Ein Brite in der deutschen Verlagswelt : Kleine Sünden, große Kunst

Von Buddelschiffen, Londoner Nächten und strengen Übersetzerinnen. Eine Lobrede

John le Carré
John le Carré, geboren 1931, heißt mit bürgerlichem Namen David John Moore Cornwell. Bevor er Schriftsteller wurde, arbeitete er für den britischen Geheimdienst; „Der Spion, der aus der Kälte kam“ begründete seinen Weltruhm. Zuletzt erschien sein Finanzkrisen-Thriller „Verräter wie wir“ (Ullstein, 2010). Foto: p-a/dpa
John le Carré, geboren 1931, heißt mit bürgerlichem Namen David John Moore Cornwell. Bevor er Schriftsteller wurde, arbeitete er...Foto: picture alliance / dpa

Ich habe ein leises Unbehagen gespürt, als der Brief der Ullstein-Verlagsleiterin Siv Bublitz ins Haus flatterte, in dem sie mich einlud, die Laudatio zum Verlagsfest in Berlin zu halten. Warum ich? Warum nicht einer der hervorragenden deutschen Autoren, die unter dem Ullstein’schen Banner antreten?

Der Skeptiker in mir, der nie richtig schläft, hatte darauf seine eigene, säuerliche Antwort: „Natürlich, wenn ich Siv Bublitz wäre, hätte ich es genauso gemacht: jemanden von außerhalb gefragt, der kein Deutscher ist, der nicht mehr das Kampfgewicht auf die Waage bringt und mit etwas Glück morgen früh wieder abgereist sein wird, ohne einen Scherbenhaufen zu hinterlassen.“

Dann aber erbarmten sich würdigere Gedanken meiner, und ich sah ein, dass Siv Bublitz keine bessere Wahl hätte treffen können. Der Motor des schriftstellerischen Schaffens hat drei wesentliche Bauteile: Kindheit, Erziehung und Erfahrung; alles Weitere kommt erst dann. Und bei näherem Hinsehen fiel mir auf, dass bei mir auf jedem dieser Bauteile „Made in Germany“ steht.

Als ich damals vor meiner englischen Kindheit Reißaus nahm, war es die deutsche Muse, die mir Zuflucht gewährt hat. Dank ihr habe ich in Oxford Deutsch studiert. Und als ich später Diplomat wurde, habe ich einige meiner prägendsten Erfahrungen in Deutschland gemacht. Die prägendste von allen war natürlich die vom August 1961, als ich am Checkpoint Charlie stand und das Bollwerk des Kalten Krieges aus der Asche des heißen Kriegs emporwachsen sah – und anschließend zurückeilte nach Bonn und in fünf Wochen „Der Spion, der aus der Kälte kam“ schrieb.

Aber ich habe auch heitere Erinnerungen an meine deutsche Zeit. Ich denke zum Beispiel an den Tag, als der ehemalige britische Außenminister Lord Carrington eine ganz besondere Würdigung der ehrbaren Hamburger Kaufleute empfing: ein riesiges Buddelschiff. Den Briten war es gerade einmal wieder misslungen, ihren Platz in Europa zu finden.

Man überreichte ihm die Flasche. Er starrte sie an, als würde sich darin sein ganzes bisheriges Leben spiegeln. „Muss ein britisches Schiff sein“, sagte er melancholisch. „Nur ein britisches Schiff schafft es, sich in eine so saudumme Lage zu manövrieren.“

Oder ich denke daran, wie Wolf Döring, ein Heißsporn von den Freien Demokraten, sich einfach nicht davon abbringen ließ, nach einem langen und nicht ganz alkoholfreien Gartenfest bei mir in Königswinter im eigenen Mercedes nach Hause zu fahren. Nur Sekunden, nachdem der Wagen aus meinem Tor gerollt war, krachte es furchtbar. Der Mercedes saß hoch in einer Linde, Wolf Döring saß drin, und die allgegenwärtige Bonner Polizei guckte zu ihm hoch. „Mir könnt ihr nichts tun“, rief Döring trotzig hinunter. „Ich bin Mitglied der Britischen Botschaft in Bonn!“

In der Botschaft war ich damals Mädchen für alles, einschließlich Dolmetschen, und zu meinen Aufgaben gehörte es, einflussreiche deutsche Meinungsmacher nach London zu begleiten und sie dort den führenden Politikern vorzustellen. Vielleicht der denkwürdigste von ihnen, wenn auch nicht der prominenteste, war ein bayerischer Bundestagsabgeordneter aus dem konservativen Lager, den ich Herrn Dr. Palmström aus dem Wahlkreis Rothenburg unter der Tauber nennen will. Dr. Palmström gehörte zu einer Sechsergruppe aufstrebender junger Hinterbänkler, die mit auf eine einwöchige Reise zur Mutter aller Parlamente durften. Er war groß und breitschultrig, eine Frohnatur mit einer dröhnend lauten Stimme. „In Deutschland bin ich verheiratet“, eröffnete er mir, noch während wir am Flughafen Köln-Wahn die British-Airways-Maschine bestiegen. „Aber in England bin ich durch und durch Junggeselle.“

