Kultur : Ein Buch zum Potsdamer Nahverkehr verbindet Stadt- und Straßenbahngeschichte

Jan Gympel

Bis heute bildet die Straßenbahn in Potsdam das Rückgrat des öffentlichen Nahverkehrs. Doch verglichen mit den vielen, oft hochfliegenden Plänen, die im Laufe der Jahrzehnte immer wieder lanciert worden waren, hat das Streckennetz doch nur bescheidene Ausmaße erreicht. Für die vorgesehene Verlängerung bis zum Bahnhof Wannsee hatte man beispielsweise schon 1907 beim Bau der jetzigen Glienicker Brücke auf dieser prophylaktisch Gleise verlegt. Auch eine Verbindung nach Teltow war in den dreißiger Jahren für notwendig befunden worden.

Wenigstens teilweise realisiert wurde um 1930 die Strecke nach Caputh - doch der Stummel zum Schützenhaus, über den man wegen diverser Rivalitäten nicht hinausgekommen war, wurde kaum frequentiert und nach dem Krieg als Materialspender für die anderen Strecken abgebaut.

So steht die Geschichte der 1880 eröffneten, 1907 elektrifizierten Straßenbahn in Berlins größtem Vorort immer wieder in enger Verbindung mit der Potsdamer Stadthistorie. Die Autoren des vorliegenden, gebundenen und reich bebilderten Buches arbeiten diesen Zusammenhang schön heraus. Auf diese Weise wird die detailreich erzählte Tramhistorie auch für Nicht-Nahverkehrsnarren interessant. Ebenso gibt es beispielsweise in Sachen Fahrzeugpark mehr zu erfahren als technische Einzelheiten und die obligatorischen Statistiken über den "Lebenslauf" der Wagen: Die Leistungsschwäche der Planwirtschaft führte zu einem bunten Kuddelmuddel aus verschiedensten Fahrzeugtypen und in den achtziger Jahren dann zu einer allmählichen Verwahrlosung des gesamten Betriebs, den die vor Ort Verantwortlichen angesichts der Rahmenbedingungen kaum aufhalten konnten. Wer glaubt, deshalb würde die Stadt nun über einem historisch besonders aufregenden Wagenpark verfügen, liegt jedoch falsch: Zu sozialistischen Zeiten befürchteten der Betriebsleiter und die Oberbürgermeisterin, herausgeputzte Traditionsfahrzeuge könnten an die böse, böse Vergangenheit der preußischen Residenzstadt erinnern und veranlaßten die sofortige Verschrottung aller ausgemusterten Wagen.

Die ökonomische Unzulänglichkeit des DDR-Systems verhinderte schließlich auch den Ausbau jenes Verkehrsmittels, dem der zweite Schwerpunkt des Bandes gewidmet ist: des O-Busses, der ab 1949 in Babelsberg verkehrte und zeitweise bis in den Ortskern von Drewitz fuhr. Doch nach der "Wende", als endlich Mittel und Materialien für eine Netzerweiterung zur Verfügung gestanden hätten, fiel das Verkehrsmittel, das die Geräuscharmut und Umweltfreundlichkeit der Straßenbahn mit der Flexibilität des Autobusses verbindet, mehr oder minder Intrigen und Ignoranz zum Opfer - ein nicht untypisches Ergebnis der Stadtpolitik unter dem OB Gramlich.Wolf-Dietger Machel/Michael Günther: Potsdamer Nahverkehr. GeraMond Verlag, München 1999. 176 Seiten. 39,80 DM.

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