Kultur : Ein Film von Carl Andersen - Little Sister "Big Brother" alternativ

Frank Noack

"Big Brother" bietet täglich Gelegenheit, einer Gruppe junger Leute bei den Banalitäten des Alltags zuzusehen, zuzuhören. Carl Andersen hat unbeabsichtigt eine Kinoversion dieser Reality Soap gedreht, künstlerisch ambitionierter, emotional ergiebiger: "Die Sehnsucht nach dem Mehr". Hier ist der Zuschauer nicht Voyeur, sondern Therapeut. Die Patientin ist eine schwermütige junge Frau namens Jana; bei der Therapie behilflich sind ihr Ex-Freund Raffaele und ihr neuer Partner Carl - derselbe Carl übrigens, der Regie führt. Der Film soll Jana dabei helfen, die Trennung von Raffaele zu verwinden.

Als Zuschauer merkt man schon schnell, woran die Beziehung gescheitert ist. Raffaele wirkt lebendig, intelligent und verfügt über einen trockenen Humor, der mühelos Sympathien weckt. Auch seine Gefühle artikuliert er klar, manchmal brutal klar: Janas Lächeln etwa fand er irgendwann widerlich, "weil man auf einmal nur noch auf die Unreinheit der Zähne achtet". Und was sagt Jana über Raffaele? Nichts. Das Reden strengt sie an, sie macht lange Pausen und lässt dabei den Mund offen. Und als Therapeut beschränkt sich Carl Andersen leider zu sehr darauf, Jana immer nur zu trösten und ihr geduldig zuzuhören, statt ihr eine Klarheit des Denkens abzufordern.

Dafür glänzt er als Regisseur. Der Film wurde in Schwarzweiß gedreht, und es ist kein pseudo-dokumentarisches Schmuddel-Schwarzweiß. Die Ausleuchtung der drei Protagonisten ist schmeichelhaft, fast glamourös. Langsame Überblendungen zwischen den Einstellungen verstärken das Gefühl von Zärtlichkeit, das "Die Sehnsucht nach dem Mehr" auszeichnet. Was dies "Mehr" ist? Die Antwort hierauf muss jeder Zuschauer selbst suchen.

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