Kultur : Ein bisschen Gefühl

Nächste Woche ist wieder Wettsingen: Der Eurovision Song Contest findet erstmals in Finnland statt. Deutschland siegte das letzte Mal vor 25 Jahren

Matthias Oloew

Wie eine Blume am Winterbeginn

Und so wie ein Feuer im eisigen Wind

Wie eine Puppe die keiner mehr mag

Fühl’ ich mich an manchem Tag

Dann seh’ ich die Wolken, die über uns sind

Und höre die Schreie der Vögel im Wind

Ich sing’ aus Angst vor dem Dunkeln mein Lied

Und hoffe dass nichts geschieht

Ein bisschen Frieden, ein bisschen Sonne

Für diese Erde auf der wir wohnen

Ein bisschen Frieden, ein bisschen Freude

Ein bisschen Wärme, das wünsch’ ich mir

Ein bisschen Frieden, ein bisschen Träumen

Und dass die Menschen nicht so oft weinen

Ein bisschen Frieden, ein bisschen Liebe

Dass ich die Hoffnung nie mehr verlier’

Ich weiß, meine Lieder, die ändern nicht viel

Ich bin nur ein Mädchen, das sagt was es fühlt

Allein bin ich hilflos, ein Vogel im Wind

Der spürt dass der Sturm beginnt.

Der Zeitpunkt für ihren Auftritt hätte nicht besser sein können. Großbritannien hatte seine Flotte in Stellung gebracht und erst am Tag zuvor forderte London seine Staatsbürger auf, Argentinien auf direktem Weg zu verlassen. Die Diplomatie im Konflikt um die Falklandinseln war gescheitert. Der Waffengang stand unmittelbar bevor.

Kurz nachdem die BBC vor 25 Jahren diese Nachrichten in die Wohnzimmer des Vereinigten Königreichs brachte, betrat die 17-jährige Nicole Hohloch aus Neunkirchen im Saarland die Bühne des Kongresszentrums im nordenglischen Kurort Harrogate. Ihr Lied, auf Deutsch gesungen, passte optimal zur Stimmung im Land und den Hoffnungen in Europa an diesem Abend: „Ein bisschen Frieden“.

Perfekt inszenierte Produzent und Komponist Ralph Siegel das Mädchen mit ihrer weißen Gitarre. Flankiert von Flügel und Harfe sang Nicole, ihr schulterlanges Haar adrett drapiert, im züchtigen dunkel gemusterten knöchellangen Kleid, vom Wunsch, dass alle nett zueinander sein mögen. Nicole sang vom Frieden und meinte doch nicht das große Ganze. Dabei hätte es Anlass genug gegeben.

Zwischen den Machtblöcken verschärften sich die Spannungen, seitdem die Nato den Doppelbeschluss gefasst hatte und alles auf eine Stationierung von Pershings und Cruise Missiles in Mitteleuropa hinauslief. In Polen herrschte General Jaruzelski mit Kriegsrecht. Im Nahen Osten drohte eine neue Eskalation. Und nun stand auch noch Großbritannien davor, sich militärisch mit der Junta in Buenos Aires zu messen.

Aber darauf wollten weder Ralph Siegel noch sein Texter Bernd Meinunger und schon gar nicht Nicole anspielen. Ganz im Gegenteil. Siegel hatte das Lied, das in der Urfassung „Frieden für die Welt“ hieß, sprachlich entschärft, weil, so Siegel seinerzeit im „Spiegel“, ihm der erste Titel „in Richtung Friedensbewegung zu weit ging“. Als ein Lied mit politischer Aussage sei ihr Beitrag nicht zu verstehen, sagte auch die Sängerin: „Das möchte ich ganz, ganz scharf trennen.“ Sie bekannte frei: „Ich singe nicht für die Friedensbewegung und die Demonstrationen, die veranstaltet werden.“ Die Adressaten ihrer Botschaft saßen in Wohnzimmern und nicht in Kabinettsälen.

Vielleicht wurde gerade deshalb ihr Auftritt zum Triumph. Zum ersten und einzigen Mal gewann Deutschland den Grand Prix Eurovision de la Chanson. Ein haushoher Sieg. 161 Punkte, die Konkurrenz aus Israel weit abgeschlagen. Fast alle Jurys aus den anderen 17 teilnehmenden Ländern gaben hohe Wertungen oder die Höchstpunktzahl „douze points“ ab.

