Kultur : Ein Demokrat der Oper

ALBRECHT DÜMLING

Rolf Liebermann war ein Erbe der fruchtbaren deutsch-jüdischen Kultur Berlins, deren Untergang er durch einen glücklichen Zufall entging.Als Wilhelm II.bei einem Berliner Kaisermanöver auftrat, fühlte sich ein junger, in einem Kavallerie-Regiment dienender Jurist vom Anblick Seiner Majestät so verwirrt, daß er mit seinem Pferd über einen Zaun sprang und stürzte.Der Schwerverletzte, ein Neffe des Malers Max Liebermann, mußte operiert und zur Erholung in ein Schweizer Sanatorium geschickt werden.Bei einem Besuch der Züricher Oper traf jener Dr.Liebermann dann die Frau seines Lebens, die einer strikt antipreußischen Familie entstammte.Um in Zürich bleiben und sie heiraten zu können, mußte der preußische Rechtsanwalt die helvetische Staatsbürgerschaft annehmen.Auf diese Weise kam sein Sohn Rolf 1910 nicht als Berliner, sondern als Schweizer zur Welt.Angesichts der späteren Entwicklungen erwies sich dies als Glücksfall.

Vater Liebermann blieb auch in Zürich ein Berliner.Statt Schwyzerdütsch zu lernen, tauschte er lieber mit seinem Onkel Max berlinische Anekdoten aus.Auch nach dem frühen Tod des Vaters blieb die Berliner Kultur prägend für die Erziehung des Sohnes.Verantwortlich dafür war nicht mehr der deutsche Kaiser, sondern jener österreichische Gefreite, der 1933 zum deutschen Reichskanzler ernannt wurde.Wie schon nach 1848 wurde Zürich erneut zum Fluchtpunkt für verfolgte Künstler und Intellektuelle.Eine von ihnen war die literarische Diseuse Lieselotte Wilke, die in Berlin Tucholsky-Chansons gesungen und in der Brecht-Weill-Oper "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" mitgewirkt hatte.In Zürich traf sie den 22jährigen Musikkritiker, Jazz- und Stummfilmpianisten Rolf Liebermann.Obwohl dieser bis dahin noch keine Note aufgeschrieben hatte, forderte sie ihren Verehrer auf, für sie einige Brecht-Gedichte zu vertonen.So entstand im Winter 1932/33 das Chanson "Erinnerung an die Marie A.".Durch Charlotte Wilke, die kurz darauf unter dem Namen Lale Andersen eine Weltkarriere machte, wurde Liebermann zum Komponisten.Wohl nicht zufällig geschah dies mit einer Brecht-Vertonung - das Interesse für Brechts Theaterkonzept sowie für die Songs von Weill und Eisler hat den Komponisten und Theatermann sein Leben lang begleitet.

Der vielseitig Begabte hatte nach abgebrochenem Jura-Studium noch nichts "Richtiges" gelernt.Eine Dirigentenlaufbahn erschien dem Toscanini-Fan als geeignete Lösung: Im Frühjahr 1937 besuchte er einen internationalen Dirigentenkurs bei Hermann Scherchen.Der Kurs legte das Fundament für Liebermanns Laufbahn als Musikmanager, hatte doch Scherchen seinen Dirigierschüler schon eine Woche nach seiner Ankunft zum Privatsekretär ernannt.Gemeinsam organisierten sie das Wiener "Musica Viva"-Orchester, dem vor allem jüdische Künstler angehörten.Nach einem großen Konzertzyklus mit sämtlichen Werken Gustav Mahlers im Winter 1937/38 löste sich das Orchester jedoch als Folge des deutschen Einmarschs auf.Der kritische Allround-Musiker, Erzieher und Avantgardist Hermann Scherchen blieb auch danach das künstlerische und menschliche Gewissen Rolf Liebermanns.

Ein weiterer aus Berlin in die Schweiz geflohener Künstler, der Deutsch-Russe Wladimir Vogel, wurde ab 1940 in Ascona sein Kompositionslehrer.Wegen seiner durch Scherchen - gegen alle Publikumsproteste - aufgeführten Orchesterwerke galt Liebermann bald auch über die Schweiz hinaus als "Junger Wilder".Um so mehr erstaunt der Mut Alfred Schlees, der dem jungen Komponisten 1942 (!) einen Verlagsvertrag der Wiener Universal-Edition anbot."Wir bringen alles im Druck heraus, sobald dieser Hitler weg ist." Über die neutrale Adresse des Züricher Schauspielhauses gingen daraufhin mehrere Liebermann-Partituren, darunter eine zwölftönige Kantate nach "Sodom und Gomorrha" von Giraudoux, nach Wien.

