Kultur : Ein Buch. Und ein Film wie ein musikalisches Gemälde von Giuseppe Tornatores

Simone Mahrenholz

Es gibt Filme, da droht die Kritik sich von selbst zu verfassen. Ein opulentes Werk, mit glanzvollen Spielorten und Kulissen, erstklassigen Schauspielern, einem inspirierten Plot und ungewöhnlich guter Musik. So könnte man schreiben. Und das ganze Riesengemälde entstand nach einem Einpersonenstück! Dann beschreibe man noch Hauptdarsteller und Filmkomponisten, skizziere die originelle Plot-Idee und die poetische Weisheit des Buchs von Autor Alessandro Baricco ("Seide"). Alles prima. Fertig ist die sich selbst erzeugende Filmkritik.

Aber irgendwo ist ein Stachel. Worum geht es eigentlich bei dieser Entwicklung vom Monolog zum Mammutschinken? Um Geld? Um Kinoträume? Den Film zu sehen dauert etwa so lange wie das Buch zu lesen, ist aber für den Rezipienten billiger und für den Produzenten teurer. Der Film setzt andererseits viele Menschen in Lohn und Brot. Also: Zwar sieht der Film wunderschön aus und klingt auch wunderbar. Trotzdem fragt sich, wovon man schließlich mehr hat: von dem Erlebnis, wenn durch die Buchstaben Bilder in uns aufsteigen, die unserem eigenen Herz und Hirn zu entstammen scheinen. Oder vom Übergehen der Augen im Rausch der Bilder, Worte und Musik, die miteinander in diesem Film derart wetteifern, dass man vom einen immer durch das andere abgelenkt wird.

Seien wir gerecht. Der Film ist gelungen. Er hat phantastische Bilder, er hat diesen gewissen "Once upon a time in America"-Sound, er ist ein eigenes Kunstwerk, glänzend gebaut und erzählt. Trotzdem fühlt man sich am Ende eigentümlich leer. Das ist bei der Qualität zunächst rätselhaft. Vielleicht weil er in jeder Hinsicht überdosiert ist - weil seine nahezu genialen Momente in den fast wörtlich aus dem Buch übernommenen Passagen bestehen und diese unter dem ganzen Bild-Klang-Ausstattungs-Rausch ersticken.

Die Geschichte beginnt am 1. Januar 1900 auf einem Ozeandampfer, der die unterschiedlichsten Menschen und Schichten aus Europa ins gelobte Land bringt. Ein Mechaniker (Bill Nunn) findet im leeren Ballsaal auf dem Flügel in einer Zitronenkiste einen Säugling. Er nennt ihn "Danny Boodman T.D. Lemon Neunzehnhundert" und zieht ihn im Maschinenraum groß. Und hier bekommt der Zuschauer Bilder zum Augenübergehen: vom Schiffsrumpf wie von einer Kathedrale - durch die der Junge in seiner hängenden Wiege weit hin- und herschwingt. Und Ein Schauer packt uns, wenn wir die in Lumpen gekleideten Einwanderer sehen, die, entbrannt in Hoffnung, der vorbeiziehenden Freiheitsstatue zujubeln.

Als Neunzehnhundert acht Jahre alt ist, stirbt sein Ziehvater an Deck, und plötzlich kann der Junge Klavierspielen. Niemand weiß, woher, aber das Kind erfindet Melodien, die jeden in Bann ziehen. Erwachsen wird Neunzehnhundert (Tim Roth) schnell zur Legende, beherrscht die Kunst, das Leben der Menschen von ihren Gesichtern abzulesen und in Melodien zu verwandeln. Der genialische Pianist fährt auf einem Luxus-Liner hin und her, ohne je auszusteigen. Erzählt wird seine Geschichte in Rückblenden aus der Sicht seines Freundes, des farbigen Trompeters Max (Pruitt Taylor Vince). Die beiden spielen zusammen, aber vor allem hören wir den Pianisten alleine: von Ennio Morricone sind die Stücke im Jazz- und Ragtime-Idiom vielfarbig erfunden.

Regisseur Giuseppe Tornatore ("Cinema Paradiso") hat eine Art musikalisches Gemälde erschaffen, nicht ohne Hang zur Sentimentalität, aber mit größter Liebe zum Detail und zu den "tanzenden" Bildern des Istvan Szabo-Kameramanns Lajos Koltai. Etwa die Szene, wo der Flügel durch den sturmschwankenen Ballsaal tanzt. Die achtundachtzig Tasten werden wie ein Parcours gefilmt, auf dem die ganze Welt defiliert. Tim Roth agiert hier nicht so überzeugend wie gewohnt: man sieht, dass er schauspielt. Das Ergreifende des Films ist seine Weltanschauung, sie sagt: Nicht außen ist die Wirklichkeit, innen, in deinem Kopf ist sie. Der Pianist, der, selbst um seiner Liebe oder seines Lebens willen schließlich nicht von Bord zu gehen vermag, leidet an der Unendlichkeit der Welt. Warum diese wählen und nicht alle anderen Straßen, Leben, Frauen? Dass er kein Ende vor sich sieht, das schreckt ihn, und hat er damit nicht auch die Tragik des modernen Menschen beschrieben?

Hier liegt das Problem des Film: Statt Gefühle zu wecken, liefert er sie durch seine latent süßliche Erzählweise immer schon mit. Dem Zuschauer bleibt nichts übrig als sich dem permanenten Sinn- und Sinnen-Overload zu öffnen und leicht narkotisiert dahinzudämmern. Erst hinterher wird er wach, leicht schwindlig wie nach viel Sekt, und mag sich fragen: Was hab ich da eigentlich erlebt? Für diesen Kater-Moment ist es nicht schlecht, Alessandro Bariccos Roman "Neunzehnhundert" zur Hand zu haben.In berlin in den Kinos Capitol, Cinema Paris, Cinemaxx Potsdamer Platz, International, Olympia (englische Version, deutsch untertitelt) und Yorck

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