Kultur : Ein Brief, dein Todfeind

David Albaharis Roman „Der Bruder“.

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Kann man aus einer Belanglosigkeit große Literatur machen? Der serbische Schriftsteller David Albahari hat das zu einer Kunstform entwickelt: Viele seiner Romane und Erzählungen beginnen mit einem eigentlich banalen Vorfall. Dann werden die Dominosteine ins Fallen gebracht – und auf einmal ist nichts mehr so wie zuvor. In dem Roman „Der Bruder“ ist es ein Brief, der das Leben des im Belgrader Vorort Zemun lebenden Schriftstellers Filip verändert.

Das erfährt man aus den Worten seines Schriftstellerfreundes. In fast atemlosem, oft von indirekter Rede unterlegten Berichtston erzählt er von den Ereignissen nach der Ankunft des Schreibens und entwirft das komische Porträt eines psychopathischen Künstlers. Filip hat nämlich Angst, den Brief zu öffnen. Allein wie er den Brief lange umkreist, als wäre es ein Todfeind, ihn dann doch öffnet, verlegt, wiederfindet und schließlich liest, ist eine spannende Groteske. Filip lebt in der Wohnung seiner verstorbenen Eltern, die Schwester ist bei einem Verkehrsunfall umgekommen. Seine Biografie hat er in dem Buch „Das Leben eines Verlierers“ verarbeitet.

Das moderne Leben scheint dem zurückgezogen lebenden Schriftsteller Probleme zu machen. Die virtuelle Welt des Internets ist ihm suspekt und sogar eine „Quelle der Angst“. Ohnehin lebt er in einer Dauerkrise: Jeden Abend macht Filip sich eine Aufgabenliste für den nächsten Tag, doch ohne Erfolg: „Bald, sagte er, verzwicke sich alles dermaßen, dass er den Überblick verliere, inzwischen schätze er, dass er vier Monate hinter sich selbst herhinke.“

Ist Filip schizophren? Ist alles, was sich nach der Ankunft des Briefes abgespielt haben soll, nur einem überreizten Schriftstellergehirn entsprungen? Das könnte sein, suggerieren uns Albahari und sein stets zweifelnder Erzähler. Oft umrundet er den gleichen Sachverhalt: Wörter und Sätze wiederholen sich und werden mit winzigen Abweichungen variiert.

Dass die Wirklichkeit oft nicht so ist, wie sie uns erscheint, erfährt auch Filip beim Lesen des Briefes. Darin schlägt ein ihm bis dahin unbekannter Bruder mit Namen Robert, der eigens dafür aus Argentinien anreist ist, ein Treffen in Filips einstiger Stammkneipe Brioni in Zemun vor. Dessen Verschwinden aus der Familie hängt mit den Jahren der Repression im ehemaligen Jugoslawien zusammen: 1968 verkauften die Eltern Robert an ein kinderloses Ehepaar, das nach Argentinien auswandern wollte – der Preis war ein Diamantencollier.

Die Existenz eines Bruders stürzt Filip in eine Krise. Nun sieht es so aus, „als habe er ein falsches Leben gelebt und ein falsches Buch geschrieben“. So ist das geplante Treffen im Brioni von gemischten Gefühlen begleitet: von Verunsicherung und Freude über das plötzlich wiedergefundene Familienmitglied. Wieder und wieder malt sich Filip aus, wie das Treffen ablaufen könnte. Doch diese Fiktion wird von der Fiktion des Buches noch überholt: „Kurzum, das Treffen mit seinem Bruder sei zum großen Teil genauso verlaufen, wie er es vermutet hatte, aber auch so, wie er es sich überhaupt nicht habe vorstellen können“, berichtet Filip seinem Chronisten-Freund.

Aus der „wirklichen“ Begegnung im zweiten Teil des Buches macht Albahari eine absurde Komödie: ein raffiniertes Spiel aus misstrauischem Abtasten und versuchter Annäherung. Robert entpuppt sich als „hagerer Mann“. Er ist ebenfalls Schriftsteller und hat zwei dicke Bücher veröffentlicht, was bei Filip, der nur ein schmal geratenes Buch vorweisen kann, heftige Eifersucht verursacht. So kann keine wahre Versöhnung entstehen. Schließlich hat Filip die Unausweichlichkeit der Tragödie vor Augen.

Er begreift sich und Robert als Darsteller eines aristotelischen Dramas; die Gäste und das Personal des Brioni verkörpern den Chor: „Das war eine Aufführung, sagte er, die sich während der Entstehung selbst betrachtete.“ Womöglich schaut sich auch der Literatur-Spieler Albahari bei der Entstehung dieses Romans zu. Ursula Escherig

David Albahari:

Der Bruder. Roman. Aus dem Serbischen von Mirjana und Klaus Wittmann. Schöffling Verlag, Frankfurt a. M. 2012. 170 Seiten, 19,95 €.

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