Es war ein ruhiger, sommerlicher Sonntagnachmittag, als wir in London ankamen. In der großen Hotelhalle herrschte Stille, als ich meine Delegierten in ernstem Ton auf die anstrengende Woche einstimmte, die vor ihnen lag. Ich hatte kaum geendet, da bemängelte Dr. Palmström, dass nirgends im Programm das traditionelle englische Pub vorkomme. Er habe gehört, die Engländer tränken ihr Bier warm. Der Gedanke entsetzte ihn. Er beantragte, die Delegation möge dieser ungeheuerlichen Behauptung nachgehen, um Licht in die Sache zu bringen.

Wir gingen ihr nach. Gründlich. In mehreren Pubs. Im Dienste der Forschung vernachlässigten wir auch den schottischen Whisky nicht. Aber im Jahr 1960 schlossen die Londoner Pubs sonntags pünktlich um zehn. Auf den Stufen zu unserem Hotel beraumte Dr. Palmström eine Ad-hoc-Konferenz an. Die Nacht sei noch jung, sagte er. Und er betrachte es als die Pflicht der Delegation, ihre Feldforschung auf die weibliche Bevölkerung Londons auszuweiten. Mein Einwand, dass eine frühzeitige Bettruhe uns allen nur guttun könne, stieß auf taube Ohren. Der Antrag wurde zur Abstimmung gebracht. Ich kann mich an keine Neinstimme erinnern.

Damit hatte ich die Wahl: Entweder ich blieb bei meinen Delegierten – oder ich musste sie alleine losschicken und zu Gott beten, dass sie am Morgen vollzählig erscheinen würden. Die Pflicht (und menschliche Neugier) ließen mich auf meinem Posten ausharren. „Also, Herr Cornwell, wo finden wir die weibliche Bevölkerung?“

Für fünf Pfund wusste unser Portier genau, wo sie zu finden war. Gleich um die Ecke, am Shepherd Market, erklärte er uns, gebe es ein Etablissement, das rund um die Uhr Französischunterricht anbiete. Ein ausgeschaltetes Neonschild hieß, dass die Kurse alle belegt seien. Wenn das Neonlicht leuchtete, könne man sich einschreiben.

Das Neonlicht brannte. Ich klingelte tapfer. Ich war im Stresemann: schwarzes Sakko, gestreifte Hose, die Kluft der diplomatischen Hilfskraft. Meine Bundestagsabgeordneten hatten ihre dunklen Anzüge an. Die sehr üppige, nicht mehr ganz junge Dame, die uns aufmachte, trug ein rosa Nachthemd und ein rotes Tuch um den Kopf. Sie hatte sicher schon viel gesehen in ihrem Leben, aber so etwas wie uns denn wohl doch nicht. Ob sie uns für Steuereintreiber hielt? Für Polizisten? Oder für einen Kirchenchor?

Sie wollte uns schon die Tür vor der Nase zuschlagen, da trat Herr Dr. Palmström vor und schmetterte mit der ganzen Autorität seines Parlamentarier-Status: „We are German and we wish to learn French!“ Ich ergriff die Flucht. Das Frühstück am nächsten Morgen verlief eher still.

Bei einer Frankfurter Buchmesse gab mein britischer Verlag einmal ein Essen für alle meine ausländischen Verleger. Der älteste und renommierteste kam aus einem skandinavischen Land, das ich nicht beim Namen zu nennen wage. Das ganze Essen hindurch unterhielt er sich, sehr vernünftig, mit der hübschen Dame rechts von ihm. Dann wandte er sich widerstrebend mir zu: „Und was machen Sie?“, fragte er. „Ich schreibe Romane“, sagte ich. Wenn ein Verleger diese gefürchteten Worte hört, stellen sich ihm sofort die Stacheln auf. „Was haben Sie denn geschrieben?“, erkundigte er sich misstrauisch. „Na ja, als Letztes ,Der Spion, der aus der Kälte kam’“, sagte ich. Seine Feindseligkeit wich einem entzückten Lächeln. Er schlug mir auf die Schulter, packte meine Hand. „Len Deighton!“, rief er. Als Samuel Beckett sagte: „Mein Ruhm beruht auf einem Missverständnis“, wusste er gar nicht, wovon er redete.

Damit nähere ich mich dem Minenfeld, das keiner unversehrt überquert und das ich, wie Sie bemerken werden, so lange wie nur möglich umgangen habe: dem Thema deutsche Verlagswelt.

