Kultur : Ein Faulpelz, in Fahrt gekommen

Mein Olympia-Tagebuch (2): Mit Sicherheit Angst / Von Petros Markaris

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Werden wir beschützt oder bespitzelt? 70000 Polizisten durchstreifen Athen Tag und Nacht, es ist der größte Polizeieinsatz seit der Militärdiktatur. Vor ein paar Tagen sah ich im Fernsehen ein Bild aus New York: zwei Polizisten, die bei Alarmstufe rot voll ausgerüstet auf Streife gingen. Genauso sehen jetzt zu Olympia auch unsere Streifenpolizisten aus, zum Verwechseln ähnlich. Aus „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ wurde bekanntlich nichts, aber vielleicht haben Polizisten da bessere Chancen.

Werden wir beschützt oder bespitzelt? „Natürlich beschützt!“, sagen die einen, „damit uns während der Spiele kein tragischer Ausrutscher passiert.“ – „Natürlich bespitzelt!“, sagen die anderen, „hier ist einfach viel zu viel Polizei, und sie wird uns womöglich bleiben.“ Dreihundert Überwachungskameras richten täglich ihre Objektive auf uns. Im Prinzip sollen sie nach Olympia wieder verschwinden, doch in Regierungskreisen denkt man bereits über neue Verwendungszwecke nach. Wer kann schon etwas dagegen haben, wenn man mit diesen schönen Anlagen das Athener Verkehrschaos ein wenig im Auge behält? Denn schließlich würde man so ja auch nicht wirklich Menschen, sondern bloß Autos bespitzeln, oder?

Nun gut, aber da ist auch noch jener Zeppelin, der mir seit neustem den Blick auf die Akropolis versperrt. „Der Spion ist wieder da!“, rufen die Athener, sobald sie das Luftschiff am Himmel sehen. Die Leute tun dies durchaus nicht nur empört, denn offenbar üben Spione zuweilen eine besondere Anziehungskraft aus. „Ist der nicht wunderbar, dieser weiße Zeppelin?“, ruft beispielsweise eine ältere Dame im Bus ihrer Freundin zu, „der bringt ja einen Hauch von Jules Verne nach Athen! Hast du ,Fünf Wochen im Ballon’ eigentlich gelesen?“ – „Was reden Sie denn?“, mischt sich da ein junger Mann ein, „dieses Ding kann doch sogar in Ihr Schlafzimmer spähen!“ – „Junger Mann“, entgegnet die Dame gelassen, „in meinem Alter ist mir das völlig egal.“

In den letzten vier Jahren haben wir uns meistens erfolgreich selber beruhigt: Wir sind ja nicht die bösen Amerikaner, haben wir uns gesagt. Und die Araber sind unsere Freunde, sie werden uns die Olympischen Spiele bestimmt nicht verderben. Dann kam der Anschlag auf Madrid, dann die Panik, und dann kauften wir alles auf, was an Sicherheitssystemen auf dem Markt war. Unter anderem auch das System C41. Kennen Sie es? Eine Perle! Es hat uns 310 Millionen Euro gekostet, ist allerdings noch nicht ganz einsatzbereit. Aber die Nato ist ja auch da, mit ihrer Schirmherrschaft. Zudem ist jede kleine Boutique in Athen äußerst stolz auf ihren Security Guard. Und die Metro-Stationen werden gemeinsam von Polizisten und privaten Sicherheitskräften bewacht. „Wehe, wenn der Faulpelz mal in Schwung kommt“, pflegte meine Mutter zu sagen.

Werden wir beschützt oder bespitzelt? Die Antwort hängt davon ab, ob man sich eher vor Terroristen fürchtet oder vor einem Polizeistaat, der dieses Land vor dreißig Jahren war. Gemeinsam aber bleibt uns allen die leise Angst.

Petros Markaris lebt als Romancier, Dramatiker, Film- und Fernsehautor sowie Übersetzer von Goethe, Brecht und Dorst in Athen. Seine Krimis mit dem Kommissar Kostas Charitos (zuletzt „Live!“) sind auch in Deutschland Bestseller. Für den Tagesspiegel schreibt Markaris dreimal wöchentlich sein Olympia-Tagebuch.

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