Kultur : Ein Festhaus für die Schönheit

Das Bode-Museum ist wiedererstanden. Seine Epochenräume feiern die Renaissance – und das Zeitalter des Wilhelminismus

Bernhard Schulz

Im Schneeregen des gestrigen Montags war der Glanz kaum zu erahnen, den das Innere des all seiner frischen Sandsteinhelle zum Trotz wuchtigen Bode-Museums verströmen sollte. Nach fünfeinhalbjähriger Generalsanierung stand in Berlin die Schlüsselübergabe an: Jetzt nehmen die Staatlichen Museen ihr neues Schmuckstück in Besitz und bestücken es mit Kunst.

Was hat es nicht für erbitterte Kontroversen um die Aufgabe des Bode-Museums gegeben, das zu DDR-Zeiten ein rechtes Sammelsurium an Beständen beherbergen musste und mit seinen zahlreichen unglücklichen Einbauten sowie verdeckten Fenstern stets den Eindruck einer ungeliebten Endlagerstätte machte. Ganz hinten lag es an der Museumsinsel, wie abgeschnitten von der Stadt.

Das wird sich vom Spätsommer kommenden Jahres an, wenn das Haus als Museum wiedereröffnet wird, grundlegend ändern. Die Parallele zur fast genau vor vier Jahren wieder oder besser neu eröffneten Alten Nationalgalerie im vorderen Teil der Museumsinsel liegt auf der Hand. Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, sprach gestern gar vom „neuen Wahrzeichen der Staatlichen Museen“. Nun ist das Neue zwar stets das Schönste. Es erstaunt indessen – und beglückt! – zu sehen, wie aus dem Aschenputtel Bode-Museum nicht so sehr ein strahlender Schwan geworden, sehr wohl aber ein hoch interessantes Bauwerk der Vergangenheit wiedererstanden ist.

Der 1904 eingeweihte und nach dem vormaligen „Protektor“ der königlichen Museen, dem unglücklichen 99-TageKaiser Friedrich benannte Museumsbau ist beinahe von Anfang an kritisiert, später dann nur noch gering geschätzt worden. Schon die Umbenennung nach Wilhelm von Bode (1845 – 1929), diesem „Bismarck der Museen“ zu Kaisers Zeiten und weit darüber hinaus, sprach Bände. Die spezifisch wilhelminische Mischung aus Hochrenaissance und Barock, die Kaiser Wilhelms II. Hofarchitekt Ernst Eberhard von Ihne ersann, galt seit jeher als steifleinern. Die Fassaden zu beiden Spreearmen bestätigen in ihrer akademischen Reihung das harsche Urteil. Allein die kuppelgekrönte Rotunde an der äußersten Inselspitze schafft ein elegantes Gelenk. Die Monbijou-Brücke, deren zweiter, über die eigentliche Spree reichender Arm nun endlich wiedererrichtet wird, bietet dem Besucher eine einladende Geste. Im Inneren dann hat Ihne das ganze Repertoire einer aufs Preußische getrimmten Baugeschichte versammelt. Und damit der geneigte Besucher weiß, zu wessen Ruhm das Museum errichtet wurde, sind denn auch preußische Kurfürsten und Könige samt ruhmreichen Militärs in den beiden, von bequemen Treppen verschwenderisch gesäumten Kuppelräumen verewigt.

Diesem „kunstsinnigen wilhelminischen Kaiserhaus“, so Museums-Generaldirektor und ferner Bode-Nachfolger Peter-Klaus Schuster, habe der Museumsbau seine „kulturelle Identität gestiftet“. Das erstaunliche Wort spiegelt den Wandel, den das Urteil über die drei Jahrzehnte der Regentschaft Wilhelms II. mittlerweile erfährt. Es geht dabei weniger um die Person des Kaisers als vielmehr um den kulturellen Gehalt seiner Epoche. Die starre Frontstellung zwischen beharrendem Wilhelminismus und vorwärts drängender Moderne, wie sie jahrzehntelang und nicht zuletzt zur Legitimation aller Avantgarden nacherzählt wurde, ist hinfällig. Davon kündet das renovierte Bode-Museum. Denn die eigentümliche, später geschmähte Durchmischung der Gattungen Malerei, Skulptur und Kunsthandwerk, dargeboten in stimmungsvoll arrangierten Epochenräumen, ersteht mit der denkmalpflegerisch sorgsamen Wiedergewinnung der Räume neu. Mit ihnen soll das Präsentationskonzept wieder zu Ehren kommen. Überall beeindrucken die Renaissance-Portale und -Kamine, die Bode fest ins Gebäude hatte einbauen lassen, schweben hölzerne Decken, wo sie aus den Depots geborgen wurden. Sogar das zauberhafte Tiepolo-Kabinett, das Bode in Venetien ausfindig machen konnte, wurde mustergültig erneuert.

