Kultur : Ein Eisbär hat nicht gerne Durst

Das Berliner Hansa-Theater feiert sein 100-jähriges Bestehen mit der Uraufführung einer Posse von Robert Wolfgang Schnell

Günther Grack

Ein bisschen komisch sieht er schon aus, der Eisbär, der da in der Wohnküche am Tisch sitzt. Das mannshohe Geschöpf, dessen Fell sich strahlend weiß von dem hölzernen Braun der Umgebung abhebt, greift zur Flasche und will sich einen Klaren einschenken, da tritt eine Frau ein, seine Frau, und erschrickt über den unkenntlichen Ehemann. Er nimmt den Kopf ab, den Bärenkopf, und kopfschüttelnd muss die gute Frau erkennen, dass ihr nichtsnutziger Gatte, eine hanebüchene Geschichte erzählend, ihr offensichtlich einen Bären aufzubinden gedenkt. Darauf noch einen Klaren!

Wir sind in der Hauptstadt des alten Preußen, in der Heimat des „Eckenstehers Nante“, der seinen Müßiggang nur unterbricht, wenn sich die Gelegenheit ergibt, für die eine oder andere Dienstleistung ein paar Groschen zu verdienen, Mäuse, die er prompt in die nächste Destille trägt. Nante, mit vollem Namen Ferdinand Friedrich Karl Schwabbe, ist eine Figur, die der Berliner Satiriker Adolf Glaßbrenner Mitte des 19. Jahrhunderts in die Welt gesetzt hat, um die Schwächen der großen und kleinen Leute mit frecher Zunge auf den Punkt zu bringen.

Ein Geistesverwandter Glaßbrenners, der Berliner Malerpoet Robert Wolfgang Schnell, hat sich Mitte des 20. Jahrhunderts in der Kreuzberger „zinke“ hervorgetan; nach Büchern mit charakteristischen Titeln wie „Mief“ oder „Erziehung durch Dienstmädchen“ legte er 1984, zwei Jahre vor seinem Tod, sein letztes Opus vor, „Der Weg einer Pastorin ins Bordell“. Wer weiß, auf welch überwachsenen Pfaden der Autor jetzt zu einer späten „Uraufführung“ gelangt ist: „Ein Eisbär in Berlin“ heißt die „Posse mit Musik nach Motiven von Adolf Glaßbrenner“, die das Hansa-Theater auf die Bühne gebracht hat. Das Haus, das, 1903 als „Stadttheater Moabit“ gegründet, 1963 als „Schauspielhaus Hansa“ wiedereröffnet, seit 2002 ohne jegliche Förderung von öffentlicher Hand auskommen muss, feiert mit der Posse unter der Regie seines derzeitigen Direktors Andre Freyni sein 100-jähriges Bestehen.

„Berlin, Berlin, wat macht et? Mit eenem Ooge weent et, mit eenem Ooge lacht et.“ Mit weinendem Auge sieht man, dass die Posse, auf raschelndem Papier geschrieben, nicht recht zünden will, und mit offenen Ohren, sperrangelweit aufgetan, hört man, dass dem Ensemble die Sangeskunst nicht recht gegeben ist; allenfalls das wohlbekannte Lied „Kleiner Bär von Berlin“ kommt textverständlich ’rüber. Was das andere, das lachende Auge betrifft, so sieht es immerhin hier und da Anlass zur Belustigung. Man lacht, wenn einem zwielichtigen Journalisten (Heiko Fischer) in der Kneipe gedroht wird: „Freie Presse? In die Fresse!“ Man hat Spaß daran, wenn ein anderer Kneipengast (Michael Traynor) den Konsonanten „L“, den er nicht aussprechen kann, durch den Konsonanten „N“ ersetzt. Und man amüsiert sich, wenn Nante alias Schwabbe (Raul Gallo-Gau) auf die Frage an seine Frau (Caroline Kahmann alternierend mit Angelika Mann), ob sie ihn noch liebe, zu hören kriegt: „Ick rede doch mit dir, det jenügt.“

Weitere Vorstellungen bis 24. August, Mittwoch bis Sonntag.

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