Kultur : Ein bisschen mehr als Frieden

Es war Kalter Krieg. Es war ein nasskalter Tag. Am 10. Oktober vor 25 Jahren wärmten sich in Bonn 300 000 Menschen an ihrer Ablehnung der Nachrüstung

Axel Vornbäumen

Als alles vorbei war, an jenem denkwürdigen Samstag im Oktober, dem 10.10.1981, spätnachmittags, so eine gute Stunde vor Beginn der Sportschau, da wurde der Regen auch wieder stärker. Der Herbst kam mit Macht, und die Dämmerung kam früh. Doch auf der Hofgartenwiese in Bonn, dort, wo eben noch Hunderttausende ihre Angst vor Krieg und ihre Sehnsucht nach Frieden in einer in Deutschland bis zu diesem Zeitpunkt nie gekannten Weise zu Protokoll gegeben hatten, sah man plötzlich junge Leute, die bis weit nach Einbruch der Dunkelheit durch den Matsch krochen und damit beschäftigt waren, den Müll der Massen zu beseitigen. Und auch das war wieder so ein merkwürdiges Bild – eines der vielen dieses Tages, die nicht so recht passen wollten zu den Bildern, die eine in sich zerrissene Gesellschaft bis dahin von sich selbst hatte. Links und frei – ja, das kannte man. Links und ordentlich? Oha, das war doch irritierend.

Als alles vorbei war, an jenem denkwürdigen Samstag, da war die Erleichterung allenthalben, dass man offenkundig friedlich für den Frieden sein konnte, halberlei ordentlich auch, liebenswert, bisweilen großmütterlich sogar, (spieß)bürgerlich zur Not und keinesfalls anarcho-zwangsgetrieben. Man kannte das so nicht. Sage niemand, dass das für selbstverständlich gehalten worden wäre. Die Polizeistatistik verzeichnete, geradezu enttäuschend, fünf kaputte Fensterscheiben und elf Festnahmen. Chaos und Anarchie sehen anders aus.

Anderntags meldete sich sogar der Kanzler zu Wort, des Lobes, nun ja, nicht voll, aber allemal bereit, jene Form von Anerkennung zu zollen, zu der der Hanseat Helmut Schmidt in Stilfragen noch immer bereit war. So trocken, als ginge es um die Bedienungsanleitung für einen Heizlüfter übermittelte die Nachrichtenagentur dpa: Bundeskanzler Schmidt äußerte sich nach Angaben von Regierungssprecher Becker „außerordentlich erleichtert und zufrieden darüber“, dass sich die Teilnehmer streng diszipliniert verhalten hätten. Die in der Demonstration zum Ausdruck gekommene Friedenssehnsucht werde wie bisher weiterhin Eingang in die Politik der Bundesregierung finden.

Eine Prise Formeldeutsch für die Friedfertigen war das, ein wenig Hinhalterhetorik, bei passender Gelegenheit abzulegen als Fußnote in den Geschichtsbüchern. Eine Fuhre Ratio gegen eine Welle der Emotionen. Immerhin: Schmidt hatte auf die Bilder dieses Samstags reagiert.

Sein Kontrahent Helmut Kohl, zu diesem Zeitpunkt nur ein knappes Jahr vom Beginn der eigenen, dann 16 Jahre währenden Kanzlerschaft entfernt, reagierte nur auf die Bilder im eigenen Kopf. Kohl hatte eine „Volksfront“ am Werk gesehen, eine „selbst ernannte Pseudoelite sogenannter sozialistischer Intellektueller“, die an jenem 10. Oktober 1981 aufgebrochen sei „zu einer anderen Republik“. Die große schweigende Mehrheit wolle aber den Erhalt der Bundesrepublik. Wahrscheinlich hatte Kohls christdemokratischer Parteifreund Hans Daniels, Oberbürgermeister Bonns, genau die im Sinn, als er am Tag danach ausdrücklich seinen Bürgern dankte – „für die gelassene Haltung, mit der sie trotz aller berechtigten Sorge alles ertragen haben.“ Daniels schwante Fürchterliches, wenn die Friedensfreunde Spaß an derartigen Großveranstaltungen gewinnen sollten: „Müssen es die Bonner Bürger, muss es der Einzelhandel wirklich ertragen, dass ihr Recht auf Freizeit, Bewegungsfreiheit und Ausübung ihres Gewerbes in gewissen Regelmäßigkeiten an Wochenenden durch Heerscharen von Demonstranten beschnitten wird?“

Vor neuen Fragen stand das Land. Fünf Jahre zuvor, 1976, war die Union noch mit dem Slogan „Freiheit oder Sozialismus“ in den Bundestagswahlkampf gezogen. Und nun also: Freizeit oder Frieden?

