Kultur : Ein Bollwerk für den General

MICHAEL S.CULLEN

Der Berliner Museumsstreit geht weiter: Die Stiftung Stadtmuseum, zu der das Jüdische Museum gehört, hat in ihrer jetzigen Struktur keine ZukunftVON MICHAEL S.CULLENNicht nur in der Auseinandersetzung um Amnon Barzels Entlassung als Direktor des Jüdischen Museums, die am 4.September vor dem Arbeitsgericht verhandelt wird, beginnt eine entscheidende Runde.Die neugewählte Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde, die zur Zeit auf dem Museumsfeld Kooperation mit dem Senat ablehnt, tritt heute erstmals zusammen.Morgen kommt das Abgeordnetenhaus zur ersten Sitzung nach der Sommerpause zurück; ein Antrag von PDS und Bündnisgrünen liegt vor, die Stiftung Stadtmuseum Berlin (SSMB) zu reformieren, dem Jüdischen Museum "weitestgehende institutionelle Verselbstständigung zu gewähren".Die Akademie der Künste plant auf Wunsch des Senats eine Fachdiskussion über die anstehenden Probleme.Bei den verantwortlichen Politikern findet man in dieser Situation Gelassenheit und Nervosität.Staatssekretär von Pufendorf will die "Kuh vom Eis" - will heißen: Barzels Niederlage bei Gericht; Senator Radunski versucht, alles tiefer zu hängen, erkennt aber Struktur-Mängel bei der Stiftung Stadtmuseum; der Regierende Bürgermeister sagt vage: "Schreiben Sie, daß ich für eine Erweiterung der Gremien bin." Er hofft wohl, durch mehr Instanzen das Gewicht der bisherigen Entscheidungsinstanzen für SSMB samt Jüdischem Museum - Rat, Vorstand, Generaldirektor in einer Person - zu "mediatisieren". Doch Diepgen verkennt, daß nicht nur die autokratische Personalunion, sondern das komplette Gebilde an Haupt und Gliedern reformiert werden muß.Man braucht nur das Organigram der SSMB , etwas von ihrer Entstehung und der Amtsführung des Generaldirektors zu realisieren, um die Tragweite dieser Struktur zu begreifen.Nicht konträre Auffassungen vom "integrativen Modell" - der Darstellung Jüdischer Geschichte, verwoben mit Berlin-Geschichte - oder Dissenzen über die "Bespielung" des Libeskind-Baues am Berlin Museum bilden das vordringliche Problem, sondern die Ergebnisse unzureichend durchdachter Gesetze und Verordnungen.Die Organisation trägt die Handschrift eines obsessiven Kontrolleurs.Der Generaldirektor (Güntzer, SPD) ist gleichzeitig Stiftungsvorstand und Mitglied des Stiftungsrats, der nur noch aus einer weiteren Person besteht, Kultursenator Radunski, CDU.Stiftungsratsvorsitzender ist wiederum der Senator.Hier ist, en miniature, eine große Koalition am Werk; anders als der Senat hat sie - bis zur Entlassung Barzels - fast geräuschlos funktioniert.Güntzer, der die einmalige Konstruktion entwickelte, war über 25 Jahre zunächst Referent für bildende Künste, dann Museumsreferent bei der Senatskulturverwaltung; er hat quasi nach dem hierarchischen Vorbild seines Amtsapparates die Gesetze für den Stiftungs-Apparat formuliert, die Position des Generaldirektors vorbereitet.Als er vor zwei Jahren mit Gründung der Stiftung dieses Amt antrat, war der Ernennung ein umstrittenes Verfahren vorausgegangen: Die Vorschlagskommission bevorzugte eine andere Bewerbung, doch Kultursenator Roloff-Momin bestand - kurz vor der Wahl und dem eigenen Abtreten von der Macht - auf der Installierung seines verdienten Favoriten. Von Talleyrand soll der Satz stammen: "Es ist schlimmer als ein Verbrechen, es ist ein Fehler." Das kann man auf die Konstruktion dieser Stiftung übertragen.Sie ist zentralistisch, in ihr fehlt jene Verfahrensdemokratie, die der öffentlich-rechtlichen Institution eines demokratischen Gemeinwesens zu eigen sein sollte; sie ist unlogisch.Obwohl sie