Kultur : Ein Cappuccino Mit Judy Winter

TAGESSPIEGEL: Sie trinken zwei Stunden vor Ihrem Auftritt mit uns einen Cappuccino.Wissen Sie, was Marlene Dietrich trank, bevor sich der Vorhang hob?

WINTER: Ich könnte mir vorstellen, daß sie Tee getrunken hat.In ihren letzten Jahren war da vielleicht auch etwas drin, denn da soll sie ja ziemlich viel getrunken haben.Auch deshalb, weil sie unter fürcherlichen Schmerzen litt.

TAGESSPIEGEL: Die Dietrich pflegte seltsame Gewohnheiten: ihre Theatergarderoben soll sie in Gummihandschuhen eigenhändig geputzt haben.Haben Sie ähnliche Marotten?

WINTER: Marotten habe ich keine, aber was ich vor jedem Auftritt brauche, ist ein ganz strikter Ablauf.Ich lasse mich schminken, dann ziehe ich meine Garderobe an, dann gehe ich auf die Bühne und singe mich ein.Und dann mache ich noch ein paar Konzentrationsübungen.Wenn ich auf den letzten Drücker ins Theater kommen würde, würde ich völlig hilflos sein.Für meinen Ablauf brauche ich mindestens zwei Stunden.Das ist nötig, so wie sich ein Chirurg die Hände wäscht, bevor er operiert.

TAGESSPIEGEL: Marlene Dietrich soll vor ihren Konzerten am ganzen Leib gezittert haben.Wie groß ist Ihr Lampenfieber?

WINTER: Nicht ganz so groß, aber es ist jeden Abend da.Vor jeder Premiere frage ich mich: Warum habe ich mir bloß diesen Masochistenberuf ausgesucht? Manchmal kann diese Bühnenangst richtig körperlich werden, bis hin zu Durchfall.Aber dann gibt es natürlich auch immer wieder Abende, wo ich mich schon Stunden vorher auf den Auftritt freue.

TAGESSPIEGEL: Sie haben im letzten halben Jahr fast sechzig Mal "Marlene" gespielt.Ist Ihnen die Dietrich in dieser Zeit als Mensch näher gekommen?

WINTER: Eigentlich nicht.Und zwar deshalb, weil sie mir nie wahnsinnig fremd war, Im Positiven wie im Negativen.Ich glaube nachvollziehen zu können, was sie bewegt hat.Witzig ist es aber trotzdem, wenn die Leute nach der Vorstellung sagen: Original Marlene, genauso war sie.Denn kaum jemand hat sie ja privat wirklich gekannt.Sie ließ niemanden an sich ran.

TAGESSPIEGEL: Was glauben Sie denn, wie sie war?

WINTER: Ihr Hauptcharakterzug war wohl diese unglaubliche Disziplin.Ihre Selbstkasteiung, die eine Folge dieser Disziplin war, ist für mich das Erschreckenste.Ich weiß nicht, wie man es schafft, 17 Jahre lang die eigene Wohnung praktisch nicht mehr zu verlassen, nur weil man es seinen Fans nicht antun will, sehen zu müssen, daß man im Rollstuhl sitzt.Dabei hätte sie noch wunderbare Jahre haben können.Es hätte sich doch jeder drum gerissen, ihren Rollstuhl schieben zu dürfen.

TAGESSPIEGEL: Sie entschied sich für die Rolle als Star und verzichtete aufs Menschsein?

WINTER: Ja.Es gab ja auch auf Dauer keinen Mann in ihrem Leben.Und auch die Tochter hat sie von sich weggeschoben, es existieren kaum gemeinsame Fotos.Wenn sie was essen wollte - stelle ich mir vor - hat sie sich immer bloß gefragt: Ist das gut für meine Figur? Aber sie hat wohl nie gefragt: Was will mein Bauch?

TAGESSPIEGEL: Kennen Sie diese Form von Verzicht auch aus Ihrem Leben?

WINTER: Auch mein Vater war ein hoher Offizier, diese preußische Disziplin kenne ich von zuhause sehr gut.Meine Oma mußte ich siezen.Aber vom Anspruch, alles dem Beruf unterordnen zu müssen, habe ich mich im Lauf meiner Karriere befreit.Heute ist es für mich Luxus, mich auch mal einen Abend bloß zu langweilen.

Sylvester tritt Judy Winter zum vorerst letzten Mal als "Marlene" im Renaissance Theater auf, 22.30 Uhr.Wiederaufnahme am 17.März.Das Gespräch führte Christian Schröder

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