Kultur : Ein bürgerliches Heldenlied

Nachwort und Nachlass: In seinen Erinnerungen „Ich nicht“ setzt sich Joachim Fest vor allem mit dem Vater auseinander

Hermann Rudolph

In seinen Büchern und Essays hat sich Joachim Fest durchweg zurückgenommen. Das entsprach seinem Selbstverständnis als Autor ebenso wie, vielleicht, einer Gemütsart, die auf Distanz hielt. Erst mit den 2004 erschienenen „Begegnungen“, einer Porträt-Sammlung von Weggefährten und Freunden, ließ er auch etwas von sich selbst sehen, wurden die eigenen Neigungen und Urteile zum Thema. In seinem letzten Buch hat er das schwere Gepäck der hohen Form und der kunstvollen Gedankenführung nun ganz abgesetzt. Mit dem Schritt in die Autobiografie, mit den Erinnerungen an Kindheit und Jugend tritt Fest als Person gleichsam aus der Rolle heraus, die er in der Öffentlichkeit gespielt hat.

Herausgekommen ist ein erstaunliches, beeindruckendes Buch. Es ist der Bericht über eine Berliner Kindheit der besonderen Art und zugleich die Geschichte eines großen Widerstehens. Sie beginnt 1933, als der Vater, Rektor einer Mittelschule, entlassen wird, und beschreibt, wie eine Familie – Eltern und fünf Kinder – gegen das Dritte Reich lebt. Fests Erinnerungen wollen dieses Unterfangen festhalten, das ihm im Rückblick als ein glücklich überstandenes Abenteuer erscheint. Aber sie sollen auch bezeugen, dass eine solche Existenz möglich war. Das annonciert der erratische Titel des Buches, der die Ölbergszene, auf die er sich bezieht, wohl sehr eigenwillig deutet, dessen programmatischer Charakter gleichwohl unverkennbar ist.

Das Verblüffende an dem Buch ist zunächst die Entdeckung des Erzählers Fest. Mit spürbarem Vergnügen widmet er sich dem Ausmalen von Szenen und Personen, Details und Charakterisierungen und bedient sich des Repertoires der traditionellen Erzählformen in fast altmodischer, ja unterhaltsam-gefälliger Weise. So wird die Landschaft einer Berliner Vorstadtwelt der zwanziger, dreißiger Jahre lebendig, das Karlshorst, in dem die Fests lebten, Familie, Onkel, Tanten und Freunde, einschließlich Völkerballspiel auf der Straße, langer Strümpfe und des Klavierlehrers Tinz mit den kunstvoll hochgezwirbelten Haaren. Man staunt über die Fülle der Namen, an die Fest sich erinnert, wie über die Tonlage – „bumsfidel“ kommt einer daher, doch die Verhältnisse werden „pechös“ – , die Fests Erzählung bewahrt.

Es macht das Beklemmende an ihr aus, dass es diese ruhige Welt ist, in die das Dritte Reich eindringt – ein „Knacken im Gebälk“, das „Auseinanderfallen“ eines eben noch stabilen sozialen Gefüges. Inmitten von halbwegs intakten Lebensformen baut sich das Unheil auf – die Militanz der kleinen Nazis, der große Terror dahinter. In dieser Atmosphäre wächst Fest auf. Es war, so sieht er es im Rückblick, „eine Art von bürgerlicher Entwicklungsgeschichte in unbürgerlicher Zeit“. Und während Fest das Skandalon nachzeichnet, das „große Überlaufen“ der Gesellschaft, hält er die Halbgefühle des Heranwachsenden fest, lässt den Hintergrund aufscheinen, den kleinen Vorort, die große Stadt – mit dem „hart schlagenden Takt vorüberfahrender S-Bahn- Züge“ oder dem Himmel über dem Schloss, den die Kinder bei der Rückfahrt vom Weihnachtsmarkt noch „rötlich leuchten“ sahen, „bis das Bild im Halbdunkel der großen Stadt versank“.

