Kultur : Ein Fest der Moderne

Beckmann, Kirchner, Nolde: Rückblick auf die glanzvolle 125. Auktion der Villa Grisebach

Michaela Nolte

Beifall brandete auf in der Villa Grisebach, als Max Beckmanns „Anni (Mädchen mit Fächer)“ mit dem sensationellen Hammerpreis von 3,4 Millionen Euro alle Erwartungen übertraf und eine neue Rekordmarke in der deutschen Auktionsgeschichte setzte. Seit 2001 rangierte der Altmeister Gerrit Dou mit umgerechnet 2,4 Millionen Euro auf der Spitzenposition, eingespielt bei Van Ham in Köln. Womit der niederländische Genremaler die im Jahr zuvor in der Villa Grisebach erzielten 1,89 Millionen Euro für Fernand Légers „Les trois Figures“ auf Rang zwei verwiesen hatte. Doch mehr als souverän konnte das Berliner Auktionshaus den ersten Platz für die Klassische Moderne nun zurückerobern.

Fast schon ein wenig kokett hatte Peter Graf zu Eltz den Beckmann mit der Losnummer 54 mit einer Million Euro aufgerufen. Knisternde Stille herrschte dann im Auditorium, als der untere Schätzwert von zwei Millionen für das Gemälde, das sich 50 Jahre lang in einer rheinischen Privatsammlung befand, erreicht war. Immerhin sechs von insgesamt acht internationalen Konkurrenten blieben auch danach hartnäckig an den Telefonen, bis ein deutscher Privatsammler das Bietgefecht für sich entschied und inklusive Aufgeld 3911500 Euro bewilligte. Seine Identität bleibt jedoch ebenso im Dunkel wie die Geschichte von Beckmanns geheimnisvoller Schönen.

Keine von langer Hand vorbereitete Strategie, sondern „eine schöne Ansammlung von Zufällen“ sieht Bernd Schultz, gemeinsam mit Micaela Kapitzky Geschäftsführer der Villa Grisebach, in der so gar nicht zufällig anmutenden Offerte zur 125. Auktion. Das Aufgebot und die Konzentration an Trouvaillen vor allem des deutschen Expressionismus suchen auf dem hiesigen Markt ihresgleichen und können auch den Vergleich mit internationalen Standards locker mithalten. Strategisch geschickt wurden erstmals eine Vorbesichtigung in New York gewagt und zudem die Werbemaßnahmen massiv verstärkt. Die Investitionen haben sich ausgezahlt: Annähernd 1000 Bieter beteiligten sich an der Auktion, von denen über zwanzig Prozent als Neukunden gewonnen werden konnten.

Bereits vor dem kapitalen Beckmann-Zuschlag hatten zwei weitere der insgesamt 97 „Ausgewählten Werke“ die Millionengrenze hinter sich gelassen. So bewilligte ein Schweizer Händler für Ernst Ludwig Kirchners „Halbakt mit erhobenen Händen“ einen Gesamtpreis von über zwei Millionen Euro. Ein amerikanisches Museums bot mit für Emil Noldes „Philister“, gab sich bei 1,3 Millionen Euro jedoch geschlagen und musste die biblische Figurengruppe einem deutschen Saalbieter für insgesamt knapp 1,5 Millionen Euro überlassen.

Doch nicht nur die drei Spitzenwerke trugen zu einem spannenden Verlauf der Abendveranstaltung bei. Kirchners „Berg-Vorfrühling mit Lärchen“ konnte mit 300500 Euro im Rahmen der Schätzung veräußert werden, die seine „Rastenden Spaziergänger“ bei gleichem Zuschlag übertrafen. Das mit 500000 Euro veranschlagte „Torhaus an der Hauptallee des Großen Gartens in Dresden“ überzeugte nicht nur motivisch, sondern auch aufgrund seiner Marktfrische. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs hatte sich der psychisch und physisch erkrankte Kirchner in ein Sanatorium am Bodensee begeben, dessen Chefarzt das Werk direkt vom Künstler erwarb. Seither in Schweizer Familienbesitz, honorierte es nun ein Sammler aus Süddeutschland mit nahezu 900000 Euro.