Für die, die an jenem Samstag dem Aufruf der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste und der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden gefolgt waren, für die, die da nun ausharrten, Bonn, Hofgartenwiese, feuchter Parka, nasse Füße, war das keine Frage. Die Welt, bipolar seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, stand für sie vor dem Abgrund. In Washington regierte Ronald Reagan, mehr Präsidentendarsteller denn Präsident, ein Cowboy, unversöhnlich. Und in Moskau Leonid Breschnew, ein Apparatschik mit buschigen Augenbrauen, unversöhnlich auch er. Zusammen ein Duo Infernale. Und mittendrin: Europa, Schlachtfeld für jene Eskalationsstrategen auf beiden Seiten, die für das Gleichgewicht des Schreckens immer neue Maßeinheiten erfanden. Schlimmer: atomares Schlachtfeld. Zwei Jahre zuvor, im Dezember 1979, hatte die Nato ihren „Doppelbeschluss“ gefasst: Die Stationierung von US-amerikanischen Mittelstreckenraketen – Pershing II und Cruise Missiles – bei gleichzeitigem Angebot an die Sowjetunion, atomar bestückte Mittelstreckenraketen vollständig aus Europa zu verbannen. Am 30. November 1981 sollten in Genf die Abrüstungsverhandlungen der Supermächte beginnen, die allerdings ergebnislos blieben; 1983 stimmte der Bundestag, dann schon mit der Mehrheit von CDU/CSU und FDP, der Stationierung zu. Die Sowjetunion brach daraufhin die Abrüstungsverhandlungen ab.

In jenen Herbsttagen des Jahres 1981 also ging es auf hochmögendem internationalen Parkett um Druck und Gegendruck, um den Aufbau von Drohkulissen, um Standhaftig- und Überzeugungsfestigkeit. Und mittendrin, zart erst, dann zunehmend stämmiger: das Pflänzchen Friedensbewegung. Von Moskau gesteuert, wie manch Kalter Krieger im Westen mutmaßte und/oder auch hoffte? Nur naiv? Oder einfach nur gewillt, wie es der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll formulierte, sich nicht zu „apathischen Zynikern“ machen zu lassen, zu einer „gelähmten Bevölkerung“. „Wir wollen uns nicht lähmen!“, rief Böll an diesem Tag der Menge im Hofgarten zu. Es war das Mantra für die, die nicht länger still sitzen wollten.

Noch am Tag vor der Hofgartendemonstration hatte der entschlossene Doppelbeschluss-Befürworter Helmut Schmidt beschwörend im Bundestag gesagt: „Denjenigen, die heute Angst haben, möchte ich sagen: Auch ich hatte Angst, als zu Beginn des vorigen Jahres, nachdem die Sowjets in Afghanistan einmarschiert waren, die Kontakte zwischen den Weltmächten abrissen, als man miteinander nicht mehr redete, geschweige denn verhandelte“. Für Marion Gräfin Dönhoff, Herausgeberin der Wochenzeitung „Die Zeit“, war es eine „der besten Reden, die Helmut Schmidt je gehalten hat“.

Viele aber hatten ihre Zweifel. Und auch in Schmidts Partei, der SPD, wuchs die sicherheitspolitische Gretchenfrage in immer neue Dimensionen: Überlebt am Ende nur der Stärkere oder nur der Friedfertige?

