Kultur : Ein Chopin-Abend im Berliner Konzerthaus - und eine stille Sensation

Gregor Schmitz-Stevens

"Elisabeth Leonskaja ist süchtig nach Poesie", hat Joachim Kaiser einmal geschrieben. Unter dieses Motto könnte man auch ihren Chopin-Abend im Berliner Konzerthaus stellen. Mit singendem, ausdrucksvollem Ton ließ sie ihren poetischen Chopin-Visionen freien Lauf, gestaltete mitunter auch vermeintlich virtuose Paradestücke sehr lyrisch und innerlich. Die sehr langsam genommene As-Dur-Ballade, ja selbst das cis-Moll-Scherzo mit seinem Oktavendonner - all das wirkte faszinierend fein ausgehört, frei und improvisatorisch. In vielen Momenten ist das Spiel der Leonskaja introvertiert wie ihr Auftreten, doch schon im nächsten Moment kann die georgische Pianistin auch virtuos auftrumpfen, Freude am Zupacken zeigen. Das tat sie, ausgehend vom stürmisch dahinfegenden Presto-Finale der h-Moll-Sonate, vor allem am Ende des Konzerts, in den Zugaben. Wie entfesselt und in Feuer geraten wirbelte sie etwa das b-Moll-Scherzo.

Die langsamen und leisen Stücke waren die stillen Sensationen dieses Abends, vor allem die Nocturnes, aber auch entsprechende Partien und Sätze aus der Sonate oder der großen Polonaise-Fantasie As-Dur Opus 61. Wann hat man je das Seitenthema der h-Moll-Sonate so innig singen gehört, wann je die Oberstimmen im Des-Dur-Nocturne als so zärtliches Duett? In den gelungensten Momenten schwebt Leonskajas Chopin-Interpretation völlig frei und schwerelos im Raum - als gebe es gar keinen Notentext, den es präzise in Musik zu verwandeln gilt, sondern als entstehe die Musik ganz spontan aus dem Moment heraus. Das stellt die Leonskaja in eine Reihe mit den ganz großen Chopin-Interpreten unseres Jahrhunderts.

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