Nicole räumte ab, weil sie eine wichtige Botschaft vortrug, ohne Konsequenzen einzufordern: „Ich weiß meine Lieder, die ändern nicht viel. Ich bin nur ein Mädchen, das sagt, was es fühlt.“ Damit umgingen die Deutschen bei der 27. Auflage des Sangeswettstreits geschmeidig jede Frage nach Verantwortung. Die britischen Zuschauer zum Beispiel, die das Lied beklatschten, standen geschlossen wie selten hinter ihrer Regierung in Sachen Falklandkrieg. Ein allzu offensives Bekenntnis zum Pazifismus wäre also nicht so Erfolg versprechend gewesen.

Das zeigte der Beitrag aus Finnland am selben Abend. „Nuku Pommiin“ (wörtlich etwa zu übersetzen mit: Schlafe nicht so lange, bis die Bombe kommt), war musikalisch zwar ebenfalls keine Glanzstunde, aber politisch so deutlich auf Abrüstungskurs, dass Sänger Kojo auch auf den großen Ostermärschen hätte auftreten können. Das Lied kam nicht an: null Punkte und damit letzter Platz.

Dass offensive Friedenslieder es mitunter schwer haben, selbst wenn sie von André Heller komponiert wurden, zeigte auch das Abschneiden Österreichs beim Grand Prix 1979, dem ersten, der in Israel stattfand. Sein Song „Heute in Jerusalem“ – nicht nur sprachlich, sondern auch musikalisch etwas sperrig –, der vom friedlichen Zusammenleben im Heiligen Land kündete, fand sich am Ende auf den hinteren Plätzen. Damals gewann wiederum Israel mit „Halleluja“.

Deutschland hatte es vergleichsweise leicht an diesem 24. April 1982. Die Konkurrenz schwächelte; Frankreich und Italien nahmen nicht teil. Überhaupt war ein bisschen die Luft raus aus dem Grand Prix. Nicht umsonst wählte die BBC weder London, Manchester oder Liverpool, sondern einen Austragungsort, wo sie die Live-Übertragung mit einer eingeblendeten Frage in allen Eurovisions-Sprachen beginnen musste: „Wo ist Harrogate?“ Das deutsche, nebenbei gesagt, in altdeutschen Lettern. So sah die Einblendung, verbunden mit einem Blick auf den Austragungsort aus der Vogelperspektive, für einen Moment aus wie eine Zielbeschreibung deutscher Jagdbomber.

Stattdessen landete Nicole und sang vom Frieden. Sie kam so überragend ins Ziel, weil Ralph Siegel die ungeschriebenen Regeln dieser nach merkwürdigen Gesetzmäßigkeiten funktionierenden Veranstaltung am besten beherrschte: ein aktuelles Thema, eine passende Interpretin, ein gefühliges Lied, eine eingängige Textzeile und auf keinen Fall irgendwelche Aufdringlichkeiten. Aber das entscheidende: „Nicole war hungrig.“ Das sagt Jan Feddersen, Redakteur der „Tageszeitung“ und der deutsche Grand- Prix-Experte. „Sie wollte unbedingt gewinnen, so etwas muss die Jury spüren, sonst wird das nichts.“

Vor 25 Jahren entschieden noch weitgehend anonym agierende Jurys, welches Lied wie viele Punkte erhielt. Heute stimmt das Publikum per Telefon und SMS ab. Bei den Zuschauern ist es aber, so Feddersen, wie mit den Jurys: Sie müssen spüren, dass die Teilnehmer den unbedingten Willen haben zu gewinnen. Das sei nicht immer so, sagt er und erinnert an Auftritte, wo es an allem fehlte: Tempo, Anmut, Entschlossenheit, Witz, Esprit – aber vor allem Glaubwürdigkeit. Die Fernsehzuschauer – 1982 waren es 200 Millionen, heute sind es mehr als doppelt so viele – wollen den Willen, diesen Wettstreit für sich zu entscheiden, sehen, damit der Funke überspringt. So war es eher dieser Grund, der zu Nicoles Sieg führte, als die Aussage des Refrains.

