, dass die alten Stadtteile Istanbuls verschont geblieben, aber Bezirke wie Avclar und Sefaköy dem Erdboden gleich waren. Die wirklich verheerenden Schäden haben jedoch die Industiestädte in der Umgebung erlitten.

Wir konnten nicht glauben, was wir da sahen. Die Menschen liefen verwirrt durch die Gegend und versuchten, mit den blossen Händen ihre Angehörigen auszugraben und zu retten. Der Himmel war voller schwarzer Wolken, da die Ölraffinerie in Izmit brannte. Hinzu kam die Angst vor einer Explosion des Industrieanlage. Wegen der vielen besorgten Menschen, die versuchten in die Erdbebenregion zu gelangen, um ihre Angehörigen zu suchen, entstanden Staus, der Verkehr brach zusammen. Auf einigen Strassen verhinderten Risse das Fortkommen. Die Telefonverbindungen im ganzen Land kollabierten. Sogar der Ministerpräsident konnte nur noch übers Fernsehen mit seinen Ministern kommunizieren. Für einige Zeit kam die Kommunikation der ganzen Türkei zum absoluten Stillstand.

Dann begann die Wut der Betroffen, der Angehörigen der Opfer und der gesamten Bevölkerung zu wachsen. Die meisten Kritiken richteten sich gegen die Bauherren, dann gegen die Stadtverwaltungen, zuletzt gegen den Staat. Eine große Tageszeitung bezeichnete die Bauherren, die aus schlechten Materialien erdbebenunsichere Häuser gebaut haben, auf ihrer Titelseite als Mörder. Den Stadtverwaltungen warfen die Menschen ungenügende Kontrolle der Bauherren vor.

Die grösste Kritik richtete sich gegen die Politiker. Verzweifelt fragten die Menschen: "Wo bleibt der Staat?" Obwohl die Türkei ein erdbebengefährdetes Land ist, verfügt sie über keine ausgebildeten Rettungsmannschaften. Die Koordinierung der Rettungsabeiten begann erst am dritten Tag. Das einzige, was uns in dieser Zeit Kraft gab, war die Anteilnahme der Bevölkerung und der ausländischen Rettungsmanschaften.

Jeder, der die Nacht des Bebens miterlebte, sagt: "So etwas darf nie wieder geschehen." Nachdem wir vier Tage auf der Strasse geschlafen haben, leben wir in ständiger Angst. Die Nachbeben dauern an. Ängste, Schlaflosigkeit, Übelkeit, Erbrechen und Unruhe ebenfalls. Wenn wir die Häuser betreten, fangen wir an zu schwitzen, es ist unvorstellbar heiß geworden. Wir haben das Gefühl, in der Hölle zu sein. Keine einzige Arbeit können wir halbwegs vernünftig verrichten. Seit Tagen hocken wir nun vor dem Fernseher und schauen uns fassungslos die Bilder an. Dabei sprechen wir nicht viel. All die Menschen im Epizentrum des Bebens, die nun obdachlos geworden sind, Angehörige verloren haben oder bei denen gar die ganze Familie ausgelöscht wurde: Wie mögen die sich jetzt fühlen? Man mag gar nicht an all die Folgen denken, die ewig andauern werden. Es war, als sei Graberde über uns allen ausgeschüttet worden. Ein Bild hat mich besonders gerührt: Als die ausländischen Rettungsmanschaften nach sehr vielen Stunden einen Mann gefunden hatten, wollte er nicht befreit werden, weil er im Scheinwerferlicht sehen konnte, dass seine beiden Kinder gestorben sind. Er schrie: "Lasst mich unter den Trümmern." Wer weiss, wie lange er noch unter den tonnenschweren Trümmern auf den Tod gewartet hat.

Ein Haus wie ein Gespenst



Vor Jahren zählten das "Bogaz" und das "Park Hotel" im Art Déco-Stil am Taksim-Platz zu den schönsten Hotels in Istanbul. Später wurden sie verkauft. Der neue Besitzer lies das wunderschöne Gebäude abreißen und fing gierig an, dort ein dreißigstöckiges Gebäude bauen zu lassen. Die Anwohner protestierten heftig. Schließlich wurden aufgrund ihrer Klagen die oberen Stockwerke abgerissen. Aus Wut bringt der Besitzer seit Jahren die Bauarbeiten nicht zu Ende. Nun steht das Gebäude wie ein Gespenst, ein Ausdruck der Hässlichkeit in der Gegend. Nach dem grossen Schock fragen wir die Menschen, die in die Parks des Viertels zum Schlafen gehen, wohin sie wollen. Sie antworten: "Zum Park Hotel."Die Autorin, geboren 1942, lebt als Journalistin und Übersetzerin in Istanbul. Aus dem Türkischen von Levent Gülfirat.

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