über mehrere Häuser (Berlin Museum, Märkisches Museum, Schloß Friedrichsfelde, Domäne Dahlem, Museumsdorf Düppel, Ephraim-Palais usw.) verfügt - schon die Heterogenität der Liegenschaften würde es nahelegen, sie nicht zu bündeln -, ist sie in fünf Hauptabteilungen mit 22 Abteilungen gegliedert (siehe Grafik), die diesen Liegenschaften in keiner Weise Rechnung tragen.Es gibt einen "General"-direktor, aber keine Direktoren, weder im Berlin Museum noch im Märkischen.Oben der Häuptling, alle anderen Indianer: es gibt Hauptabteilungsleiter, Abteilungsleiter, für unter anderem "Theater und documenta artistica", "Gemälde und Skulpturen", für "Handwerk, Handel und Gewerbe", für "Prähistorie".Die Zuordnung der Abteilungen zu Hauptabteilungen ist oft willkürlich, hält professionellen Vergleichen mit zum Beispiel einem Germanischen Nationalmuseum nicht stand.Eine Hauptabteilung ist das Jüdische Museum, mit Barzel als "Hauptabteilungsleiter".Güntzer hat dieses Problem, rhetorisch, erkannt: Da es "als einzelnes Gebäude nicht sinnlich erfahrbar ist, andererseits die angestammten Häuser ihre traditionsreichen Namen ...behalten wollen und sollen: Wie kann die Wahrnehmung ...befördert und intensiviert werden?" (Durchsicht 5, 1/96)) Viele von uns sind seit Jahrzehnten in Berlin.Wir haben Ausstellungen im Berlin Museum erlebt, deren Kataloge gekauft und gelesen; wir waren auf Festen in der Domäne Dahlem.Noch vor der Wende sahen wir Ausstellungen im Märkischen Museum an; auch dort gab es, weniger professionell, Kataloge und Jahrbücher; auch sie haben zur Berliner Geschichtsschreibung beigetragen.Doch das alles ist lange her.Obwohl dies von seiten der Stiftung bestritten wird: sie ist uneffektiv und, was die Verankerung im Bewußtsein der Städter betrifft, in der Versenkung verschwunden.Vorbei Rolf Bothes große Ausstellungen, vorbei die wissenschaftlichen Aufsätze einzelner Museumsleute; nicht mal mehr Mitarbeiter des Märkischen Museums tun sich publizistisch hervor, wie dies unter DDR-Regie, unter Herbert Hampes Obhut, möglich war.Funkstille. Wenig Ausstellungen, und wenn, wenig Ausstrahlung; Kataloge sind kaum mehr zu machen.Viele Sammlungen, die in dieser Zeit der Konsolidierung inventarisiert werden müßten, harren der Arbeit; hätte es die Affäre Barzel nicht gegeben, sagt ein durchschnittlicher Berliner Kulturkonsument, viele Leute hätten nicht gewußt, daß es überhaupt ein Stadtmuseum gibt.Dafür gibt es nun eine Hauptverwaltung, mit mehreren ehemaligen Mitarbeitern Güntzers aus der Senatskulturverwaltung; ein regelrechter Wasserkopf ist entstanden, auf Kosten wissenschaftlicher Museumsprofessionalität. Letzten Sonnabend, zu Beginn der Langen Berliner Museumsnacht, wurde im Hof des Märkischen Museums die "Hommage à Walter Stengel" eröffnet.Ausstellungsmacher Kurt Winkler referierte über den verdienten Direktor des Hauses, der die Institution von 1926 bis 1952 geleitet hat.Der Redner lobte die Distanz des Museumsmannes zur NS-Ideologie, verschwieg nicht ein Beispiel seiner "Verstrickung in das Unrechtsregime": Stengel hatte rund 4000 kunstgewerbliche Gegenstände aus Edelmetall, die von Juden bei der Berliner Pfandkammer abgegeben werden mußten, durch Ankauf vor dem Einschmelzen gerettet und dafür, "in dem Bewußtsein, daß es sich um unrecht erworbenes Gut handelte", ein Sonderverzeichnis angelegt, das als Herkunft der Stücke allerdings nur "Pfandkammer Berlin" angibt (dieses blieb unerwähnt).Doch die Feier in der Abendstunde diente weniger historisch-kritischer Akribie als der Traditionsbegründung.So bezog sich bei seinem Grußwort auch der Generaldirektor auf das Vorbild des