Kultur : Ein Bollwerk namens Europa

Nach Melilla: Afrika und der Westen

Caroline Fetscher

Ende der Regenzeit, 1990. In der Deutschen Botschaft eines frankophonen, afrikanischen Landes wird das Dienstende eines Attachés mit Sekt begossen. Einige Mitarbeiter, Deutsche wie so genannte Ortskräfte, also Weiße und Schwarze, haben sich ein Dramolett ausgedacht. Das Bühnenbild vor der Freitreppe, flankiert von Palmen und Bougainvillea: ein Amtsstubenschreibtisch, ein Sessel dahinter, ein Holzstuhl davor. Auf dem Sessel sitzt gelassen der weiße Diplomat, am Holzstuhl ein nervöser, schwarzer Bittsteller. Er will ein Visum für Deutschland. „Aha, Sie haben eine Tante in Detmold?“, fragt der Diplomat listig nach. Der Afrikaner rudert mit den Armen, sein Französisch ist karg, seine Ausflüchte noch karger. Es gibt keine Tante in Deutschland, es gibt, alle ahnen es, nur ein paar illegal auf Containerschiffen eingeschmuggelte Vettern, die ihrerseits in Deutschland Illegales verhökern. Alle lachen herzhaft. Der Nächste tritt an den Holzstuhl heran. Er habe einen Bruder in Berlin. Er sei Automechaniker. Der Diplomat kräuselt die Lippen. „Ah, Berlin, ça c’est interessant... Votre diplome?“ Er hat es nicht dabei. Auftritt des nächsten Afrikaners. Immer lauter wird das Lachen, besonders das des karikierten Botschaftsmanns.

Der Außenstehenden eröffnete sich bei dieser Momentaufnahme schlagartig die Funktion einer europäischen Landesvertretung: Sie ist ein Bollwerk, eine Festung wider das Einreisebegehr Nichtdeutscher. Der Botschaft geht es weniger darum, für reisende Repräsentanten gelegentlich Empfänge auszurichten, bei denen Ortskräfte Getränke reichen oder einheimische, oft korrupte Plantagenbesitzer Geschäfte anbahnen können. Nein, es geht vor allem darum, die Bittsteller dort zu belassen, wo sie sind: in Afrika, bei ihresgleichen. Eine andere Frage ist es, wenn sich ein afrikanischer Diktator mit oder ohne Sorbonne-Abschluss nach dem Ende seiner blutigen Amtszeit an der Cote d’Azur niederlassen will. Millionenapanage und eine Villa? Kein Problem.

Heute ist Welternährungstag. Wenn Europa behauptet, höhere Stacheldrahtzäune und schärfere Grenzkontrollen zu brauchen wider den Ansturm der Armen, dann ist das nichts Neues. Nur sichtbarer ist die Festung geworden, etwa in den Bildern von Melilla, die das Fernsehen in diesen Tagen transportierte. In der postkolonialen Welt funktioniert nach wie vor eine unheimliche Allianz der Eliten, von Schwarzen wie Weißen. Dass Entwicklungshilfe in dysfunktionalen Staaten großenteils in den Taschen elitärer Clans versickert, wissen alle Hilfsorganisationen. Auch dass sich in den mit Öl, Rohstoffen und Baumwollplantagen gesegneten Ländern operettenhafte Potentaten einen Palast nach dem andern bauen, ist kein Geheimnis. Während Entwicklungshilfe als der „Tropfen auf dem heißen Stein“ beschrieben wird, ist es in Wahrheit der hohe Rang auf dem Korruptionsindex, der die Millionensummen im asozialen Nichts versickern lässt. Wenn afrikanische Schriftsteller und Intellektuelle dies anprangern, landen sie nach der Haft vielleicht als Dozenten an einer amerikanischen Universität. Haben sie Pech, geht es ihnen wie Ken Saro Wiwa, den damals ein Privatflugzeug der Firma Shell zur Exekution geflogen haben soll.

Die Bigotterie, mit der das Thema „arme Afrikaner“ im Westen verhandelt wird, gleicht immer noch dem Diskurs des 19. Jahrhunderts. Afrika ist reich. Sein Reichtum ist miserabel verteilt. Kriminelle Eliten haben sich den Lebensstil der Kolonialherren angewöhnt. Couragierte Demokraten und die außerparlamentarische Opposition erhalten nirgends die westliche Unterstützung und Solidarität, die sie dringend brauchen. Sie haben eben keinen Bruder in Berlin.

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