Kultur : Ein deutscher Fall

Polen reagiert verhalten auf Reich-Ranickis Geheimdienst-Akte

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Von Thomas Roser

Von bohrenden Nachfragen hat der sonst so redselige Literaturpapst genug. Er habe keine Lust, seine Autobiographie noch einmal von Beginn an zu erzählen, verwahrte sich Marcel Reich-Ranicki am Dienstag in einem Interview mit der polnischen „Gazeta Wyborcza“ gegenüber „Fragen eines Anklägers“. Er habe keinerlei Lust und sehe auch keinen Grund, sich „zu verteidigen": „Lesen Sie doch selbst nach, wie ich zum Geheimdienst und der Armee kam. Das hat auch seine Bedeutung. Ich wurde von der Roten Armee befreit. Aus meiner Familie war ich der einzige, der überlebte.“ Als „eifersüchtige Attacken“ qualifiziert der gekränkte Literatur-Kritiker die Enthüllungen in der „Welt“ ab, denen zufolge er als Mitarbeiter des polnischen Geheimdienstes zwischen 1944 und 1950 eine weit prominentere Rolle spielte, als er bislang eingeräumt hatte.

Gerhard Gnauck, der Polen-Korrespondent des Blattes, hält den von ihm erhobenen Vorwurf der „Verharmlosung der Geschichte“ durch Reich-Ranickis frühere Äußerungen zu seiner Spionage-Tätigkeit für belegt. Seit Jahresbeginn kann die Akte im polnischen Institut des Nationalen Gedenkens für wissenschaftliche Zwecke eingesehen werden. Auf den 109 freigegebenen Seiten der Akte preisen seine früheren Vorgesetzten den „Eifer“ und die Zuverlässigkeit des einstigen Agentenführers.

Gnauck sei „auf der Suche nach Sensationen“, wiederhole längst bekannte Geschichten und wisse nicht, über was er schreibe, erregt sich Marcel Reich-Ranicki. Doch nach Ansicht des Warschauer Historikers Wlodzimierz Borodziej machen die Recherchen von Gnauck deutlich, dass der 1958 in die Bundesrepublik übergesiedelte Literatur-Kritiker „relativ hoch“ in der Hierarchie des Geheimdienstes gestanden habe. Zwar erkläre Reich-Ranicki seinen raschen Aufstieg mit dem Hinweis auf seine Fremdsprachenkenntnisse „durchaus plausibel“, so Borodziej gegenüber dem Tagesspiegel: „Aber in seiner Autobiographie hat er seine Position verharmlost.“ Keinerlei Aufschluss geben die Akten nach Ansicht von Borodziej, ob und in welchem Maße Reich-Ranicki als Konsul in London bei der Repratrierung von Emigranten beteiligt war, von denen einige nach ihrer Rückkehr in polnischen Gefängnissen ermordet wurden.

Wegen der dort residierenden Exilregierung sei London nach dem Krieg für den polnischen Geheimdienst einer der wichtigsten Auslandsposten gewesen. So ist auch der Historiker Andrzej Paczkowski davon überzeugt, dass Reich-Ranicki innerhalb des Ministeriums eine wichtige Rolle gespielt habe. Interessant sei, ob der Geheimdienst sich der Dienste des Literaturkritikers auch noch nach dessen Übersiedlung in die Bundesrepublik zu Nutze gemacht habe. Vier bis fünf Mal sei die Personalakte in den 70er und 80er Jahren noch in Gebrauch gewesen: Allerdings sei unklar, ob das Ministerium seinen einstigen Agenten noch einmal „verwenden“ oder ihm schaden wollte.

Obwohl der „Welt“-Artikel zu Wochenbeginn auch von zwei polnischen Blättern veröffentlicht wurde, haben die Dokumente aus dem Geheimdienst-Archiv ein verhaltenes Echo ausgelöst. In vielen Zeitungen wurden die Enthüllungen am Dienstag nicht einmal erwähnt. „Der Fall Reich-Ranicki ist eine deutsche Angelegenheit“, befand die Tageszeitung „Rzeczpospolita". Reich-Ranicki sei in Polen nur einem „kleinen Kreis“ von Literatur- und Deutschlandkennern ein Begriff. Exilpolen pflegten in ihrer Heimat nur dann ein größeres Interesse zu wecken, wenn sie mit ihrer Arbeit auf die polnische Kultur zurückwirkten. Zwar hat Reich-Ranicki vielen polnischen Nachwuchschriftstellern in Deutschland zum Durchbruch verholfen. Doch im Gegensatz zum deutschen Sprachraum, wo seine Autobiographie zum Bestseller wurde, ist nicht einmal die erste Auflage der polnischen Ausgabe von „Mein Leben“ verkauft. Nach Auskunft des Warschauer Muza-Verlags gingen bisher nur 2800 Exemplare über den Ladentisch.

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