Vorgängers.Güntzers joviale Ansprache wurde von bitteren Worten getrübt.Man lebe in einer Zeit, "in der uns von außen oft Bosheit und Dummheit geballt entgegenschlägt", klagte der Stiftungs-Chef und konnte sich einen Hieb auf "diese seriösen Berliner Zeitungen" nicht verkneifen, von denen eine behaupte, im Märkischen Museum habe es lange keine Ausstellung gegeben."Ich begrüße Sie zu dieser Nicht-Ausstellung!" Ironie kann kaum über die wenig gewichtige Arbeit eines Stadtmuseums hinwegtäuschen.Was ist mit Inventarisation und Restauration: warum müssen sie "zentral" erfolgen? Da die Häuser keine Direktoren haben, gibt es keinen "Zuständigen" für sie; es werden auch keine haus-spezifischen Etats mehr ausgearbeitet.Haushaltsvorschläge fordert der Generaldirektor nicht von den Häusern an: er macht alle selbst, zeichnet sie als Stiftungsvorstand ab, läßt sie sich durch den Stiftungsrat genehmigen. Was beispielsweise ist zu tun, wenn das Jüdische Museum eine Ausstellung über Juden im Handwerk, Juden im Mittelalter, jüdische Bildhauer machen will? Es muß sein Vorhaben, das liegt in der Natur dieser Struktur, mit den Abteilungen besprechen.Eine Hauptabteilung also ist "ethnisch", die anderen sind "fakultativ".Das Jüdische Museum wird sein eigenes Haus bekommen, den "Libeskind-Bau" - die anderen aber sind überall in der Stadt verteilt.Mittelbares Ergebnis dieser seltsamen Konstruktion ist ein scheinlebendiges Museum, das durch sinnlos zusammengehäufte Quantität ein konkurrierendes Gegengewicht abgeben soll zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK): Die langjährig angelegte Konstruktion der Stiftung Stadtmuseum ist auch auf dem Hintergrund West-Berliner Minderwertigkeitskomplexe zu sehen, als ein Bollwerk gegen die Konkurrenz der Bundes-Kulturinstitutionen, das - bis hin zum Professorentitel, den der Stiftungs-Generaldirektor automatisch erhält - an Gewicht und Herrlichkeit mit der SPK und dem Deutschen Historischen Museum gleichziehen soll. Das Stiftungsgesetz und jene Verwaltungsverordnungen, die ihm Biß geben, wurden alle von Güntzer selbst formuliert; wir gehen nicht so weit wie Dieter Hoffmann-Axthelm, der Güntzer einen "Duodezfürsten" nennt; seine Macht ist allerdings fast unumschränkt.Doch wäre es falsch, Güntzer allein für dieses System verantwortlich zu machen: Senator Roloff-Momin und Staatssekretär Sühlo haben seinerzeit die von ihm ausgearbeiteten Anträge vorgelegt; das Abgeordnetenhaus hat alles ohne große Debatte (abgesehen von der FDP, die dem Gesetz zur Errichtung der SSMB nicht zustimmte) passieren lassen; der Deutsche Museumsbund - sonst so flink mit Kommentaren - hat kein Wort dazu gesagt, daß ein Nicht-Fachmann für Museen an die Stiftungs-Spitze berufen wurde.Man könnte einwenden, daß die Präsidenten der SPK, Wormit und Knopp, Juristen waren; aber: sie waren und sind Präsidenten, nicht Direktoren, mischen sich nicht in Museumssachen ein, sondern repräsentier(t)en nach außen.Güntzer versucht, Präsident und Generaldirektor gleichzeitig zu sein. Wie auch der Streit mit Barzel ausgehen mag: Viele Fachleute und Politiker sind der Meinung, daß der momentane Zustand keine Zukunft hat.Ob eine Mediatisierung den Knoten wird durchhauen können, kann bezweifelt werden.Güntzers Macht durch Verdünnung zu kappen, wird wenig helfen.Die einzelnen Häuser müssen wieder Selbstständigkeit erhalten, eigene Planung und Haushaltsansätze entwickeln, müssen miteinander kooperieren können und wollen, vielleicht mit Verträgen, vielleicht in einem Verbund.In einem solchen Verbund gibt es für einen Generaldirektor keinen Platz.

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