Kultur : Ein Engel geht vorüber

Verraten, verloren, verkauft: Lukas Moodyssons bestürzender Film „Lilja 4-ever“

Kerstin Decker

Dieser schwedische Film ist eiskalt und zärtlich zugleich. Es ist die Mischung, die „Lilja 4-ever“ fast unerträglich macht. Er schneidet in die Seele, er hat die seltsame eisfeenhafte Poesie jener Märchen, in denen kleine Mädchen mit Zündhölzern am Weihnachtsabend erfrieren. Nur ist die Welt seither kälter geworden und in Russland sowieso. Die Menschen erfrieren heute anders. Man erkennt es schon an der Musik. In Russland hören sie viel „Rammstein“.

Diese Musik ist wie ein Überfallkommando. Das ist der Grundton Russlands, der Grundton des Films, und so fängt er an. Zu „Mein Herz brennt“ läuft ein Mädchen wie um sein Leben. Manche würden vielleicht an dieser Stelle schon anfügen, dass es später um Zwangsprostitution geht, um die Sklavenhalterei mitten unter uns. Aber nichts könnte „Lilja 4-ever“ stärker verkennen als das Prädikat „pädagogisch wertvoll“. Mag sein, dass „Raus aus Amal“-Regisseur Lukas Moodysson eine Absicht verfolgte; aber der Film hat sie bis in seine Fundamente versenkt, und da sind sie gut aufgehoben.

Dann ist alles ruhig, Lilja rennt nicht mehr, die Kamera streift langsam wie das Auge Gottes über die neurussische Wirklichkeit. Ohne Lidschlag. Die Neubau-Viertel der Sowjetunion waren nie schön, aber wenn diese in Beton gegossene Menschenvergessenheit nun von lauter Vergessenen bewohnt wird, sind sie noch schlimmer. Beton kann nicht altern, er kann nur verrotten. Aber Lilja, die Läuferin ist glücklich. Sie steht mit ihrer Freundin in dem einzigen kleinen Laden des Viertels, in dem alles bunt, westbunt ist, und jeder sieht, sie ist schon gar nicht mehr da. Sie schaut durch alles hindurch, sie ist ja schon in Amerika. Der neue Freund ihrer Mutter wird sie beide mitnehmen, Mutter und Tochter.

Von Orten wie diesem, verabschiedet man sich nicht. Man lässt sie hinter sich. Lilja nimmt ein Bild von der Wand: eine schöne Frau führt ein kleines Mädchen mit einer Laterne durch die Dunkelheit. Die schöne Frau hat Flügel. Lilja steckt das Bild in ihre Amerika-Reisetasche. Das Bild ist reiner 19.-Jahrhundert-Kitsch, aber wer will an Plätzen der Kälte über die Art der Wärmequellen richten? Und welche Temperaturstürze noch möglich sind, ahnen wir erst, als Lilja das Engelsbild wieder aufhängt. Nachdem das Schlimmste geschehen ist, was einem Menschen widerfahren kann. Der Freund der Mutter will die Tochter doch nicht mitnehmen; Liljas Mutter muss sich entscheiden.

Lukas Moodysson zeigt ein Exerzitium des Schmerzes, und die junge Oksana Akinshina aus Sankt Petersburg spielt das mit seelenchirurgischer Präzision. Zuerst das Schweigen, den Trotz, wie soll man sich auch verabschieden, wenn die eigene Mutter nach Amerika auswandert, allein? Lilja ist 16, sie ist fast erwachsen und hat noch ein Kindergesicht. Auch Oksana Akinshina hat beide Gesichter, kann sie sekundenschnell wechseln, aber als sie dann hinausrennt zum anfahrenden Auto, ist sie nur noch das fassungslose Kind.

Das ist die Grunderfahrung, die Lilja immer wieder machen wird: Niemand kann einen anderen mitnehmen, nicht mal Mütter ihre Töchter. Als erstes wirft die Tante Lilja aus ihrer Wohnung. Lilja zieht um, in die kleine Wohnung eines alten, eben gestorbenen Mannes. Wieder hängt Lilja das Engelsbild neu auf. Bei einer Party finden sie die Kriegsorden des Alten und lachen. Moodysson ist ein Meister solcher Beiläufigkeiten. Nichts überlebt, keine Bedeutung, keine Vergangenheit. Die Halb-Kinder nehmen die Welt als Ramsch.

Immerhin hat Lilja Wolodja. Das ist der kleine lästige Junge, der sich gern wie ein großer Junge benehmen möchte, wenn er nachts bei Lilja schläft – auf der Flucht vor seinem prügelnden Vater. Sie schenkt ihm einen Ball, weil sonst niemand daran denkt, dass Wolodja Geburtstag hat. Sie wird ihn nie verlassen. Auch als dieser Andrej mit dem großen Auto sie mitnehmen will nach Schweden, als Gemüseverkäuferin vielleicht. Kann nicht auch Wolodja als Gemüseverkäufer? Gemüse im Winter?, fragt Wolodja kühl zurück, schon weil er keine Jungen ausstehen kann, die älter sind als er.

Das ist das Starke an Moodyssons Film: Lilja weiß genau, dass es solche Andrejs nicht gibt. Dass es niemanden gibt, der dir um deiner selbst willen hilft. Wie aus einer anderen Welt auf die Erde gefallen wirkt dieser Andrej, und vielleicht es mit ihm wie mit dem Engel an Liljas Wand. Wahrscheinlich gibt es gar keine Engel. Andererseits sind sie das einzige, auf das man sich verlassen kann. Und wenn sie Wolodja nicht mitnehmen kann nach Schweden, wird sie ihn später holen.

Schweden, was ist das? Kein Gemüseladen. Sondern vier weiße leere Zimmerwände, eine immer verschlossene Tür, Schläge, Schwänze, und manchmal Mc-Donalds-Tüten auf der Fahrt zurück.

Als die schwedische Außenministerin Anna Lindh Moodyssons Film sah, schrieb sie gemeinsam mit drei anderen Ministerinnen einen offenen Brief. Sie wollten endlich mehr tun für die wirklichen Liljas. Eine halbe Million sind es allein in Westeuropa.

Anna Lindh hat es nicht mehr geschafft.

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