• Ein faktenreiches Porträt von Jörg Haider, bei dem die Analyse des politischen Systems zu kurz kommt

Kultur : Ein faktenreiches Porträt von Jörg Haider, bei dem die Analyse des politischen Systems zu kurz kommt

Igal Avidan

Die Demokratie sei ein System, das in seiner "Labilität und Anfälligkeit für Missbrauch kein gleichartiges findet," schrieb vor Jahren ein junger Österreicher und erklärte auch warum: "Demagogen haben gerade in der Demokratie die besten Chancen." Ob er heute sich so äußern würde ist fraglich, denn diese Zitat stammt von keinem anderen als dem zur Zeit erfolgreichsten und einflussreichsten Politiker der Alpenrepublik: Jörg Haider. Wer dem "braungebrannten Schönling" aus Kärnten begegnet, braucht ihn gar nicht erst zu fragen, an wen er dachte, als er seine "Gedanken eines Jungfreiheitlichen" verfasste. Entweder wird er seine Formulierung dementieren oder in der Frage einen Auftrag "geheimer, finsterer Mächte" vermuten, die mit einem Begriff zu entlarven seien: "Die Linken".

Haiders doppelte Strategie - skandalöse Behauptungen aufzustellen und sie danach zu dementieren und den Überbringer seiner Behauptung gleich anzugreifen, perfektionierte Haider während seiner 13-jährigen Karriere als Chef der Freiheitlichen Partei (FPÖ). Das garantierte ihm die Aufmerksamkeit der Medien. "Haider verspricht Show," schreibt Christa Zöschling in ihrer neuen Haider-Biografie: "Haider - Die nicht autorisierte Biografie". Und weil der 50-jährige Haider ursprünglich Schauspieler werden wollte und die politische Kultur in Österreich ein Gemisch aus "barocken Theater, sinnesfreudigen Katholizismus, bürokratischer Willkür und kontrollierter Reform" besteht, bestimmt er längst, was und wie (ausländerfeindlich) im politischen Theater gespielt wird, ohne selbst Verantwortung zu übernehmen und so manche seiner Wähler zu enttäuschen.

Christa Zöschling schildert Haiders Kindheit und Jugendzeit in der nationalkonservativen Provinz Kärnten, um dadurch Licht auf seine steile Karriere zu werfen. Haiders Eltern - die ihn stark geprägt haben - waren engagierte Nationalsozialisten der ersten Stunde. Robert Haider musste schon 18-jährig nach Bayern fliehen, da die NSDAP in Österreich illegal war. Er heiratete die glühende Hitler-Anhängerin Dorothea Rupp. Nach dem Krieg musste Vater Haider als Demütigung im Auftrag der US-Armee Massengräber von Zwangsarbeitern ausheben. Mutter Dorothea musste putzen. Sie hat später erzählt, dass Juden ihr vor die Füße gespuckt und sie als "Nazi-Sau" beschimpft hätten.

In Kärnten regierten jahrzehntelang die Sozialdemokraten mit absoluter Mehrheit und versorgten ihre Anhänger mit Job und Wohnung. FPÖ-Funktionäre wie die Haiders fühlten sich ausgegrenzt und zählten sich zu den Opfern der rot-schwarzen Demokratie. "Die haben uns alle zu Verbrechern gestempelt, weil wir immer nur unsere Pflicht getan haben," sagte einmal Dorothea Haider. Ihr Mann erklärte: "Ich bereue nichts und würde der Sache wieder dienen." Von ihnen lernte Haider Junior, dass "ein Volk, das seine Vorfahren nicht ehrt, zum Untergang verurteilt ist".

Da Haider sich für seine arme Familie schämte, hatte er den Ehrgeiz aus seinem engen sozialen Milieu auszubrechen. Dieser Weg führte den glänzenden Klassensprecher und Vorzeigeschüler Haider zu den deutschnationalen und wohlhabenden Eltern seiner Schulfreunde. In der Schülerverbindung "Albia" schmiedeten die Mitglieder Ideen, wie sie das verhasste System, aber auch die NS-Vergangenheit ihrer Eltern überwinden können. Ein Jugendfreund Haiders berichtet: "Wir glaubten nicht, was mit den Juden angeblich passiert sein soll."

Im interessanteren Teil dieses Buches beschreibt die Autorin den begabten Showmaster Haider als Manipulator und chronischen Lügner, der die Realität missbraucht, um seine Zuhörer und die Medien zu beeindrucken.

Dennoch liest sich diese Haider-Biografie nur mit großer Mühe. Oft verliert man sich in diesem Kärntner-Wald voller Parteifunktionäre, plötzlicher Wendungen und politischen Skandalen. Zöschling hat Haider zehn Jahre lang begleitet und bringt zu viele Fakten, die die Leser in Deutschland überfordern werden. Eine tiefere Analyse des politischen Systems in Österreich und seiner Akteure wäre notwendig gewesen, um zu begreifen, warum so viele Österreicher Haiders Charme erliegen. Liegt es an der gescheiterten Integration von Ausländern, an der Angst vor billigen Arbeitskräften aus Osteuropa, falls die Europäische Union erweitert wird? Sind es die Medien, die Haider immer wieder in die Schlagzeilen bringen? Oder vielleicht schwärmen immer mehr Wähler von ihm, weil sie die Nazi-Vergangenheit Österreichs nicht aufgearbeitet haben? Die erste Haider Biografie aus dem Jahre 1992 endete mit der Frage "Gibt es Rezepte gegen Haider?" Zöschling zitiert die Antwort: "Die Wähler warten nicht auf Rezepte gegen die FPÖ. Sie warten auf Rezepte für das Land. Wer Österreich nach vorne bringt, lässt Haider hinter sich." Sechs Jahre später leben die Österreicher besser als je zuvor, und Haider ist stärker denn je.Christa Zöschling: Haider - die nichtautorisierte Biografie. Molden Verlag, Wien 1999. 222 Seiten. 41 DM.

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