Kultur : Ein Fährschiff namens Ulysses

Nordafrikanischer Frühling, arabischer Alltag: Tunis und Djerba, zehn Jahre nach dem Attentat.

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Zeitenwende? Salafisten demonstrieren in Tunis für die Einbeziehung der Scharia in die Verfassung. Foto: Reuters
Zeitenwende? Salafisten demonstrieren in Tunis für die Einbeziehung der Scharia in die Verfassung. Foto: ReutersFoto: REUTERS

Nach ein paar Tagen in Tunis, wo die arabische Revolution ihren Ausgang nahm, gewöhnt man sich an die Atmosphäre des Vorläufigen. Alles ist hier irgendwo dazwischen. Von Europa ist Tunesien nur durch eine schmale Wasserstraße getrennt, vom sogenannten Schwarzafrika durch die Sahara. Sizilien hat die Entfernung eines Bootsausflugs, wie ihn ja viele, nur eben nicht zum Vergnügen, von irgendeiner Landzunge des Golfs von Tunis aus antreten, um am anderen Ufer, wenn sie denn heil ankommen, als „illegale Flüchtlinge“ gebrandmarkt zu werden.

Doch von Fluchtbewegungen ist nicht nur auf den Straßen von Tunis kaum etwas zu spüren. Im Villenvorort Sidi Bou Said, dem einstigen Sehnsuchtsziel von Paul Klee und August Macke, neben weißen Segelyachten, rötlichem Fels und gelb blühendem Mimosenüberhang, braucht man sich kaum nach Europa hinüberzusehnen. Die Aussicht aufs Meer, die Farben des Vorgebirges, der mediterrane Frühling – fast sieht es hier aus wie in einem italienischen Küstenort.

Doch was auf den ersten Blick an Europa erinnert, ist Teil einer jahrtausende alten nordafrikanischen Mittelmeerkultur, in der eben keine marmorierten Kirchen und Klöster, sondern gipsweiße und arabesk verzierte Moscheen und Minarette sich gegen den blauen Himmel wölben. Das Frühlingswetter lockt Tagesausflügler, die am Abend wieder mit der Vorortbahn nach Tunis zurückfahren. Stotternd geht es über Hamilcar, Hannibal, Karthago, Salammbô, den Flughafen, den langen schmalen Lagunendamm durch die Bucht von Tunis zur Marina und auf die Avenue Habib Bourguiba, die Champs-Elysées von Tunis.

Ein Mädchen im Waggon steht vollverschleiert da. Bis zu den Fingerkuppen ist sie in schwarzes, lichtundurchlässiges Tuch eingehüllt. Wenn ich es richtig deute, werfen die übrigen Fahrgäste ihr eher spöttisch-verächtliche Blicke zu. Ihre Begleiterin trägt ein für die hiesigen Breitengrade normales Kopftuch. An der Haltestelle „Aéroport“ steigen beide aus. Mir scheint, die Verhüllte müsse von ihrer Begleiterin wie eine Halbblinde am Arm geführt werden.

Vor kurzem provozierten drei auf diese Art verhüllte Studentinnen einen Skandal. Der Dozent hatte sich geweigert, sie so in seinem Seminar zu dulden – daraufhin klagten sie gegen ihn. Der Ausgang des Prozesses, der eine Lawine von Diskussionen über die Trennung von Universität und Kirche losgebrochen hat, ist noch offen. Was von solchen Fällen gilt, trifft auch auf die gesamte Revolution zu, deren Spuren noch in ganz Tunis gegenwärtig sind. Hin und wieder stößt man auf stacheldrahtumzäunte Bereiche und Gebäude an der Avenue Bourguiba. Sie ist nach dem im Alter zum Despoten mutiertten Staatsgründer benannt, der Tunesien in die Unabhängigkeit von Frankreich führte. Soldaten, Geländefahrzeuge und leichte Panzer am Straßenrand. Die Passanten, in der Mehrzahl westlich leger und attraktiv gekleidet, strömen ohne großes Augenmerk für diese Machtinsignien daran vorbei.

In den unteren Räumen des Bardo, des Museums mit dem weltgrößten Bestand an spätrömischen Mosaiken, sieht es wüst aus. Eigentlich sind diese Säle für die Öffentlichkeit geschlossen, doch da wir kaum auf Personal stoßen, treten wir aus Neugier ein, sehen neben fantastischen Mosaiken ganze Flure mit leeren Vitrinen, leeren Piedestalen, auf denen Büsten und Skulpturen gestanden haben müssen, weiße Vierecke an den Wänden. Als die Massen gegen den Präsidentenpalast Ben Alis stürmten, blieb der angrenzende Bardo davon nicht verschont. In einem Saal finden wir Restauratoren am Werk – bis ein Ordnungshüter erscheint und uns hinauskomplimentiert.

