Kultur : Ein freier Geist

Publizist und Germanist Karl Heinz Bohrer wird 80.

von
Foto: Isolde Ohlbaum
Foto: Isolde Ohlbaum

„Selbstdenker und Systemdenker“ hat Karl Heinz Bohrer im letzten Jahr eine Sammlung von Aufsätzen genannt, die sich unter anderem mit Montaigne, Nietzsche, Stefan George und dem Diskurs des „Momentanismus“ beschäftigen. Wo er selber steht, ist klar: bei den Selbstdenkern. Der Begriff, der von Friedrich Schlegel stammt, scheint wie für ihn erfunden. „Ohne Rücksicht auf anderes Denken lässt sich nicht denken. Aber Rücksichtslosigkeit ist wichtig, als Konsequenz in der Striktheit eines Gedankens“, sagt Bohrer. Als Literaturkritiker und England-Korrespondent der „FAZ“, als Bielefelder Germanistikprofessor und als Herausgeber der Zeitschrift „Merkur“ gehörte er jahrzehntelang zu den prägenden intellektuellen Figuren der Bundesrepublik. Aber festzulegen war er nie, sein Denken blieb exzentrisch und sprunghaft.

Man könnte Bohrer, der politische Naivität und kulturkritischen Fanatismus verachtet, in einer legendären Reihe von Polemiken gegen den „Provinzialismus“ der Bonner Republik wetterte und in den Zeiten des Irakkriegs zur Verteidigung westlicher Werte aufrief, für einen Konservativen halten. Doch den Dogmen des deutschen Konservatismus misstraut dieser freie Geist. So erzählt er in „Sechs Szenen Achtundsechzig“, blitzlichtartigen Erinnerungen an die Studentenrevolte, von intensiven Diskussionen mit einer unablässig rauchenden Ulrike Meinhof und ausschweifenden Literatenfesten, „deren beherrschenden Akteure“ zur Musik der Beatles „noch altmodisch auf Frauenraub ausgingen“. Der Text endet nicht mit dem für einen Konservativen wohlfeilen Achtundsechziger-Bashing, sondern durchaus wohlwollend: „Sie waren keine Spießer. Und das ist, als kollektives Phänomen betrachtet, geradezu eine zivilisatorische Errungenschaft.“

Marcel Reich–Ranicki, sein Nachfolger als FAZ-Literaturchef, konstatiert in seiner Autobiografie, Bohrer habe „mit dem Rücken zum Publikum redigiert“. Bohrer hat den Satz als Kompliment verstanden, denn er mag die schwierigen, sperrigen Texte. Seine Habilitation galt der „Ästhetik des Schreckens“ in der Romantik und bei Ernst Jünger, und unter den Dichtern schätzt er besonders die Surrealisten. Nach zwei Dutzend vorwiegend wissenschaftlichen Büchern hat er nun die „Erzählung einer Jugend“ veröffentlicht. „Granatsplitter“ handelt vom Erwachsenwerden im Bombenkrieg und der Zeit danach. Es ist ein Entwicklungsroman in der staunenden Sprache eines Jungen. Karl Heinz Bohrer, der einmal dieser Junge war, wird heute 80. Christian Schröder

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben