Kultur : Ein Filmfestival wird politisch: "Diagonale" gegen Haider

Peter W. Jansen

Das 220-Platz-Kino war jede Nacht überfüllt, wenn das Spezialprogramm "Die Kunst der Stunde ist Widerstand" begann. Gezeigt wurde teils extrem kurze Videos oder Schmalfilmstreifen, Dokumentarisches und Experimentelles, Leitartikel und Berichte, Glossen und Pamphlete. Sie hießen "Demo 2000" und "Opernball", "O du mein Österreich" oder "Das Stinktier aus dem Bärenthal" und waren allesamt Protest und zornig, Schmäh und Wut - und nur in wenigen Fällen wirklich gut. Viel zu schnell und meistens ohne Geld, aus dem Bauch statt mit Kopf hergestellt, erinnerten sie nur von fern an die Pariser "Cinétracts" und die Berliner Agitpropfilme Ende der 60er Jahre.

Auch die Ästhetik des Widerstands will gelernt sein, und Österreichs Cineasten - die einzige Künstlergruppe bisher, die so geschlossen agiert - sind wie alle Intellektuellen von der "Situation", so scheint es, überrascht worden. Wahrscheinlich hat man Thomas Bernhard nur für einen Grantler gehalten und Filme wie "Hinterholz 8" und "Kubanisch rauchen" für die kauzigen Ausgeburten einer spefizisch "bösen" österreichischen Phantasie, ohne ihre Prophetie wahrzunehmen. Haider, das "Stinktier aus dem Bärenthal" hat sie alle wach gemacht.

Es fing damit an, dass 350 Filmleute - Regisseure und Autoren, Schauspieler und Techniker, Kinobetreiber und Journalisten - einen Aufruf an die Regierung in Wien verfassten, mit der Aufforderung, schleunigst zurückzutreten. Als dieses Manifest in dem Katalog der "Diagonale" erschien, der österreichischen Filmtage Graz, fühlte sich die subventionierende steirische Landesregierung, eine Koalition von christlichen und Sozialdemokraten, dazu aufgerufen, der grossen blauschwarzen Schwester in Wien Solidarität zu bekunden und der "Diagonale" einen Zuschuss für ein Preisgeld zu kündigen: Man beiße die Hand nicht, die einen füttere. Die allgemeine Empörung darüber bewirkte immerhin, dass der sozialdemokratische Teil der Grazer Regierung ein Einsehen hatte - ohnehin, wie es scheint, auf dem Weg in die Opposition.

"Die Kunst der Stunde ist Widerstand": Ein bisschen überzogen kommt einem das Pathos schon vor, wenn man weiß, was Widerstand ist. Vor allem unter den neueren Dokumentarfilmen aus Österreich gibt es Hinweise genug. Das immer noch zunehmende Interesse an der dokumentarischen Auseinandersetzung mit Faschismus und Holocaust kommt nicht von ungefähr. Neben wenigen neueren Spielfilmen waren es die Dokumentationen "The Punishment" von Goran Rebic über Belgrad nach den Nato-Bomben, "Spiegelgrund" und "Wir leben ewig". Spiegelgrund ist die Adresse des Wiener Kinderheims, in dem systematisch Euthanasie an kranken und behinderten Kindern praktiziert wurde, und der Film von Angelika Schuster und Tristan Sindelgruber geht Opfern wie Tätern nach, medizinischen Kapazitäten auch von heute, denen jede Strafverfolgung erspart geblieben ist.

"Wir haben aufs Wort gehorcht, was man uns gesagt hat; geh nach rechts, ist man nach rechts gegangen, ohne zu fragen; geh nach links, ist man nach links gegangen, ohne zu fragen", erzählt Shoshana Rabinovici aus ihrer Kindheit im Ghetto von Wilna, und sie wundert sich über ihren eigenen Gehorsam genauso wie die anderen wenigen Überlebenden, vorwiegend Frauen. Der Film "Wir leben ewig" von Carla Knapp, gedreht in Wilna, Wien und Tel Aviv, lebt von der unfasslichen Vitalität dieser Frauen, von ihrem Lebensmut, ihrer Tapferkeit. Und von den Liedern, die im Ghetto entstanden sind. In ihnen war die Kunst der Stunde Widerstand.

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