Die haben die deutschen Friedensaktivisten Nicole und Ralph Siegel ohnehin nicht abgenommen. „Das Lied wurde eher belächelt“, erinnert sich Jo Leinen, heute Europaabgeordneter der SPD, damals Grüner Frontmann auf den großen Friedensdemonstrationen. Aber es gab Unterschiede: „Die Fundis haben das Lied gehasst, die Realos sahen das differenzierter: Wenn die Botschaft bei der breiten Masse ankommt, ist das in Ordnung.“ Leinen erinnert sich, wie leicht man den eingängigen Refrain mitsingen konnte. Das haben viele getan. Auch er: „Das war ein Ohrwurm, man konnte dem Lied nicht entkommen.“

Dass man es aber mit einem politischen Schlager, der noch dazu aufrichtig gemeint ist, ganz nach vorne bringen kann beim Eurovisions-Grand-Prix, bewies Katja Ebstein, als sie elf Jahre vor Nicole 1971 mit „Diese Welt“ antrat: „Rauch aus tausend Schloten senkt sich über Stadt und Land. Wo noch gestern Kinder war’n bedeckt heut’ Öl den Strand.“ Es war der erste Öko-Song der Eurovision. Und ein Erfolg: Platz drei – eine bessere Platzierung hatten deutsche Lieder bis dato in der Eurovisions-Geschichte nie erreicht.

Im Gegensatz zu Nicole hatte die Berlinerin Katja Ebstein, musikalisch aus der Liedermacherszene kommend, ihrem Texter Fred Jay im Großen und Ganzen vorgegeben, was sie singen möchte: „Ich war immer ein politischer Mensch“, sagt Ebstein heute, „deswegen war es für mich normal, über diese Themen zu singen.“ Liedermacher können, so Ebstein, sehr viel stärker ins Detail gehen: „Schlagersänger müssen mit viel weniger Text auskommen.“ Deshalb spricht sie Ralph Siegel auch nicht eine redliche Absicht ab, die hinter „Ein bisschen Frieden“ stecke: „Der Weltfrieden betrifft schließlich uns alle, da muss es erlaubt sein, dass sich jeder auf seine Weise dazu äußert.“

Jan Feddersen geht noch einen Schritt weiter: „Nicole war in gewisser Hinsicht politischer als es die Friedensbewegung je war. Sie hat mit ihrer persönlich gefärbten Botschaft Millionen erreicht und damit mehr bewirkt.“ So ein Satz kann von Jo Leinen nicht unwidersprochen bleiben: „Bei allem Erfolg, den das Lied hatte, aber die Gegenwehr, die der Nato-Doppelschluss hervorgerufen hatte, entstand sicher nicht durch Nicole“, sagt er mit Blick auf die Protestaktionen im Bonner Hofgarten oder an der Militärbasis in Ramstein. „Die politische Aussage hat man einem Hannes Wader abgenommen, aber nicht Ralph Siegel.“

So sieht es auch Peter Urban, Moderator des NDR, der seit 1997 für die ARD die Kommentare während der Live-Show spricht: „Ein bisschen Frieden ist zwar immer noch besser als ein bisschen Sahne oder ein bisschen Pudding, aber man darf nicht den Grundfehler begehen und dieses Lied ernst nehmen.“

Umgekehrt glaubt Urban, dass auch der aufrichtige Polit-Song eine Chance hat und keine Ausnahme sein muss wie bei Katja Ebstein: „Es hängt alles sehr von der Musik ab“, sagt er und erinnert an den Beitrag der Ukraine, gesungen, als das Land selber die Show in Kiew ausrichtete: „Es war ein Song, der die orangene Revolution verteidigte, der das Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung thematisierte.“ Ähnliches gelte für das Lied, mit dem die Türkei erstmals den Wettbewerb gewann, gesungen von Sertab Erener, das die Rolle der Frau in der türkischen Gesellschaft thematisierte. Oder für die Beiträge aus Israel: „Sie sind oft vom Thema Frieden geprägt, vom Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden.“ In der kommenden Woche tritt Israel mit einem Lied an, das „Press the Button“ heißt. Urban: „Eine sarkastische, punkige Darbietung. Da kann einem schon ein Kloß im Hals stecken bleiben.“