Schier unentwirrbar schien vielen in jenen Zeiten das Knäuel jener Argumentationsstränge, mit denen beide Seiten, Nato und Warschauer Pakt, ihre jeweiligen Waffenarsenale zu legitimieren wussten. Und unüberbrückbar wurden folgerichtig Ratio und Emotionen. So überzeugungsfest wie nachdenklich formulierte Gräfin Dönhoff in einem Leitartikel zu Rüstungswettlauf und Friedenssehnsucht: „... es ist durchaus möglich, dass sich da ein Prozess verselbstständigt, den schließlich keiner mehr kontrollieren kann. Nur: Überhaupt nichts spricht dafür, dass eine kopflose, plötzlich vom Zaun gebrochene einseitige Abrüstung mehr Sicherheit gewährt. Wo ist der Transmissionsriemen von jener emotionalen Friedenssehnsucht zur Politik?“

Doch als auf den Tag genau acht Monate später, am 10. Juni 1982, abermals Hunderttausende im Bonner Hofgarten demonstrierten, textete sich danach der Frontmann der Rockgruppe BAP, Wolfgang Niedecken, auf Kölsch ins Lebensgefühl einer ganzen Generation. Übersetzt klang es so:

„Ich habe mit eurer Logik nichts am Hut – wieso ihr was wo getan habt und noch vorhabt, weshalb über Leichen geht. Denn was ihr logisch nennt, das nenne ich pervers, eure ganze Wertigkeit auch. Mir bricht der Schweiß bei jedem Wort von euch aus, und wenn ihr still seid, dann auch. Was ihr Moral nennt, das ist für mich Krampf, was ihr ,normal‘ nennt, das auch.“

Niedecken nannte den Song „10.Juni“. Das Lied der Kölsch-Rocker – erste Zeile: „Plant mich bloß nit bei üch inn“ – wurde zur Hymne der Rüstungsgegner. Die mussten sich dafür Arroganz vorwerfen lassen, „als hätten sie ein Monopol für die rechten Wege zum Frieden“.

Am 10. Oktober 1981 aber gab es dieses Lied noch nicht. Und mag auch mancher gespürt haben an jenem Tag, dass er gerade möglicherweise der Geburtsstunde einer breiten Widerstandsbewegung beiwohnte – niemand ahnte, dass schon acht Jahre später die Mauer fallen und mit ihr einer der beiden Blöcke implodieren würde und die eben noch überlebensgroß erscheinenden Fragen nach globaler Sicherheit auf Normalmaß schrumpften, bevor andere, nicht minder bedrohlich wirkende Fragen auftauchten. Wie auch?

Rückblick also auf einen Tag, der die Welt nicht veränderte, das Land aber nachhaltig durchrüttelte.

Wie viele waren es eigentlich, damals?

240000, teilte die Polizeipressestelle Bonn mit.

250000, sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Schnoor.

300000, schätzte die Demonstrationsleitung.

So viele? Oder doch: So wenige nur? Helmut Kohl hatte in einem ja schon recht: Die schweigende Mehrheit der gut 60 Millionen Bundesdeutschen war zu Hause geblieben an jenem Tag. Noch im Sommer 1981 hatte eine Umfrage des Emnid-Instituts ergeben, dass 69 Prozent der Bundesbürger es ablehnten, sich an Aktionen der Friedensbewegung zu beteiligen. Mochte die Angst auch wachsen, die Ruhe war Bürgerpflicht. Gar 90 Prozent waren der Ansicht, die Bundeswehr mache den Frieden sicherer.

Doch die Luftaufnahmen, die eben diese schweigende Mehrheit am Abend des 10. Oktober 1981 von der Tagesschau in die Wohnstuben geliefert bekam, waren beeindruckend: Die Menge war zu groß, als dass man sie als Ansammlung von ein paar Spinnern im Ringelpullover hätte abtun können. Und sie war zu heterogen, als dass man ihr eine eindeutige Splittergrüppchenheimat hätte andichten können. Sie war zu friedlich, als dass man sie mit revolutionären Umsturzplänen hätte diffamieren können. Sie kam nicht aus der Mitte der Gesellschaft, aber sie hatte allemal genug Teilnehmer, die sich aus der Mitte in sie hineingetraut hatten.