Im Mittelpunkt aber steht die Gestalt des Vaters. Dieser Johannes Fest verkörpert einen intellektuell-moralischen Typus, dessen Vorkommen dem zeithistorischen Gedächtnis abhanden gekommen ist. Vielleicht hat es ihn nur im 19. Jahrhundert und seinen Ausläufern gegeben: Aufsteiger aus bescheidenen Verhältnissen – die Vorfahren waren Landwirte und Kleinbürger in der Neumark –, entschiedener Katholik und überzeugter Preuße, aber auch aktiver Republikaner, Mitglied von Zentrum und Reichsbanner, schließlich – und das nicht zuletzt – ein Bildungsbürger wie aus dem Bilderbuch. Diese Legierung widersprüchlicher kultureller Muster gibt ihm die Kraft, sich gegen die „Verbrecherbande“ zu stellen, als die er die Nazis empfindet. Kein Widerstand im engeren Sinn, aber Verweigerung, abgestützt nur im kleinen Kreis von Partei- und Gesinnungsfreunden, auch sie durchweg Verlierer der braunen Machtergreifung.

Mit einer Mischung von Rigorosität und unermüdlicher Bildungsarbeit an der familiären Binnenwelt schafft dieser Vater seiner Familie den Raum zum Leben in der feindlichen Umwelt. In der Mitte seiner vierziger Jahre aus dem Beruf gedrängt – also auch eine tragische Gestalt –, wird er zum Vermittler, mehr noch: zu einem Monument der Standfestigkeit gegen das Regime und den Mainstream der Mitmacher und Mitläufer. Die vorsichtigen Vorbehalte der Mutter, doch wenigstens den Pro-forma-Eintritt in die Partei zu erwägen, wegen der Kinder und weil „wir“ doch auch dann bleiben, „wer wir sind“, weist er schroff zurück: „Das gerade nicht! Es würde alles ändern!“ Indem er die beiden größeren Kinder – zehn und zwölf Jahre alt – mit an den Abendtisch setzt, an dem er frei redet, stiftet er ein „Wir gegen die Welt“-Bewusstsein, das sie gegen die Verführungen immunisiert, die das Regime gerade für Jugendliche hatte. Wie sehr, das haben zuletzt die Bekenntnisse von Günter Grass bezeugt.

Das Familien-Biotop, das der Vater errichtet, ist der Bewunderung wert, aber es hat auch seine problematischen Seiten. Unter der Mentorschaft dieses Mannes bilden deutsche Dichter und Denker, Musik und Geschichte noch einmal ein schützendes Haus, während das Land in die Barbarei stürzt. Aber er verbietet dem Sohn die „Buddenbrooks“, weil Thomas Mann mit seinen „Bekenntnissen eines Unpolitischen“ die Republik untergraben habe. Und die einzige wirkliche Auseinandersetzung ergibt sich aus Joachim Fests freiwilliger Meldung zur Luftwaffe. Um keinen Preis, so entrüstet sich der Vater, melde man sich zu diesem Krieg, und noch nach dem Krieg beharrt er darauf, der Sohn habe zwar „nicht unrecht“ gehabt, aber „recht gehabt habe ich“. Spätestens da wird der Starrsinn offenkundig, der auch zu diesem bürgerlichen Heldenlied gehört. Es ehrt Joachim Fest, dass er dessen Kosten nicht unterschlägt – bis zu dem Bekenntnis der Mutter nach dem Krieg, für „diese Art von Leben nicht gemacht“ gewesen zu sein. Noch auf dem Sterbebett bricht der Hader mit dem Schicksal aus ihr heraus.

Auch für diese Familie kommt das Ende des Regimes mit Schrecken. Die drei Söhne werden in ein katholisches Internat nach Freiburg geschickt, um sie aus der Schusslinie der Nazis zu bringen. Es folgt das Durcheinander der letzten Kriegsphase – Flakhelfer, Arbeitsdienst, Kriegseinsatz, Gefangenschaft. Der älteste Sohn überlebt nicht, Fest selbst und sein jüngerer Bruder kommen gerade noch davon, der Vater kehrt aus dem Krieg als gebrochener Mann zurück. Das Elternhaus geht verloren. Die Anfänge nach dem Krieg, die Fest eher beiläufig beschreibt, können die Tiefe des Erlebnisses von Nazi-Regime und Krieg nicht überdecken.

Joachim Fest, der vor wenigen Tagen gestorben ist, hat uns mit diesem Buch hinterlassen, wie er wurde, was er war. Es ist ein Exempel für eine, so Fest, „in der Erinnerung bewahrte, schrittweise Aneignung der Welt“: ein großes Exempel, eine Erfahrung der Welt, die niemanden unberührt lässt.

Joachim Fest: Ich nicht. Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend. Rowohlt, Reinbek 2006, 367 S., 19,90 Euro.

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