Heftige Bietgefechte lösten auch weniger prominente Namen aus. Der Preis für Gustav Wunderwalds 1927 im Stil der Neuen Sachlichkeit gemalte „Brücke über Garten- und Ackerstraße (Berlin N)“ kletterte von 30000 auf 109600 Euro. Für die höchste Steigerung des Abends sorgte Max Oppenheimer. Ein „Streichquartett“ des gebürtigen Wieners aus den Vierzigerjahren konnte die Erwartung mehr als vervierfachen und ging für 185000 Euro an eine norddeutsche Privatsammlung, die sich vehement gegen österreichische Konkurrenz durchsetze. Einem Landsmann Oppenheimers blieb dafür ein frühes „Stilleben mit Teekanne“, das – gleichauf geschätzt – den Preis verdoppelte.

Max Liebermanns „Gartenbank unter dem Kastanienbaum – Blühende Kastanie“ bleibt zum unteren Schätzpreis, was aber immer noch knapp 700000 Euro bedeutet, in Berlin. Regen Zuspruch gab es auch für Alexej von Jawlenskys „Asconeser Kopf“, der stolze 599500 Euro einspielte. Kräftig zulegen konnte ein Buchstabenbild auf Papier von Paul Klee, für das ein Telefonbieter mit netto 200000 Euro glatt das Doppelte der Taxe zahlen musste. Der Preis für Paula Modersohn-Beckers kleines „Brustbild eines Mädchens mit Blumenhut und Junge“ stieg von 150000 auf schlussendlich 266000 Euro. Vier Werke von Otto Dix blieben dagegen ohne Gebot. Etwas ruhiger geworden ist es auch um Gerhard Richter. Die im Rahmen der Taxe bewilligten 156750 Euro für ein „Abstraktes Bild“ von 1984 spiegeln diese Entwicklung auch bei Grisebach wider. Gar keinen Liebhaber fand ein Siebdruck Richters auf der B-Auktion. Geradezu inflationär wurde die „Kerze“ aus einer 250er-Auflage in den letzten Jahren auf Auktionen feilgeboten. 1988 waren die handsignierten Blätter zur Unterstützung des Goslarer Mönchehaus-Museums für 50 Mark verkauft worden. Die Zeiten, als in New York im Herbst 2002 bei Sotheby’s rund 63000 respektive 52000 Dollar bei Phillips, de Pury & Company dafür bewilligt wurden, sind offenbar vorbei. Anselm Kiefers „Donauquelle“ konnte dagegen mit 248750 Euro die Erwartungen verdoppeln.

Gemessen am New Yorker Markt nehmen sich die Erlöse auf deutschen Auktionen zwar nach wie vor moderat aus – so hält Max Beckmanns „Selbstbildnis mit Horn“, das Sotheby’s 2001 versteigerte, den Rekord für den Künstler bei 22,5 Millionen Dollar. Doch zeigte das in weiten Teilen museale Angebot der Villa Grisebach, dass zunehmend auch auf dem deutschen Markt durchaus lukrative Margen möglich sind. Für Kirchners „Halbakt mit erhobenen Armen“ hat der Einlieferer 1983 bei Christie’s vergleichsweise günstige 480000 Dollar gezahlt.

Mit der außergewöhnlich attraktiven Offerte wurde ein Drittel der Zuschläge an ausländische Kunden verbucht, aber auch das heimische Kunstpublikum zeigte sich im Stimmungshoch, woran die Aussicht auf Neuwahlen und die Spekulation auf eine neuerliche Zinssenkung ihren Anteil haben mögen. Die vier Auktionen bescherten der Villa Grisebach einen Umsatz von 22 Millionen Euro, mit dem man nicht nur um sieben Millionen über dem Schätzwert liegt, sondern auch sämtliche Ergebnisse in der bisherigen Geschichte des Hauses übertraf.

Ein hoher Maßstab für zukünftige Auktionen, aber auch eine exzellente Visitenkarte für das nächste Jahr, in dem die Villa Grisebach ihr 20-jähriges Bestehen begeht.

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