Kultur : Ein Fest der Farben

Die Kestner Gesellschaft in Hannover wird 75 Jahre alt

Ulrich Clewing

So sieht das also aus, wenn eine Ära endet: fröhlich, opulent und vor allem sehr stark farbig. Die „pure Freude“ hat der Maler Imi Knoebel die Serie von Gemälden genannt, die nun in der Ausstellung hängt, mit der die Kestner-Gesellschaft ihren langjährigen Leiter Carl Haenlein in den Ruhestand verabschiedet. Übertrieben ist das nicht: Diese Bilder, die wie immer bei Knoebel aus mit Acrylpigmenten beschichteten Aluminiumtafeln bestehen, bereiten dem Betrachter tatsächlich großes Vergnügen. Selten empfindet man Farben als so satt, so leuchtend und dabei so nuanciert wie hier.

Es ist schon erstaunlich, wie der inzwischen 61jährige Knoebel es schafft, sein altes, eigentlich längst bekanntes Stilprinzip wieder einmal ganz frisch wirken zu lassen. In dem Fall besteht der Kunstgriff darin, mehrere dünne Metallplatten so übereinander zu legen, dass sich zwischen den Flächen feine Nähte bilden, welche mittels Komplementärkonstrasten den monochromen Grundton des Gemäldes umso intensiver zum Strahlen zu bringen. Dazu kommt, dass dieser Grundton - ein funkelndes Rot, ein kräftiges Gelb oder ein dunkles, fast schwarzes Blau – im Bild selber ganz leicht variiert. Bisweilen ist die Verschiebung der Valeurs so fein, dass sie sich nur durch die veränderte Strichrichtung des Pinsels ergeben zu haben scheint. Wundervolle Arbeiten am Rande der Augentäuschung.

Aber es geht auch anders bei Knoebel, humoriger, wenn man so will. In einer zweiten, ebenfalls ganz neuen Serie hat er eine Art Paletten- oder Strickmethode ausprobiert. Etwa handbreite Aluminiumbänder legen sich quasi architektonisch horizontal und vertikal vor (bzw. neben) eine Grundfläche, und die Farbkontraste fangen an zu quietschen: rosa, lindgrün, lila und gelb oder dunkelblau, hellblau, orange, rot.

Es ist genau die richtige Schau, um ein Jubiläum zu feiern, das einen froh, aber auch ein wenig melancholisch stimmen könnte. 75 Jahre Ausstellungsbetrieb in der Kestner-Gesellschaft (mit einer Zwangsunterbrechung während der NS-Zeit), die ihre Heimatstadt Hannover insofern überstrahlt, als sie zum kleinen Kreis der besten privaten Kunstvereine in Deutschland zählt, wäre bereits festlicher Anlass genug. Doch fällt dieser Umstand mit dem Ende der Amtszeit von Carl Haenlein zusammen, was bedeutet, dass jetzt schon eine kleine Epoche ausklingt.

Für manchen Kestner-Direktor war der Verein Ausgangspunkt für eine glanzvolle Karriere, Haenlein aber blieb, so lang und treu wie kein zweiter. In seiner Zeit wurde ein neues, großzügiges Ausstellungshaus bezogen, liess die Crème der internationalen Künstlerschaft sich in Hannover blicken. Haenleins Nachfolger ist Veit Görner vom Kunstmuseum Wolfsburg, auch er zweifellos ein Mann von Gewicht in der Kunstwelt, der sich in der Vergangenheit mit interessanten Großausstellungen hervorgetan hat. Eine Erfahrung wird man ihm zu Anfang allerdings nicht ersparen: dass ein großes Erbe auch ein schweres ist.

Kestner Gesellschaft Hannover, bis 3. November. Der Katalog kostet in der Ausstellung 20 Euro.

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