Kultur : Ein Berliner Realist und Chronist der Großstadt

Heinz Ohff

"Großgörschen 35" nannte sich die Selbsthilfegalerie, die einige junge Berliner Künstler 1964 in West-Berlin gründeten. Sie standen sowohl im Gegensatz zur abstrakten Kunst des Westteils der Stadt als auch zu jenem altmodisch-verstaubten Realismus, den die DDR in Ostberlin pflegte. Im Berlin der siebziger Jahre hieß diese Spielart "kritischer Realismus", die sich in der Nachfolge von George Grosz und Otto Dix sah.

Einer der Großgörschener, die diesen in Amerika von Robert Rauschenberg populär gemachten Realismus auf eigene und sehr Berlinische Art vertraten, war Peter Sorge. Ein bärtiger, breitschultriger und konsequenter Erzberliner war er. Obwohl im Krieg in Mecklenburg und Dortmund aufgewachsen, kehrte er zum Studium der Kunst zurück in die Heimatstadt. Seine Ausbildung empfing er bei zwei sehr unterschiedlichen Lehrern, wie Fred Thieler (abstrakt) und Mac Zimmermann (gegenständlich). Sorge fand seinen eigenen Weg, lehnte aber auch die Zerpflücktheit seines Vorbildes Rauschenberg ab. Ganz konsequent wollte er jenen Realismus in die Kunst übertragen, die dem modernen Menschen durch Medien tagtäglich nahe gebracht wurden. Da er vor allem als Zeichner genial begabt war, ist er seiner Zeit mehr entgegengekommen als jeder andere Künstler. Dass man ihn nie als ordentlichen Professor berief, sondern nur als Gastprofessor Anfang der achtziger Jahre an die Kunsthochschule Braunschweig holte, ist eine Versäumnis. Da Sorge sich mit dem Alter selbst aufgab und überdies an einer langwierigen Krankheit litt, ging hier ein Ansatz verloren, der die Berliner Kunst durchaus bereichert hätte. Am Montag ist er im Alter von 62 Jahren nicht lange nach dem Tod seiner Frau gestorben. Die Kunst seiner frühen Jahre, die Aufzeichnungen eines Chronisten im Großstadtdschungel, hat alle Aussicht, zumindest in die Berliner Kunstgeschichte einzugehen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar