Kultur : Ein dreifaches Hoch

Paul Klee in Norddeutschland: ein Museums-Hattrick

Günter Beyer

Eine Idee, die Schule machen könnte: Unter dem Titel „Klee im Norden. Drei Aspekte. Drei Etappen. Drei Museen“ zeigen das Sprengel-Museum Hannover sowie die Kunsthallen in Bremen und Hamburg gemeinsam das Werk dieses Pioniers der Moderne. Die Bremer Kunsthalle stellt als Auftakt Klee als Lehrer am Bauhaus vor, wo er 1921 seinen Unterricht aufnahm. „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar“, hatte er 1920 sein künstlerisches Credo formuliert. Er bereitete seine „Elementare Gestaltungslehre“ penibel vor und fasste seine Ansichten und Erfahrungen 1925 in einem „Pädagogischen Skizzenbuch“ zusammen. Eine Schülerin notierte: „Die Aufgabenstellung klang oft wie die Formel des Mathematikers oder Physikers, sie war jedoch, genau betrachtet, reine Poesie.“ Eine typische Aufgabe lautete: „Also Weiß ist da und soll Schritt für Schritt bekämpft werden!“ Auf 3815 losen Blättern hielt Klee seine querdenkerischen Einfälle fest und fügte Skizzen bei.

Die Ausstellung lotet das Spannungsfeld aus zwischen Klees „freien“ Gemälden, Zeichnungen und Grafiken der Bauhauszeit und seinem kunstpädagogischen Wirken. Dabei wird rasch klar, dass Klees oft als kindlich- chaotisch missverstandenes Oeuvre durchaus strengen, bisweilen pedantischen Imperativen gehorchte. Die Ausstellung folgt den gedanklichen Fährten, die der Künstler selbst gelegt hat. Alles beginnt mit dem „Punkt, der sich in Bewegung setzt“, zur „aktiven Linie“ wird, die einen „Spaziergang macht“. Dies verdeutlichen Bilder, in denen der Punkt wortwörtlich zum Mittelpunkt der Komposition wird. Etwa bei einem einäugigen „Läufer“ (1920) oder dem Aquarell „Reife Ernte“, in dem ein Getreidefeld wie eine heitere Partitur aus Strichellinien und Punkten schwingt. Ähnlich werden die Themen Fläche, Raum, Bewegung, Rhythmik, Rotation, Konstruktion und Farbe präsentiert und entfalten so Schritt um Schritt das Kleesche Vokabular, stets im Wechselspiel zwischen Klees eigener Produktion und Lehrtätigkeit. Ein Spagat, den er schließlich nicht mehr ertrug. 1931 verließ er das Bauhaus.

Die Hamburger Kunsthalle nimmt, als Übernahme aus dem Münchner Lenbachhaus (Tsp. vom 21. März 2003), sich Klees Schaffen aus dem Jahr 1933 an, als die Nationalsozialisten ihn von der eben erst angetretenen Professur in Düsseldorf verjagten. Paul und Lily Klee emigrierten nach Bern. Wütend warf Klee mit Bleistift und Rötel skurrile Gestalten aufs Papier. Die 240 Blätter müssen als verschlüsselte Anspielungen auf die neuen Machthaber gelesen werden.

Das furiose Spätwerk schließlich ist, nach einer Station in der Fondation Beyeler bei Basel, im Sprengel-Museum zu sehen. Es ist das Oeuvre eines Verbannten, der mit den Zumutungen des Exils in einer bescheidenen Dreizimmerwohnung ebenso kämpft wie mit der fortschreitenden Sklerodermie. Ab 1935 behindert die Krankheit mehr und mehr Klees Feinmotorik. Obwohl die Finger steifer werden, entfaltet er in den letzten Jahren eine überbordende Kreativität. 1939 listet das Werkverzeichnis mehr als 1200 Arbeiten auf. Viele tragen verzweifelte Titel wie „Finstere Bootsfahrt“ oder „Stürze auch ich?“ Aber auch Selbst-Ermunterungen wie „Durchhalten!“ oder „Ans Werk“ stehen mit spitzem, krakelndem Stift unter der charakteristischen horizontalen Linie, die Klee wie eine Signatur unter seine Bilder zieht.

Ein mitreißendes Nebeneinander von Zusammenfügen und Zerbrechen, von Heiterem und Düsterem, von skelettartigen fingerbreiten schwarzen Linien und luziden Farbflächen kennzeichnen Klees späte Jahre. Auf dem großformatigen Gemälde „Reicher Hafen“ (1938) bildet die auf Piktogramme aus fetten Linien reduzierte Welt der Gegenstände mit freundlichen Farbflächen ein so glückliches Ganzes, dass jeder Gedanke an Bedrohung und nahen Tod getilgt zu sein scheint. In seinen letzten Jahren wird der Künstler – wohl auch wegen der Verschlimmerung der Krankheit – vollends zum Minimalisten. Ihm reichen ein paar fragmentierte schwarze Linien und schreiend rote Flächen, um daraus einen Schlosser oder einen Paukenspieler auf den Zeichenkarton zu hauen: Malen wie Pauke schlagen.

Den Anlass für den dreifachen Klee im Norden liefert übrigens weniger der 125. Geburtstag als vielmehr die demnächst befürchtete Klee-Knappheit. Museen, die Leihgaben für Sonderausstellungen akquirieren wollen, sind auf die reich bestückte Berner Klee-Stiftung angewiesen. Dort aber baut man derzeit nach den Plänen von Renzo Piano ein großes Klee-Museum. Nach der Einweihung 2005 oder 2006 wird die Stiftung ihre Schätze in der neuen Hülle selbst präsentieren. Deshalb heißt es nun in Norddeutschland: Mit Klee klotzen. Die Gelegenheit kommt so schnell nicht wieder.

„Klee im Norden“: In Hannover bis 15. 2., in Bremen bis 29. Februar, in Hamburg bis 7. März. Einzelkataloge für alle Ausstellungen.

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