Dass die Renaissance – unter der das ausgehende 19. Jahrhundert eine viel weiter gespannte Epoche verstand – zum Spiegel der eigenen Zeit erkoren ward, ist die eine, die höfisch-feudale Seite. Die andere ist die bürgerliche, in der sich Bodes gehegte und gepflegte, beratene und ermunterte Sammlerschar aus dem zu gesellschaftlichem Rang drängenden Großbürgertum nicht zuletzt jüdischer Provenienz wiedererkennen mochte. Wohl bedacht prangt das Steinwappen der Medici hoch über dem größten der Museumssäle, der – fälschlich so genannten – Basilika in der Hauptachse des Bauwerks zwischen den Kuppelräumen. Dort sollen, dort müssen die großen Altarbilder wieder zu sehen sein, die Bode einst in den Nischen unterbrachte, um die Atmosphäre der Florentiner Renaissance zu atmen.

Es war das bürgerlich-mäzenatische Zeitalter, dessen Aura, aber auch dessen Werte Wilhelm von Bode geschickt für seine Sammlungspolitik zu instrumentieren wusste. James Simon, um nur den Bedeutendsten zu nennen, war einer jener beati possidentes, jener stolzen Sammler, die erwarben, was Bode benötigte, um es alsbald den Museen zu überlassen. Schuster schlug vor, das von ihm – wie im Ansatz schon von seinem Vor-Vorgänger Bode – ersehnte weitere, für die gänzliche Zusammenführung von Gemäldegalerie und Skulpturensammlung unabdingbare Museum jenseits des Kupfergrabens „Simon-Museum“ zu nennen: ein Schachzug, um die gestern mitfeiernde Politik für den Bau zu gewinnen. Es ist aber auch eine Volte, die die gewandelte Sicht auf das janusköpfige wilhelminische Zeitalter nur mehr unterstreicht.

Der Wiener Architekt Heinz Tesar leitete die Generalsanierung. Viel ist über seinen vermeintlich rücksichtslosen Umgang mit der Substanz gestritten worden. Das Gegenteil trifft zu. Tesar hat sich vorbildlich zurückgenommen. Er hat der Historie gegeben, was dem Zeitalter dieses vergangenheitsseligen Historismus gebührt. Ein Zeitalter, von dem die akademisch korrekten Anleihen des Ursprungsarchitekten Ihne Zeugnis geben. Er hat aber auch der Gegenwart ermöglicht, sich dort zu äußern, wo sie Ergänzung und Zutat ist: in den technischen Einrichtungen, die das ursprünglich nicht mit künstlichem Licht ausgestattete Bauwerk heute benötigt. Die – kaum sichtbare – Haustechnik reicht von der auf eine gewisse Schwankungsbreite ausgelegten Klimaanlage bis zur Beleuchtung. Gewiss sind die Raum- und Punktstrahler deutlich sichtbar. Sie sind eben von heute, da sich Besucher wahrlich nicht mehr mit dem im Jahre 1904 als genügend erachteten Seitenlicht durch die hohen – und endlich zur vollen Durchsicht befreiten – Fenster begnügen mögen. Und dass in einem der fünf beengten Innenhöfe ein Aufzugsturm für weniger fußkräftige Gäste errichtet wurde, versteht sich wohl von selbst.

Wilhelm von Bode schrieb 1883, als er bereits für den Bau seines „Renaissance-Museums“ antichambrierte, man scheine bisher „in den Aufstellungen von Kunstsammlungen innerhalb von Museen immer nur den Standpunkt der Wissenschaft zur Richtschnur genommen zu haben“. Sollten jedoch „unsere Museen große Bildungsschulen für das Publikum sein“, so könnten sie dies insbesondere „durch die Darstellung des wahrhaft Schönen in möglichster Vollkommenheit“ bewirken. Und nochmals betont der geschmacksbildende Museumsmann die Aufstellung „der kostbaren Originale, von Meisterhand geschaffen“, „in möglichst schöner Umgebung“.

Vor solchem Pathos schreckt unsere Zeit zurück. Und doch gibt es die Sehnsucht, im kunsthistorischen Kanon zugleich das Schöne schlechthin zu erkennen. Genau das feiert das Bode-Museum. Es feiert seine eigene Zeit, gewiss, aber es feiert weit stärker die Kunst. Man reibt sich die Augen angesichts der wundervoll proportionierten Raumfluchten, der kunstvollen Marmorböden und Holzdecken, der in Schlüterschem Barock und friderizianischem Rokoko gehaltenen Kuppelräume. Und fragt sich, warum unsere Zeit darauf so lange hat warten wollen.

Weiteres Seite 7, Kommentar Seite 6.

Um 1880: Wilhelm von Bode , damals noch

Direktorialassistent der Königlichen Museen, regt ein „Renaissance-Museum“ an.

1888: Hofarchitekt Ernst Eberhard von Ihne wird mit dem Entwurf beauftragt.

1904: Am Geburtstag des verstorbenen Kaisers Friedrich III. wird das Kaiser-Friedrich-

Museum eingeweiht.

1943-45: schwere Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg.

1950: Beginn der Instandsetzung.

1998: Schließung

2000: Beginn der Generalsanierung

2005: Baufertigstellung

Im Spätsommer 2006 soll das Haus wiedereröffnet werden.

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