Was hat es für mich als Briten bedeutet, über 50 Jahre hinweg in Deutschland verlegt zu werden? Und was bedeutet es mir heute? Zunächst müssen Sie sich dazu bitte den Unterschied zwischen unseren beiden Kulturen bewusst machen. In Deutschland ist der Schriftsteller salonfähig, ja, er wird geachtet. Seine Meinung zählt. Man vergibt ihm im Namen der Kunst seine kleinen Sünden. In ganz wohlwollenden Momenten hat man hier sogar ein Wort, um ihn zu adeln: Dichter. Ich frage mich, wie wir Briten „Dichter“ übersetzen würden. Und wie wir es dann benutzen würden: „Wegschauen, Kinder, da vorn kommt ein Dichter!“

Meine erste Antwort wäre also: In Deutschland verlegt zu werden, heißt, mit seiner Arbeit ernst genommen zu werden. Hier ist plötzlich ein Verleger, der das Buch nicht nur gekauft, sondern es tatsächlich auch gelesen hat. Hier sind Lektoren und Übersetzer, die mit ebensolcher Leidenschaft bei der Sache sind wie wir Autoren selbst. Die Tinte auf dem deutschen Lizenzvertrag ist noch nicht ganz trocken, da hagelt es schon die ersten Lektoratsfragen – schrecklich lästige Fragen, weil sie einen so kalt erwischen. Warum hat mein englischer Lektor da geschlafen? Und mein amerikanischer Lektor auch?

Und dann die Fragen der deutschen Übersetzerin, mindestens genauso lästig: „Könnte der Autor bitte erklären, wie folgender Satz gemeint ist?“ Natürlich kann ich! Aber ich muss nicht! Ich bin ein Genie. Und was ist sie? Eine Übersetzerin. Und wenn ich den Brief bis dahin nicht in tausend Stücke zerrissen habe und mich herablasse, einen widerwilligen Blick auf den angeprangerten Satz zu werfen, was sehe ich? Sie hat recht. Der Satz ist mitnichten das literarische Kleinod, für das ich ihn gehalten habe – er ist unbrauchbar. Er muss entweder umgeschrieben oder, besser noch, ersatzlos gestrichen werden.

Und so kommt es, dass in letzter Sekunde vor dem Drucken eine Lawine von Korrekturen beim englischen Verlag eingeht, die sämtlich an die Amerikaner, die Kanadier, die Australier weitergegeben werden müssen und natürlich auch an all die anderen ausländischen Verlage. Alle bekommen einen Nervenzusammenbruch – diese verfluchten Deutschen!

Zu einem großen Teil hat dieser Unterschied mit der Berufsausbildung zu tun. Ich habe nie gehört, dass jemand in England einen Abschluss in Buchwissenschaft hat oder es auch nur studiert hätte – obwohl das inzwischen angeblich möglich sein soll. Nein, ins Verlagswesen scheint man auf ähnlich mysteriösen Wegen zu gelangen wie unsereins früher in den Geheimdienst. Die englische Verlagsbranche bleibt, trotz revolutionärer technologischer Fortschritte, viel zu häufig die letzte Bastion der gebildeten Amateure – aber ohne den Schutz vor den räuberischen Marktmechanismen, den ein solcher Amateurstatus eigentlich voraussetzt.

Vor ein paar Jahren habe ich mich sehr unbedacht für die Aufhebung der Buchpreisbindung starkgemacht. Das war im Rückblick ein schrecklicher Fehler. Die britische Buchindustrie hat sich damit ganz den Massenvermarktern ausgeliefert und dem bedrängten unabhängigen Buchhandel den Todesstoß versetzt.

Aber die deutsche Verlagsbranche, so wie ich sie kennengelernt habe, ist aus weit robusterem Stoff gemacht. Sie weiß um ihren eigenen Wert und um den Wert ihrer Leser. Und entscheidender noch, sie ist eine Branche, die aus ihrer eigenen dunklen Geschichte gelernt hat. Das lange, turbulente Leben des Hauses Ullstein liest sich wie eine Biografie von Deutschland selbst. Niemand hält Qualität höher als die, die gezwungen waren, Abstriche daran zu machen. Und niemand weiß den Wert der Meinungsfreiheit so zu schätzen wie jemand, dessen Recht auf freie Meinungsäußerung schon einmal eingeschränkt war.

Kein Wunder also, dass mir die deutsche Ausgabe meines jüngsten Buchs, wenn sie schließlich bei mir in Cornwall eintrifft – makellos übersetzt, wunderschön gebunden, wunderbar anzufassen –, wie ein fast magisches Geschenk aus der Vergangenheit vorkommt.

John le Carré hielt diese Rede am Sonntag auf dem Berliner Fest des Ullstein-Verlags. Aus Anlass des unrunden 108. Verlags-Geburtstags ist die umfangreiche „Ullstein Chronik 1903 – 2011“ erschienen (560 Seiten, 49,90 €). Copyright: David Cornwell, Oktober 2011

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