Kultur : Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

THEATER

Alexander Visser

Wer anderen gerne bei der Arbeit zusieht, wird den Abend genießen: Mittels Sand, Schaufeln und Schubkarren verwandeln die zu Darstellern mutierten Bühnenarbeiter den Festsaal der Sophiensäle in eine Savannenlandschaft. Heiner Müllers Bildbeschreibung ist Theater für Fortgeschrittene. Sein äußerst komprimierter Prosatext beschreibt ein imaginäres Gemälde. Die Figuren aus diesem Bild beschreiben es und lassen es im Kopf des Zuschauers erst entstehen. Spielszenen ergeben sich aus den Fragen des Textes an das Bild, etwa: Ist der zerbrochene Stuhl Folge eines Mordes oder eines Liebesaktes?

Susanne Truckenbrodts Inszenierung (weitere Aufführungen: 20.–23.11.) wählt einen ungewöhnlichen Zugang: Zu Mann und Frau im Bild treten ein Mann und eine Frau vor dem Bild. Unter ihrer Anweisung bauen die Roadies das Gemälde als Bühnenbild nach: Wir sehen das Bild, das sonst nur im Kopf entsteht, als Pappmascheekulisse. Die komplizierte Versuchsanordnung funktioniert in der wortlosen Spannung, die die Schauspieler-Tänzer Lydia Starkulla und Uwe Schmieder unter dem eingebildeten preußischblauem Himmel entstehen lassen. Etwa im Liebesspiel auf einem Tisch, das in einen Mord übergeht, der in eine Liebeszene übergeht, der in einen Mord übergeht... Vor dem Bild spielen Antje Görner und Dieter Kölsch mit dem Müllerschen Text („tot ist tot“), den sie mal vortragen, mal quieken, mal stottern und mal röcheln.

Ein Abend voller rätselhafter Bilder zwischen eingebildetem Himmel und geschaufeltem Sand.

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