Kultur : Ein Buch zur Wiederbelebung der alten Knorr-Bremse am Lichtenberger Ostkreuz

Robert Kaltenbrunner

Moderne Eingriffe in historische Bauten dürfen herausfordernd, ergänzend und hilfreich, nie aber langweilig oder imitierend sein - das ist ein so hintersinniger wie angemessener Leitsatz der Denkmalpflege. Gleichwohl: Er scheint nicht eben häufig beachtet zu werden. Allen Lobpreisungen der historischen Zeugnisse im Stadtgefüge zum Trotz beharrt das Bauen auf seiner (vermeintlichen) Autonomie, frei nach dem Motto: "Denkmalpflege hört auf, wo die Architektur einsetzt." Dass ein angemessener und revitalisierender Umgang mit der vorhandenen Bausubstanz heute dennoch stattfindet, und zwar abseits der Brennpunkte wie etwa der Museumsinsel, dies möchte eine üppig illustrierte Monographie über das Berliner Ostkreuz, genauer: über die historische Knorr-Bremse beweisen.

Lautet das erklärte Ziel, ein brachliegendes innerstädtisches Quartier funktionell und ästhetisch wiederzubeleben - unausgesprochen bleibt, dass es natürlich um Rendite geht -, so galt es konkret, die denkmalwerte Architektur eines Alfred Grenander zu bewahren und kongenial weiterzuentwickeln. Lange Zeit dörflich geprägt, wurde die Lichtenberger Ackerflur mit der 1871 eröffneten Ringbahn (über den Bahnhof Frankfurter Allee) direkt in den Sog der Reichshauptstadt und ihrer Mietskasernenstruktur einbezogen. Zur weiteren Verkehrserschließung entstand die Haltestelle Stralau-Rummelsburg und unmittelbar nachfolgend der Eisenbahnknoten "Ostkreuz", der als Verbindung von Ring- und Stadtbahn sowie von Vorort- und Fernverkehr noch ausgebaut wurde. Auch die von Georg Knorr seit 1899 betriebene Maschinenbaufabrik siedelte sich, weil an ihrem Ursprungsstandort in Britz nicht erweiterungsfähig, im Herbst 1904 hier, an der Neuen Bahnhofstraße, an und erlebte in den beiden folgenden Jahrzehnten eine dynamische Expansion.

Die unter diesem Namen hergestellten Luftdruckbremsen (Markenslogan 1926: "Der Gipfel der Sicherheit") sind längst zur Legende geworden. Zeichen des Wandels von einem anfänglichen Ingenieurbetrieb zu einem kaufmännisch geführten Unternehmen war auch 1913 der Autrag an Alfred Grenander als Architekten für den Neubau eines, auch repräsentativen Anforderungen genügenden, Komplexes mit Verwaltung und anschließenden Fabrikbauten. Grenander gehörte nicht zur Spitze der Avantgarde. Er suchte nicht das absolut Neue, war aber auch kein reiner Eklektiker. Er kultivierte seine Haltung zur "guten Form" und hielt dabei ein selbstauferlegtes, scharfumrissenes System der Ästhetik ein. So scheinen sogar die Erschütterungen des 1. Weltkriegs an ihm nahezu spurlos vorübergegangen zu sein. Das Hauptwerk für die Knorr-Bremse, das von 1922 bis 1927 entlang der Hirschberger Straße entstand, führte dessen Fassadengliederungssystem weiter: Eine (Industrie-)Architektur, die prägend wurde für die Stadt.

Im Rahmen der Zentrenplanung Berlins spielte das Gebiet um das Ostkreuz mit den Standorten der Knorr-Bremse und der Rummelsburger Bucht eine gewichtige Rolle. Auf der Grundlage eines Ende 1991 vorgelegten Strukturplans begann der Frankfurter Investor Helmut W. Joos mit seinem Architekturbüro J S K sich mit dem Standort auseinander zu setzen. 290.000 Quadratmeter Büro- und Gewerbefläche sowie 330 Wohnungen sollten hier verwirklicht werden. Was dabei herausgekommen ist, veranschaulicht und würdigt die vorliegende Publikation. Das ist so instruktiv wie legitim. Sicherlich jongliert das Projekt "Ostkreuz", mit seiner wahrhaft imposanten Größenordnung letztlich auf einem schmalen Grat zwischen Authentizität und der Erzeugung gefälliger Scheindenkmalwelten. Aber diese Gratwanderung ist notwendig, weil nur so die Öffnung des Überlieferten zu zeitgemäßen Nutzungen gewährleistet werden kann. Fragwürdig indes ist ein solches Buch deshalb, weil es dem Selbstdarstellungsdrang eines Unternehmens offenkundig stärker entspricht als dem Informations- und Unterhaltungsbedürfnis einer breiteren Öffentlichkeit.Standort Berlin-Ostkreuz. Historische Knorr-Bremse - Industriekomplex im Wandel. (Hrsg. von Helmut Engel). Jovis-Verlag, Berlin 2000, 160 Seite, 78 Mark

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