Kultur : Ein Fall für Deutschland

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Peter von Becker über die notwendige Rettung der Topographie des Terrors

Nun darf nicht mehr nur geredet und fruchtlos gestritten werden. Der Fall der Berliner Dokumentationsstätte „Topographie des Terrors“ ist nach dem Protest und Rücktritt ihres Direktors Reinhard Rürup überreif zur Entscheidung. Diese kann nur heißen: Die „Topographie“ muss so bald wie möglich verwirklicht werden. Es geht dabei nicht um irgendeine Erinnerungsstätte unter vielen – es geht um Deutschlands wichtigste Institution der Dokumentation, Forschung und Ausstellung des zwölfjährigen NSTerrors. Die „Topographie“ trägt ihren Namen, weil sie auf dem Boden, auf den Grundmauern des einstigen Prinz-Albrecht-Palais genau dort entsteht, wo einst Heinrich Himmler, seine SS und Gestapo, sein Reichssicherheitshauptamt als Zentrale des europaweiten Schreckens residierten. Hier – nicht in einer eher zufällig für ein paar (fürchterliche) Konferenzstunden ausgewählten Wannseevilla oder andernorts – wurde auch der Völkermord an den Juden befohlen und organisiert. Es ist ein Ort sondergleichen, der nach 1945 lange Jahre auch mit einer Gedankenlosigkeit sondergleichen an- und übersehen wurde; der als Abbruchhalde, Brache und Gokart-Rennstrecke diente: bis vor gut 20 Jahren direkt nebenan der bereits zum Abriss bestimmte Martin-Gropius-Bau gerettet und restauriert wurde, bis auf dem Gelände als Provisorium die bis heute bestehende (und sensationell erfolgreiche) kleine Ausstellung mit dem Titel „Topographie des Terrors“ entstand.

Inzwischen hat sich manches getan: Das erst als Anbau eines gewöhnlichen Stadtmuseums behandelte Jüdische Museum des Architekten Daniel Libeskind wurde nach jahrelangen Querelen der Lokalberliner Kleingeisterei entzogen, das ebenso umstrittene Holocaust-Mahnmal wurde auf den Weg gebracht – beidemal in neuer, befreiender Obhut des Bundes. Nur die Topographie, die in der kühnen Architektur des Schweizer Architekten Peter Zumthor recht eigentlich auch das (fehlende) deutsche Holocaust–Museum darstellen wird, blieb bisher wegen finanzieller und praktischer Schwierigkeiten (an denen Zumthor nicht unschuldig ist) eine Bauruine. Um die sich der Bund, der die Hälfte zu dem rund 40-Millionen-Projekt beiträgt, nie entscheidend gekümmert hat. Es ist aber keine innerberlinische Sache, sondern ein Vorhaben von gesamtstaatlicher Bedeutung. Es bildet eine Trias zusammen mit dem Holocaust-Mahnmal und dem Jüdischen Museum (das eine längere und lebensvollere Geschichte als nur die des Holocaust erzählt). Ohne die Topographie fehlt den beiden anderen Orten ein entscheidendes Stück der historischen Aufklärung: vor allem für künftige Generationen. Reinhard Rürup – siehe unser Interview – hat Recht, wenn er darauf verweist, dass die Topographie nicht mit den regional verwalteten Erinnerungsstätten zu vergleichen ist. Der Bund, die Kulturstaatsministerin müssen für die Topographie endlich die gleiche Verantwortung übernehmen wie für das Mahnmal und das Libeskindmuseum. Spät – aber noch nicht zu spät.

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