Kultur : Ein Demokrat Amerikas

Todfeindschaft und totaler Krieg: Roland D. Gerste über die Beziehung zwischen F.D. Roosevelt und Adolf Hitler.

Hannes Schwenger

Am 30. Januar 1933 wird Adolf Hitler deutscher Reichskanzler, am 4. März Franklin Delano Roosevelt amerikanischer Präsident. Er ist ein Jahr im Amt, als er ein Glückwunschschreiben Hitlers erhält: „Des Präsidenten erfolgreicher Kampf gegen wirtschaftliche Not“ werde vom gesamten deutschen Volk „mit Aufmerksamkeit und Bewunderung verfolgt“. Sieben Jahre später wird Hitler den „sogenannten Präsidenten“ in Washington „geisteskrank“ nennen und ihm den Krieg erklären.

Das war für Roosevelt keine Überraschung. Hitlers Kriegserklärung war ihm sogar willkommen, weil sie ihm die unvermeidliche, aber unpopuläre und durch die amerikanischen Neutralitätsgesetze von 1937 erschwerte Eröffnung des Waffengangs abnahm. Dabei hielt auch er seinen Gegenspieler in Berlin für wahnsinnig, und das schon etwas länger. Den französischen Botschafter Paul Claudel ließ er im April 1933 wissen, Hitler sei „ein Wahnsinniger und seine Berater, von denen ich einige kenne, sind wahrscheinlich noch verrückter als er selbst“.

Die Frage, wer von beiden recht hatte, kann inzwischen als beantwortet gelten. Wie und wodurch sie entschieden wurde, fasst Ronald D. Gerste in seinem Buch über die beiden Widersacher mit dem knappen Untertitel zusammen: Todfeindschaft und totaler Krieg. Trotzdem steht der Part Roosevelts in diesem politischen Showdown im Mittelpunkt seiner Darstellung, die Gerste – als Sachbuchautor und Wissenschaftskorrespondent seit zehn Jahren in Washington ansässig – überwiegend aus amerikanischen Quellen schöpft. Vielleicht liegt es daran, dass der studierte Humanmediziner und Historiker in Hitlers politischer Biografie weniger sattelfest ist, wenn er wissen will, der deutsche Führer habe während des sogenannten „Röhm-Putschs“ den früheren Reichskanzler Heinrich Brüning und dessen Frau umbringen lassen. Da verwechselt er Brüning, der Hitler im amerikanischen Exil überlebte und noch 1970 seine Memoiren veröffentlichte, mit Hitlers Vorgänger Kurt von Schleicher.

So werden deutsche Leser mehr Gewinn von Gerstes Darstellung der Rolle Roosevelts im Krieg mit Hitler haben. Sieben Jahrzehnte später ist das Wissen darüber in Deutschland ähnlich dünn wie des Autors Kenntnis von Hitlers Mordaktionen beim „Röhm-Putsch“ 1934. Winston Churchill und Josef Stalin sind hierzulande als Hitlers Widersacher geläufiger als Roosevelt, und auch Roosevelts Nachfolger im Amt – Harry Truman und Dwight Eisenhower – sind wegen ihrer Rolle beim deutschen Wiederaufbau populärer als der Sieger von 1945. Er hat übrigens das Ende seines Widersachers nicht mehr erlebt, sondern starb drei Wochen vor Hitlers Tod im Bewusstsein seines sicheren Erfolgs. Dessen Früchte hat er vorher noch selbst in Jalta mit den britischen und russischen Alliierten aufgeteilt und dafür bei späteren Geschichtsschreibern mehr Kritik geerntet als für seine Erfolge beim sozialpolitischen Reformprojekt „New Deal“ und des militärischen Siegs gegen Hitler und seine Verbündeten.

Dass auch diese scheinbar glänzenden Erfolge Licht und Schatten aufwiesen, haben die Geschichtsrevisionisten unter den Historikern seither geltend gemacht. Das gilt zum Beispiel für den Fehlschlag des „New Deal“ auf dem Arbeitsmarkt oder für Roosevelts Zugeständnisse an Stalin, die halb Osteuropa die Freiheit kosteten. Auch Hitlers Gegner und Opfer im übrigen Europa mussten ganz oder allzu lange auf Roosevelts Eingreifen warten – die spanische und die österreichische Republik, Polens Heimatarmee, die jüdischen Opfer der Vernichtungslager und letztlich auch der deutsche Widerstand, dem die Alliierten misstrauten und durch die Forderung nach bedingungsloser Kapitulation jede Aussicht nahmen. Selbst jüdische Flüchtlinge wurden in den ersten Jahren der Verfolgung in Amerika abgewiesen. Japanischstämmige US-Bürger wurden nach Pearl Harbor widerrechtlich interniert, wofür sich erst Präsident Reagan 40 Jahre später öffentlich entschuldigte. Und auch die amerikanische Air Force beteiligte sich am Bombenkrieg gegen die deutsche Zivilbevölkerung, obwohl Roosevelt vor dem eigenen Kriegseintritt an die Kriegsparteien appelliert hatte, auf solche Luftschläge zu verzichten. Während des Kriegs konnte er sich dann zu Forderungen versteigen, „dass Nationen wie Japan und Deutschland aus der menschlichen Rasse eliminiert werden“ müssten. Hier fühlt sich Gerste genötigt zu kommentieren: „Er meinte wahrscheinlich (oder hoffentlich) deren Regierungen – sonst wäre die Diktion des Präsidenten jener seines Todfeindes doch ein wenig zu ähnlich gewesen.“

Gerste blendet nichts davon aus, bleibt aber mit Recht dabei, dass Roosevelts historische Leistung darin bestand, trotz und mit allen taktischen Winkelzügen seine strategischen Ziele für Amerikas Demokratie und die Vereinten Nationen durchzusetzen. Wenn Hitler angetreten war, die Demokratie zu zerstören, war Roosevelt von Anfang an bereit, sie nicht nur im eigenen Land zu verteidigen. Damit stieß er auf den starken Widerstand amerikanischer Isolationisten. Doch selbst Charles Lindbergh erkannte als deren Wortführer am Vorabend des Zweiten Weltkriegs: „Wenn Roosevelt dieses Land in den Krieg führt und ihn gewinnt, kann er eine der ganz großen Persönlichkeiten der Geschichte werden.“ Er wurde es, anders als sein Gegenspieler Adolf Hitler.







– Ronald D. Gerste:
Roosevelt und Hitler. Todfeindschaft und totaler Krieg. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2011. 312 Seiten, 29,90 Euro.

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