Kultur : Ein bisschen Frieden

Sanfter siegen in Japan: „Twilight Samurai“

Silvia Hallensleben

Wäsche, Kindertrösten und Büro: Ein echter Macho ist dieser Seibei Iguchi nicht. Ein echter Samurai schon, auch wenn er manche alte Regel den neuen Zeiten anpasst. So stellt er die konkrete Sorge um die ihm Anvertrauten über den abstrakten Ehrbegriff. „Zwielicht-Samurai“ nennen ihn die Kameraden spöttisch, weil er nach getaner Arbeit in der Schreibstube heim zur Familie eilt, statt das Leben in Trinkstuben und Freudenhäusern zu genießen.

Seibei Iguchi ist Witwer. Am frühen Tod seiner Frau durch Schwindsucht gibt er sich eine Mitschuld, weil er nicht für angemessene Behandlung sorgen konnte. Umso aufopfernder kümmert er sich jetzt um seine altersdemente Mutter und die beiden kleinen Töchter, denen er – wir sind im 19. Jahrhundert – ungewöhnliche Bildung zukommen lässt. Dass dem gut aussehenden Mann neben den Pflichten keine Zeit mehr für die Körperpflege bleibt, lässt die Chancen auf neue Liebe und Wiederverheiratung schwinden. Doch dann trifft er seine geschiedene Kindheitsfreundin Tomoe (Rie Miyazawa) wieder – eine Frau, die sich beim Anblick einer zerrissenen Hose nicht angeekelt abwendet, sondern tatkräftig Nadel und Faden zückt. Eine Traumfrau, noch dazu in Bedrängnis! Für Tomoes Ehre riskiert selbst der Pazifist Seibei noch einmal im Zweikampf mit dem Schwert sein Leben.

Der durch seine Rolle in Hideo Nakatas „Ring“ auch im Westen bekannt gewordene Hauptdarsteller Hiroyuki Sanada überzeugt neben brillanten Kampfkünsten vor allem mit melancholischer Intensität. Yoji Yamadas Adaption eines Romans von Shuhei Fujisawa verbindet in sorgfältig kadrierten langen Einstellungen Kampfszenen mit häuslich-intimen Sequenzen, die Schilderung persönlicher Demütigungen mit Einblicken in die Endzeit des Shogunats. Der 1931 geborene Yamada ist ein Regie-Routinier, „Tasogare Seibei“ sein 77. und zugleich erster historischer Film. Den heroisierenden Klischees vom Samuraileben setzt er präzis recherchierte Situationen und differenzierte Einsichten entgegen.

„Twilight Samurai“, vor drei Jahren im Berlinale-Wettbewerb, ist eine sozial geerdete romantische Familiengeschichte im historischen Gewand: Der Erfolg des Oscar-nominierten Films, der bei den Japan Academy Awards zwölf Preise gewann, dürfte auch darauf zurückzuführen sein, dass die erzählten Konflikte durchaus aktuelle Nöte spiegeln. Ökonomische Unsicherheit, sozialer Stress und persönliche Abhängigkeiten dominieren auch heute in Japan, einem Land mit extrem hierarchischen Arbeitsbeziehungen. Nur die arg gefällige Hingabe der niedlichen Tomeo an häusliche Putz- und Ordnungsaufgaben stößt penetrant auf – als Männerfantasie eines über siebzigjährigen Regisseurs aber im Vergleich eher harmlos.

fsk am Oranienplatz (OmU)

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