Und sie hatte die nötigen Integrationsfiguren auf die Bühne gebracht: Böll, den Pfarrer Heinrich Albertz, den SPD-Vordenker Ehrhard Eppler. Dazu der auch bei den daheim Gebliebenen beliebte Harry Belafonte, der mit den Friedensbewegten „We shall overcome“ sang, unverfänglicher ging es kaum noch.

Doch natürlich gab es auch Untergangsrhetorik, düstere Szenarien von einem atomar verwüsteten Mitteleuropa, klagend, anklagend vorgetragen beispielsweise von Uta Ranke-Heinemann, die Jahre später im längst wiedervereinten Deutschland von der PDS mit Sinn für politische Situationskomik als Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten gegen Johannes Rau ins Rennen geschickt werden sollte. Kaum einer hätte das damals auf der Hofgartenwiese gedacht, andere Zeitläufte lagen näher, für Ironie, für Humor gar, war kein Platz: „Wenn das Volk stirbt, warum will die Regierung leben?“, fragte Ranke-Heinemann in die Menge. „Wen will unsere Bundesregierung, wenn sie aus dem Regierungsbunker aufsteigt, noch regieren. Aber vielleicht gibt es ja noch etwas zu tun. Es sind nämlich noch nicht alle tot in den Häusern. Und es werden viele sein, die um einen Gnadenschuss betteln. Und vielleicht sind die Herren Minister in der Lage, ein Todeskommando zu bilden, um diesem letzten Willen zu entsprechen.“

Die Bilder, die Ranke-Heinemann vor ihrem geistigen Auge hatte, waren zwei Jahre später für ein Massenpublikum zu sehen. Im November 1983, passend zur einsetzenden Nachrüstung, lief der Film „The day after“ an – die USA und die Sowjetunion hatten sich den befürchteten Nuklearkrieg geliefert, wenn auch nur auf der Leinwand. Zu sehen waren von der freigesetzten Strahlung schwer gezeichnete Gestalten, die auf ihre letzten Tage in einer Trümmerwüste vor sich hinvegetierten. Als der Film in deutschen Kinos zu sehen war, wurde viel geweint.

So war das in den frühen 80er Jahren. Während die Politik sich stritt, wie viel Antiamerikanismus sich wohl mit Naivität paarte, wie viel Neutralismus mit verschleierter Moskau-Treue, hatten nachdenklichere Geister wie Gräfin Dönhoff längst ein Phänomen ausgemacht, das neu war für eine Republik, die sich erstmals mit etwas anderem beschäftigte als mit dem fortwährenden Wiederaufbau: „Der gemeinsame Nenner für alle ist Existenzangst: Angst um die Erhaltung der Natur in all ihrer Vielfalt, Angst vor der um sich greifenden Kommerzialisierung aller Werte, Angst vor dem großen Krieg“. Für die Zeit-Herausgeberin hatte das mit links und rechts nichts zu tun: „Existenzielle Angst hat es immer gegeben, zu allen Zeiten für alle Generationen. Aber sie war eingebettet in das Netz religiöser Bindungen, fand dort Halt und Trost und drang nicht in die Politik. Heute ist die Existenzangst in die Politik eingesickert“.

Das blieb für Jahre so. Bald formten sich Menschenketten. Das Land veränderte sich zumindest optisch mit all den weißen Tauben auf blauem Grund, ohne die manch Autotyp nicht denkbar gewesen ist, und dem dazugehörenden, alles überwölbenden Spruch: Frieden schaffen ohne Waffen!

Am 24. April 1982 schaffte es die Sängerin Nicole mit ihrem Lied „Ein bisschen Frieden“ als erste Deutsche den Europäischen Schlagerwettbewerb „Grand Prix d’Eurovision“ zu gewinnen. Nicole sang: „Ein bisschen Frieden, ein bisschen Sonne, für diese Erde, auf der wir wohnen, ein bisschen Frieden, ein bisschen Freude,ein bisschen Wärme, das wünsch ich mir. Ein bisschen Frieden, ein bisschen träumen, und dass die Menschen nicht so oft weinen ...“

Mit der Friedensbewegung hatte das nichts zu tun, mit den Sehnsüchten der breiten Mehrheit indes sehr viel.

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