Kultur : Ein Bund, dem die Engel sich neigen

Benefiz der Berliner Staatsoper mit „Parsifal“

Sybill Mahlke

„Den heil’gen Speer, ich bring’ ihn euch zurück“: Es ist ein Parsifal im weißen Haar, der mit diesen Worten die Würde des Gralskönigs übernimmt: Placido Domingo, der wohlbekannte Sänger. Seine feine Darstellung gibt keinerlei Hinweis darauf, dass er als Magnet eines Benefiz gewonnen wurde. Die Staatskapelle Berlin spielt für die Seebebenopfer in Südostasien unter der Leitung von Daniel Barenboim den dritten Aufzug des Werkes, das die alles andere als kleingläubige Bezeichnung „Bühnenweihfestspiel“ trägt. In der Philharmonie, wo sich die langsamen Wunder der Musik an diesem Nachmittag auf ingeniöse Art entfalten, darf dem Festspiel getrost auch ein Element der Weihe zugestanden werden, weil drei überragende Gesangssolisten, der Staatsopernchor und das Orchester für diese Kategorie der Ästhetik einstehen.

Nicht zuletzt aber vermittelt die konzertante Aufführung in ihrer Qualität einen Eindruck davon, wie viel Bühne der Theatermann Richard Wagner mitkomponiert hat. Als ob der Raum ausgelotet würde, klingt das Erstaunen des Gurnemanz über die (schweigende) Kundry: „Wie anders schreitet sie als sonst!“ Auf- und Abtritte der Solisten folgen dem szenischen Geschehen. Parsifal ermattet auf dem Rasenhügel bei einer Quelle, die Fußwaschung: So eine Szene ist nicht am Stehpult vorzutragen. Domingo, der die Rolle seit langem verinnerlicht hat, hält darauf, die Stellen sitzend auswendig zu singen. Die dunkel leuchtende Tenorstimme ist älter geworden, aber sie bringt wie in Bayreuth vor 12 Jahren das „tief mitleidvolle Naturell“ des Titelhelden zum Ausdruck. Im Wesen dieser Gestaltung liegt Zuhören, Zuwendung, und der Karfreitagszauber kann nicht ergriffener besungen werden als von Domingo.

Mit dem Amfortas hat Thomas Quasthoff jüngst an der Wiener Staatsoper debütiert. Und es ist erstaunlich, was er an Eigenem in die Partie des siechen Königs einbringt: Noch nie wurde eine so andächtige, schön gesungene Huldigung an den Vater Titurel vernommen: „Du Reinster, dem einst die Engel sich neigten.“ Als souveräner Gralsritter Gurnemanz ist René Pape der Dritte im Ausnahmebund der Sänger. Er wird bei der Staatsopernpremiere am 19. März dabeisein. Diese „Voraufführung“ hat den Maßstab hoch angesetzt.

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