Kultur : Ein Film von Regisseur und Hauptdarsteller Philippe Harrel

Gregor Dotzauer

Eine ideologische Mittelstellung zwischen Houellebecqs Romanen, der "Kampfzone" und den "Elementarteilchen"Gregor Dotzauer

Wenn man keine Ahnung hätte, wer Michel Houellebecq ist und welchen Wirbel sein Romandebüt "Extension du domaine de la lutte" (Ausweitung der Kampfzone) Mitte der neunziger Jahre in Frankreich auslöste, würde man den gleichnamigen Film, den er zusammen mit Regisseur und Hauptdarsteller Philippe Harrel geschrieben hat, sicher anders sehen. Man würde einen verspäteteten Epilog zu Teenie-Filmen wie "La Boum" oder "Eis am Stiel" in ihm erkennen, und in den beiden Protagonisten, einem stumpf dahin leidenden Pariser Informatiker und seinem zwanghaft fröhlichen, doch nicht minder verzweifelten Kollegen, die typischen Verlierer von damals - nur 15 Jahre später. Sie knabbern noch immer an ihrer nie enden wollenden Pubertät und versinken in einer Freudlosigkeit, die nicht einmal mehr von der Freude träumt. Einmal kein Mädchen abgekriegt - und schon verdammt in alle Ewigkeit. Und so sitzen sie heute noch betrunken in der Disco, starren Mädchen an und fragen sich: Warum will mich keine?

Ist aber alles nicht. Ist Kunst (wenn auch mit Unterhaltungswert). Ist Gegenwartsdiagnose. Und der Wunsch, den so genannten Helden dieses Trauerspiels einmal so kräftig in den Hintern zu treten, dass er aus seiner schwer existenziellen Unberührbarkeit und der zutiefst gesellschaftlich verschuldeten Schweigsamkeit herauskommt, ja wenigstens in seinem versifften Appartement mal aufräumt, hat etwas Unangemessenes. Man würde damit auch Houellebecq selber treten. Denn Philippe Harrel sieht nicht nur aus wie ein Doppelgänger. Bleich und schmalllippig hält auch er die ewige Zigarette zwischen Mittel- und Ringfinger.

Der Film nimmt eine ideologische Mittelstellung zwischen Houellebecqs beiden Romanen ein, der "Kampfzone" und den inzwischen berühmteren "Elementarteilchen". Noch beschreibt er, bitter und komisch, den frustrierenden Alltag, den man als Großstadt-Single, dem alle Möglichkeiten offenstehen müssten, auch haben kann. Zugleich hat er schon das Thesenhafte der "Elementarteilchen", dieses Pamphlets gegen die Libertinage nach 1968 und gegen die Merkantilisierung von Jugend und Körper, verbunden mit einer neurotischen Fixierung auf den unaufhaltbaren physischen Verfall - ein Buch voll rechter Motive und teils reaktionärer Gedanken, dessen Wucht seine größte Qualität ist. Denn so zu tun, als wären erst in den Neunzigern ein männliches Prinzip (Macht und Geld) und ein weibliches (Sex und Verführung) so brutal aufeinander bezogen worden, dass die ganze Welt unter ihrem Unstern steht, zeugt, naja, von einer gewissen Kurzsichtigkeit.

"Extension" ist eigentlich kein Film aus eigenem Recht - nicht, weil er das Buch fast Szene für Szene nachbustabiert, sondern weil er die inneren Monologe des Helden, die Dialoge und das Schweigen nur illustriert und mit ein wenig Chillout-Musik anreichert. Houellebecq lehnt wiedererkennbaren Stil ab. Aber das nicht zum Stil Geronnene ist die pure Konvention, ein Sichgleichmachen mit dem, was ist - Lichtjahre entfernt von dem, was am anderen Ende seines elenden Universums stehen könnte: die Eroberung einer spezifisch modernen Einsamkeit, wie sie Antonioni oder Bergman unternommen haben.Heute 20 Uhr (CinemaxX), morgen 13 Uhr, Sonntag 22.45 Uhr (jeweils CineStar3)

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