Kultur : Ein Fräulein wundert sich

Juliette Binoche spielt Strindberg zum Start des Theaterfestivals von Avignon

Eberhard Spreng
Partypaarung. Juliette Binoche und Nicolas Bouchaud Foto: Christophe Raynaud de Lage
Partypaarung. Juliette Binoche und Nicolas Bouchaud Foto: Christophe Raynaud de LageFoto: Christophe Raynaud de Lage

Party auf dem Gutshof: Im Hintergrund eines großen weißen Bühnenraums tanzen Leute von heute, laute Disco-Musik dringt in Kristins Designer-Küche, wo die müde Köchin mit Edelstahltöpfen beschäftigt ist. Ein paar Birkenstämme ragen durch den hinteren Teil des Dekors. Irgendwann taucht Juliette Binoche in dem Trubel auf. Sie spielt beim 65. Festival in Avignon das Fräulein Julie. In Konkurrenz zu jener Version des Strindberg-Klassikers von Katie Mitchell, den die Berliner Schaubühne bei ihrem Provence-Gastspiel zeigt.

In Frédéric Fisbachs Inszenierung ist Juliette Binoches Fräulein Julie also eine moderne Partygöre, die sich für ein amouröses Abenteuer einen Mann, sagen wir, aus dem Catering-Service schnappen will – der aber dummerweise einer langweiligen Kollegin versprochen ist. Das mag im ersten Teil funktionieren, während das Publikum in ein kaltes aufgeräumtes Dekor blickt. Nachdem die beiden im Bett waren, rächt es sich, dass die Inszenierung das traditionelle Machtsystem des Stückes ignoriert. Um das soziale Oben und Unten geht es nicht, der Kampf zwischen Männern und Frauen ist hier, fast allein, das Thema. Deshalb wird kein Herr-Knecht-Verhältnis durch Männermacht abgelöst. Jean, der ehrgeizige, am Aufstieg Interessierte, hat die Herrschaft übernommen, warum sie sie aber aus den Händen gab, bleibt ein Rätsel.

Nicolas Bouchauds in der Rolle des alten Dieners Jean fordert die Macht mit übertriebenem Gebrüll. Das lässt Unwohlsein im konzeptionellen Nebel ahnen: Strindbergs „naturalistische Tragödie“ bräuchte für Jean die Gefahr der sofortigen Entlassung und für Julie den drohenden Verlust des guten Rufs als dramatische Triebfeder. Aber dieses moderne liberale Fräulein, das ihren aristokratischen Hintergrund längst hinter sich gelassen hat, kann doch durch einen Partyfick nicht glaubhaft entehrt worden sein. Die Binoche navigiert tapfer durch das flache moderne Fahrwasser. Am überzeugendsten ist die Starschauspielerin, wenn die Sehnsucht nicht nach dem Mann als Sexualpartner, sondern als Freund offenkundig wird. Und doch glaubt kein Mensch, dass sich diese Frau am Ende mit Jeans Rasiermesser umbringen soll. Was ihr gelingt, ist ein Porträt all der modernen Frauen, deren sozialer Status ihnen erlaubt, sich holen zu können, was sie wollen, und die doch lachenden Auges verzweifeln, weil nichts die Seelennot lindern kann, die fehlende Elternliebe hervorgerufen hat.

Was man im Zusammenhang mit der Shoah über den polnischen Widerstandskämpfer Jan Karski sagen darf, war vor einigen Wochen in Frankreich Gegenstand einer heftigen Debatte. Erbost hatte Claude Lanzmann auf die Vereinnahmung seines Films „Shoah“ durch Yannick Haenels literarisches Projekt „Das Schweigen des Jan Karski“ reagiert (eine Rezension des Buchs ist auf Seite 7 des heutigen Tagesspiegels zu lesen). Dem Autor waren spekulative, geschichtsfälschende Züge vorgeworfen worden. Karski berichtete den westlichen Allierten 1942 vom Warschauer Ghetto und einem Vernichtungslager – und konnte die Judenvernichtung doch nicht verhindern. Claude Lanzmans Film „Shoah“ von 1985 hatte den in den Nachkriegsjahrzehnten verstummten Karski wieder zum Sprechen gebracht. In Avignon baut nun der Regisseur und Schauspieler Arthur Nauzyciel Haenels Buch auf dem Theater nach. Auch er beginnt mit der Interviewsituation in Lanzmanns Film: Das Modell einer Filmkamera ist auf der Vorderbühne installiert, Nauzyciel referiert die Szene in zeremoniellem Verkündungston. Im zweitem Teil ruckelt eine Videokamera zu einer Stimme aus dem Off über einen Stadtplan aus der Zeit des Warschauer Ghettos, bevor Laurent Poitrenaux im dritten Teil in einem langen Monolog ein Psychogramm des Jan Karski entwickelt.

Nauzyciel, der gerne darauf verweist, als Zehnjähriger durch die Berichte seines Onkels, eines Auschwitzüberbenden, geprägt worden zu sein, gibt im Theater mit dem seinerseits provozierend Titel „Jan Karski – mein Name ist Fiktion“ im Generationendisput um die Erinnerungskultur einen weiteren Anlass für Streit. Denn die Flucht ins Romaneske, ins Melodramatische, Spekulative und damit weg vom authentischen Dokument ist nicht zu übersehen. Diese Art von Theater aber lässt den 2010 verstorbenen Jan Karski in einem trüben Mythos verschwinden.

Das Festival läuft bis 26. Juli. Informationen unter: www.festival-avignon.com

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