Auf Initiative Scherchens wurde Liebermann 1945 Tonmeister am Studio Zürich, bevor er 1950 die Leitung der Orchesterabteilung der "Schweizerischen Rundspruchgesellschaft" übernahm.In dieser Position blieb ihm Zeit zum Komponieren.Bei den Darmstädter Ferienkursen von 1947 brachte Scherchen seine Orchesterkomposition "Furioso" zur Uraufführung.Trotz seines fortdauernden Interesses für Zwölftonreihen verlief Liebermanns Entwicklung aber eher unabhängig von den Abstraktionstendenzen Darmstadts.Zu einem riesigen Erfolg wurde 1954 in Donaueschingen die von Hans Rosbaud geleitete Uraufführung des Konzerts für Jazzband und Sinfonieorchester.

Nach einer Begegnung mit Kurt Edelhagen war die alte Jazzbegeisterung wieder wachgeworden.Anders als Strawinsky wollte Liebermann den Jazz nicht auf Modelltypen reduzieren, sondern als eine eigene Sprache verwenden.Wie in Milhauds "La Création du Monde" stellte er Jazz-Solisten einem klassischen Symphonie-Orchester gegenüber, wobei das Ganze durch eine Concerto Grosso-Form und eine Zwölftonreihe zusammengehalten wird.Orchesterzwischenspiele rahmen die Jazzformen Jump, Blues und Boogie-Woogie ein, bevor sich zum Schluß beide Orchester im südamerikanischen Mambo vereinen.Publikum und Kritik bejubelten "das geistvoll-freche, mit gepfefferten Klangreizen und vehementen Rhythmen reich ausgestattete Stück, das paradoxerweise ein Sohn der grundsoliden Schweiz zum Autor hat" (so der Kritiker K.H.Ruppel).

Auch mit seinen mehr und mehr in den Vordergrund rückenden Bühnenwerken nahm Liebermann eine Gegenposition zur spröden Webern-Nachfolge ein.Sein Librettist Heinrich Strobel übertrug in der Oper "Penelope" (1954 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt) und in "Leonore 40/45" klassische Sujets auf die Gegenwart.Internationale Bekanntheit als Opernkomponist errang Liebermann vor allem mit "Schule der Frauen" (nach Molière), einem Auftragswerk der Universität von Louisville (USA), das bald darauf über viele Bühnen wanderte.

Die nachhaltigste Wirkung übte Rolf Liebermann aber als Opernintendant aus.Die Hamburgische Staatsoper, die er von 1959 bis 1973 und dann noch einmal 1985 - 88 leitete, entwickelte er mit nicht weniger als 23 Uraufführungen, darunter Henzes "Prinz von Homburg" und Kagels "Staatstheater", zu einem Zentrum des zeitgenössischen Musiktheaters.Sein Hauptziel blieb es, das als gut erkannte Neue über bloße Einzel-Events hinaus ins Repertoire zu bringen: "Das Publikum sollte damit immer wieder konfrontiert werden, bis das Neue zur Selbstverständlichkeit wird.So war es bei Richard Wagner, bei Richard Strauss." Voraussetzungen dafür waren ein stimmiges Repertoire sowie ein für Neues befähigtes Ensemble.So gelang es Liebermann, neue Werke auch in den Wiederholungen fast durchweg in der Premierenbesetzung zu spielen.

"Halten kann man ein hohes Niveau nur, wenn man die Qualität einer Aufführung jeden Abend prüft und die kleinste Ungenauigkeit, die von der Premiere abweicht, sofort, noch auf der Bühne, beanstandet." Es gab kaum einen Abend, in dem man den Intendanten nicht auf seinem Stammplatz in der ersten Reihe sah.Liebermann hielt dies auch in Paris so, wo er 1973 bis 1980 in ähnlicher Funktion tätig war.Dabei gelang es ihm, ein in Ehren ergrautes Haus gründlich zu reformieren - durch neue Werke, so etwa die durch Friedrich Cerha komplettierte "Lulu" Alban Bergs, aber auch durch eine Reform der Kleiderordnung: Nach Ende des Frackzwangs bevölkerten auch Jeansträger jene "heiligen Hallen", die ein zorniger Pierre Boulez noch in die Luft sprengen wollte.

Abweichend von Boulez und auch von Brecht trat Liebermann den Beweis an, daß sogar in großen Häusern unabhängig von Mehrheitsvoten und Einschaltquoten engagiertes zeitgenössisches Musiktheater möglich ist.Die Institute müssen sich den neuen Werken anpassen, nicht umgekehrt.Dieses antikulinarische Programm, das der am Sonnabend verstorbene Komponist und Intendant 1962 in seinem Melos-Aufsatz "Oper in der Demokratie" formulierte, hat nicht an Gültigkeit verloren.

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