Seit dem Erfolg von Nicole hat Deutschland es aber nur noch selten in die vorderen Ränge geschafft. Zweimal Platz zwei (beide Male erreicht durch die Gruppe „Wind“ mit „Für alle“ und „Lass’ die Sonne in Dein Herz“), zweimal Dritter (die Mädchen-Combo „Mekado“ um Dorkas Kiefer mit „Wir geben ’ne Party“ und die deutsch-türkische Formation Sürpriz mit „Reise nach Jerusalem“), ansonsten vor allem unteres Mittelfeld oder Schlusslicht. Können die Deutschen nur nach vorne kommen, wenn im weitesten Sinne ein politisches Thema auf der gesamteuropäischen Agenda steht?

Peter Urban glaubt das nicht: „Mit einer tollen Komposition und einer guten Gruppe würden wir es auch mit einem Love-Song schaffen.“ Dass es im letzten Jahr mit „Texas Lightning“ nur für das untere Drittel gereicht hat, erklärt sich der Musik-Fachmann so: „Europa hat den Auftritt nicht verstanden“, sagt Urban zu der Nummer im Country-Stil, „die Zuschauer haben nicht reflektiert, dass die Cowboy-Hüte von Olli Dietrich und Co. keine Ami-Anbiederung, sondern eher ironisch gemeint waren.“

Von der reinen Platzierung aus betrachtet ist der siebte Rang, den Guildo Horn 1998 belegte, weniger beachtenswert. Tatsächlich hatte sich in Deutschland der Kult um den Grand Prix, wie der Eurovision Song Contest hierzulande immer noch genannt wird, durch Guildo Horn aber neu belebt. Schlagzeilen in der Bild-Zeitung, erregte Diskussionen in den Foren der Schlager-Freunde, und kopfschüttelnder Protest in Volksmusik-Sendungen der ARD: Darf so jemand Deutschland repräsentieren?

Er durfte. Sein skurriler Auftritt wurde im Austragungsland – wieder Großbritannien – bejubelt, wo ebenfalls eine Renaissance des Sangesspektakels stattgefunden hatte. Allerdings unter gänzlich anderen Vorzeichen. Aus der etwas steifen Veranstaltung mit Orchesterbegleitung, langen Ansagermoderationen und Vorstellung von Texter und Komponist war eine grelle Party geworden, die das Spektakel in den Mittelpunkt stellte und nicht mehr die Musik. Statt des 75 000 Einwohner-Städtchens Harrogate richtete die BBC den Wettstreit nun in der Millionenstadt Birmingham aus.

Überhaupt war die Show größer und aufwendiger geworden. Mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Exitus des Ostblocks sind nahezu alle mittel- und osteuropäischen Länder dabei. Um alle Zuschauer unterzubringen, die live dabei sein wollen, richtete Dänemark den Song-Contest 2001 im größten Kopenhagener Stadion aus. „Heute ist der Grand Prix viermal so groß wie vor 25 Jahren“, sagt Jan Feddersen und meint damit nicht nur das Teilnehmerfeld. Und auch bei den Fernsehzuschauern hat sich die Einstellung zum Grand Prix geändert. Aus dem trauten Familien-Fernsehabend zu Nicoles Zeiten ist – vor allem in den Großstädten – eine Mitmach-Fete geworden, zu der Public Viewing in Clubs und Bars schon lange vor der Fußball-WM gehörte. Der klassische Schlager, wie ihn Nicole repräsentierte, hat für diese Show ausgedient.

Dass es dabei weniger um die Musik geht, ist für Peter Urban eine Folge vom Desinteresse der Musikindustrie an der Veranstaltung: „Es gab Beiträge in einer Qualität, die es einem schwer gemacht haben, loyal zu bleiben.“ Beispiele nennt er nicht, nur Ausnahmen: Max Mutzke, Stefan Raab und Michelle. Ähnlich sehe es auch in Großbritannien aus: „In den letzten Jahren kam nur noch Müll aus dem Mutterland der Pop-Musik, das war so etwas von schlimm.“

Deutschland versucht’s am Sonnabend mit gefühligem Swing. Der Titel von Roger Cicero hat die Zielgruppe klar im Blick: „Frau’n regier’n die Welt.“ Und in der Tradition von Nicole ist auch ein bisschen Politik dabei.

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