Am Abend unterhalten wir uns mit den Freunden von der Université La Manouba, der ersten Uni des Landes, an der Michel Foucault Ende der sechziger Jahre als Gastlektor eingeladen war. Wegen der Streitbarkeit ihrer Studenten und Lehrkräfte ist sie unter Diktator Ben Ali vom Zentrum an die Peripherie verlegt worden war, natürlich unter dem Vorwand der Vergrößerung und Verschönerung. Das Geld dafür hatte Gaddafi gespendet. Die Studierenden heute meinen, das Problem sei einfach, dass keiner wisse, wie mit der neu errungenen Freiheit umzugehen sei. Alle waren sie sich einig gegen Ben Ali, aber wofür ist man jetzt, wofür nicht?

In Kairouan, der drittheiligsten Pilgerstätte der islamischen Welt, vor dem Mausoleum eines der Freunde des Propheten: Bärtige mit Sonnenbrillen und langen Gewändern entsteigen schwarzen BMW-Limousinen und Porsche Cayennes, über deren Dach die tunesische Flagge gespannt ist. Sie lassen das traditionelle tunesische Süßgebäck an alle Umstehenden, auch uns ungläubige Touristen, verteilen. Wofür sind sie, wofür nicht? In der großen Moschee von Kairouan wird gerade die Predigt eines aus Saudi-Arabien eingeflogenen Geistlichen mitgeschnitten, um sie später ins Netz zu stellen.

Der Taxifahrer auf Djerba gratuliert zum neuen Bundespräsidenten. Ich frage ihn nach dem amtierenden tunesischen Präsidenten Moncef Marzouki. „Der Beste, den wir je hatten!“, sagt er. „Stellen Sie sich vor, er verzichtete freiwillig auf ein Drittel seines Gehalts.“ Am 11. April jährt sich zum zehnten Mal der Anschlag auf die Synagoge La Ghriba auf Djerba, bei dem 21 Menschen ums Leben kamen. Will man heute den ältesten Wallfahrtsort der jüdischen Diaspora in Nordafrika besuchen, muss man an der Straße einen Sicherheitskorridor wie am Check-in eines Flugsteiges passieren.

Französische und deutsche Touristengruppen werden mit Bussen aus ihren Ferienresorts im Nordosten der Insel herangefahren, schauen sich für zehn Minuten in der Synagoge um, machen Fotos, gehen wieder. Kaum zu glauben, dass der aus einem schlichten holzgetäfelten Versammlungs- und Andachtsraum bestehende jüdische Gemeindeort, in dem Pilger ihre Kaddisch-Litaneien psalmodieren, Ziel eines blindwütigen Attentats gewesen ist. Sonst gibt es hier nichts als Schaf- oder Ziegenherden und Olivenbäume neben Siedlungen. Die allerdings sind von zahlreichen Moscheen umgeben, eine davon, neu gebaut, kaum mehr als 300 Meter von der Synagoge entfernt.

Wir nehmen die Straße nach Houmt Souk zurück, Mopedfahrer knattern grüßend an uns vorbei, wie Wimpel flattern die Enden ihrer rot-weiß karierten, ums Gesicht geschlungenen Beduinentücher im Wind. In der Louage, dem Sammeltaxi, auf dem Weg von der Oasenstadt Gabès nach Houmt Souk, hatten wir ein Mädchen kennengelernt, das gerade von einem Besuch bei ihrem Freund nach Djerba zurückkehrte. Fatima arbeitet in einem der großen Ferienhotels, ausgebucht sind sie um diese Zeit nicht. Ihr Kopftuch hat sie der sengend heißen Sonne wegen auf, mit Vorschriften soll man ihr bitte nicht kommen. Nach dem Anschlag hatte das alte Regime an der Fähre nach Djerba Ausweiskontrollen einführen lassen; diese Zeit ist jetzt vorbei. „Jeder darf zu uns“, sagt sie, „egal ob Franzosen, Deutsche, Araber oder Juden.“

Auf der Fähre sind der Businessanzug neben dem Burnus, der prophetengefällige Bart neben dem glattrasierten Gesicht, die Kopfbedeckung neben dem Barhaupt anzutreffen. Das Fährschiff, das durch die windstille Meerenge zur „Insel der Lotophagen“ hinübergleitet, heißt Ulysses.

Jan Röhnert ist Juniorprofessur für Neuere und Neueste Literatur in der technisch-wissenschaftlichen Welt an der TU Braunschweig.

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