Kultur : Ein Bohrer wird geboren

Übertragung der Seele: die Ausstellung des Jüdischen Museums Berlin zum 150. Geburtstag von Sigmund Freud

Thomas Lackmann

Riesentorten sehen meistens besser aus, als sie schmecken. Die zum 150. Geburtstag Sigmund Freuds enthält 250 Kilogramm bunten Zucker, der ihre Oberfläche verschönt und versüßt. Ihr Kern allerdings – die Seele des Gebäcks? – ist aus Styropor.

Mit dieser gewaltigen biografischen Torte, auf der skurrile Filzpüppchen 24 Lebensstationen des ersten Psychoanalytikers darstellen, eröffnet das Jüdische Museum Berlin heute seine Ausstellung zu Freuds Wiegenfest; der eigentliche Festtag ist am 6. Mai. Die raumfüllende Leckerei im Erdgeschoss des Libeskindbaus intoniert ironisch-respektvoll den Stil der Jubiläumsschau. 24 pointierte Hörspielszenen kommentieren Kuchenstücke einer Gelehrten-Vita.

Schon in der Wiege trägt Sigismund Schlomo Bärtchen und Brille. Im Hotel sieht der Vierjährige, im putzigen Matrosenkleid, seine Mutter nackt, wie ihm später bei der Selbstanalyse dämmern wird. Im Zoologischen Institut zu Triest untersucht er Genitalien gritzegrüner Aale. Seine Hochzeit feiert der Atheist 1886 widerwillig nach jüdischem Ritus, da er als Österreicher keine Zivilehe schließen darf. 1891 in Wien erfindet er das analytische Setting mit der Couch. 1895 sieht man ihn mit seiner Familie, der er das Feiern jüdischer Feste verbietet, unterm Christbaum. 1920: Gründung des Berliner Psychoanalytischen Institutes an der Potsdamer Straße, wo Filzmännlein auf grauen Betten ruhen. 1923: blutbefleckte Krebs-OP. 1938: SA-Besuch in der Wiener Wohnung. 1939: Tod im Londoner Exil. Verfüllung seiner Asche in die Lieblingsvase.Im Zentrum der Schau hockt er noch mal selbst, beobachtet alles genau.

Auf die aktuelle Freud-Verteufelung, zu der sich mit Beginn des laufenden Jubeljahres vor allem manche Missionare der Hirnforschung aufgerufen fühlten, haben die Ausstellungsmacher Nicola Lepp, Daniel Tyradellis und Annemarie Hürlimann gelassen reagiert. Jene naturwissenschaftliche Kritik, die der Psychoanalyse ihren Mangel an belegbaren Fakten vorhalte, ignoriere Freuds Ansatz, der Kultur und Natur verbinde, sagt Lepp. Seiner Methode gehe es nicht um die Ableitung von Allgemeinerkenntnissen, der Einzelmensch stehe im Mittelpunkt. Die Ausstellung dazu sei eher eine Installation, zeige keine Originalobjekte und konzentriere sich auf die Sprache, das assoziative Medium der Psychoanalyse.

Deshalb führt der zweite Bereich hinter der Mega-Torte ins Labyrinth der Grundbegriffe: Masochismus, Trieb, Phobie, Verdrängung – ein Jahrmarktswald knalliger Leuchtreklamen. Psychovokabular, wie es samt den Klischees von Bekloppten und ihren Seelenklempnern die populäre Wahrnehmung des Themas bestimmt. Dazwischen leuchten Codenamen berühmter Fallstudien: Anna O., die ihren Vater pflegt und ihre Lähmungen in der „Redekur“ zu heilen vermag; Dora, für deren nervösen Husten Freud (wie für alle Seelenqual) sexuelle Gründe zu finden meint, in ihrem Fall eine Affäre des Vaters; der kleine Hans, dessen Pferdephobie sich auf seinen Erzeuger bezieht, mit dem er um die Mama konkurriert. Interaktive Spielzeuge – wie der Bohrer, mit dem der kleine Hans „Geborenwerden“ assoziiert – verdinglichen die Sprache als Versteck des Unbewussten.

Ein Wolf schaut von der Berliner Außenwelt durchs Fenster hinein; andere Objekte aus Krankengeschichten schweben als Mobiles zwischen Schlagworten. So jene legendäre Zigarre, mit der die Patientin Dora ekelhafte Kuss-Erinnerungen verband, woraus der Raucher Freud schloss, das Fräulein verliebe sich in ihn: Die „Übertragung“ als Clou der Analyse war entdeckt.

Vom verspielten Marktplatz der Terminologie geht es durch eine enge Gasse in den heiligsten Behandlungsraum. Hier reagiert das Design auf die Winkelarchitektur des Gebäudes. Eine Zickzack-Liege für Giganten, quasi der Grundriss des Libeskind-Baus als Analytikercouch mit Perserbezug, fläzt sich durch den schmalen Saal. Alptraum-Mobilar: so schräg, dass man runterrollt. Auf Monitoren flimmert die Hollywood-Karriere der Psychoanalyse in 100 komisch-ernsten Filmausschnitten.

An der Wand zeigt eine Bildleiste Interieurs der Psychotopographie zwischen Marzahn und Zehlendorf. 140 Analytiker waren bereit, ihre Behandlungscouch samt Ambiente zu knipsen. Ein Katalog bourgeoiser Wohnideen, nicht unkomisch: Dies ist der Ort, wo „es“ geschieht. Die Erforschung des Individuums, ein Projekt der Moderne, manifestiert sich als Lebensstil des aufgeklärten Bürgertums.

Das eigentliche Beziehungs-Labor, wo „es“ geschieht, ist indes nicht darstellbar. Im „Memory Void“, einem jener Hohlräume, die das mahnmalhafte Haus durchziehen, überlässt sich die Installation irritierend naiv der Dramatik des Schauplatzes. In diesem hohen, schmalen, dunklen Void liegt gewöhnlich ein Kunstwerk, Menashe Kadishmans „Fallen Leaves“ aus tausenden von Metallgesichtern: der Schutt- und Totenacker deutsch-jüdischer Historie. Jetzt werden hier übergroß grüne Umrisse des Analytikersessels Meister Freuds projiziert, während Fotos der Berliner Analytiker zeigen, was Patienten aus der Liegeposition sehen. Die Schmerz- und Leerstelle kollektiver Erinnerung wird zum pathetischen, intimen Ort der Übertragung, wo der Patient seine Problembeziehung auf den hinter ihm sitzenden Unsichtbaren im Sessel projiziert. Dazu erklingen am laufenden Band Liebesschlager.

Vor Jahrhunderten schon sei die menschliche Seele von den Ärzten verstoßen worden, hatte 1926 der Dichter Alfred Döblin in einer Gratulationsrede für Freud erklärt. Pfarrer und Dichter hätten sich andächtig ihrer angenommen, der Analytiker dagegen habe die Sprechzimmertür geschlossen und gesagt: „Legen Sie ab, gnädige Frau. Ja bitte, ziehen Sie sich aus.“ Da stehe die erschrockene Seele noch, meinte Döblin, und habe bis dato kaum mehr als den Hut abgelegt.

Die kitschig-sakrale Hommage des Jüdischen Museums präsentiert einen Seelenfreu(n)d, der hinter allem Elend den Geschlechtstrieb wittert und Gott als kollektive Neurose betrachtet. Aber gleichwohl werden, gegen unser 21. Jahrhundert, die Liebe und ein Menschenbild verteidigt, das mehr enthält als die Summe seiner chemischen Funktionen, mehr als Styropor und Zuckerguß.

Jüdisches Museum Berlin, bis 27. 8.

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