Kultur : "Ein freies Jugoslawien, aber ohne Peter Handke"

PETER VON BECKER,SONJA BONIN

DZEVAD KARAHASAN, 1953 in Duvno/Bosnien geboren, ist Romancier ("Schahrijars Ring"), Dramatiker und Essayist, er lehrte an der Akademie für Szenische Künste der Universität Sarajevo. Nach einem Jahr der Belagerung von Sarajevo reiste er nach Berlin aus und lebt heute wechselweise in Sarajevo und Graz. Das Gespräch führten Peter von Becker und Sonja Bonin. Foto: Mike Wolff

Der Westen hat im Kosovo-Konflikt versucht, Lehren zu ziehen aus der über dreijährigen Zuschauer-Rolle im Bosnien-Krieg. Es ist Europas "Sarajevo-Syndrom". Wie sieht man in Bosnien das Vorgehen der Nato?

Unterschiedlich. Es gibt Leute, die eine Art Schadenfreude empfinden und sagen: Jetzt werden die Belgrader viel besser verstehen, wie es uns drei Jahre lang erging! Andere hoffen, daß die Entmachtung des nazistischen Systems von Milosevic Serbien endlich dabei helfen könnte, zu sich selbst zurückzufinden, sich zu befreien und damit Frieden in die ganze Region zu bringen.

Diese Hoffnung lebt nun auf?

Die Hoffnung überwiegt. Aber es gibt auch eine dritte Gruppe, die all das ignorieren möchte. Die Mehrheit der Bewohner Sarajevos ist einfach des Krieges müde und versucht, die - sei es auch noch so scheinbare - Normalität ihres alltäglichen Lebens zu genießen. Und viele sagen natürlich, die Bombardierung Serbiens kam Jahre zu spät! All das hätte schon 1991 geschehen müssen. Denn wenn wir ehrlich sind: Es war nur denen nicht klar, worum es in Bosnien geht, die es nicht begreifen wollten!

Ein Teil der Linken, der Grünen und der sogenannten Friedensbewegung in den westlichen Ländern begreift nicht, worum es in der Auseinandersetzung mit Milosevic geht?

Der Mensch hat entweder Prinzipien oder Charakter. Im Prinzip bin ich selbstverständlich ein Pazifist. Im Prinzip sind wir selbstverständlich alle gleich, weil wir alle - leider - Menschen sind. Aber als im April 1992 meine Stadt, mein Haus, meine Frau, meine Studenten, meine Wenigkeit angegriffen wurden, meldete auch ich mich als Freiwilliger bei der bosnischen Armee. Obwohl ich im Prinzip Pazifist bin, wie jeder vernünftige Mensch. Heutzutage ist Pazifismus jedoch gleichzusetzen mit Zynismus. Es ist eine unheimliche Charakterlosigkeit, wenn man im Namen eines guten Prinzips schreckliche Morde zuläßt und massenhafte Vertreibung.

Wie kann man in Bosnien, Kosovo, Mazedonien, in Gebieten mit gemischten Bevölkerungen, ohne andauernde äußere Intervention wieder für Frieden und Rechtssicherheit sorgen?

In Bosnien leben Menschen verschiedener Nationen und Religionen seit 600 Jahren zusammen. Ich bin es schon leid, alle möglichen Zyniker überzeugen zu wollen, daß es sich in Bosnien nicht um einen ethnisch-religiösen Konflikt gehandelt hat, sondern um die pure Aggression eines nazistischen Regimes. Der Völkerhaß in Jugoslawien wurde von oben, von den politischen Machthabern sehr geschickt produziert. Die sogenannten einfachen Menschen hassen sich gar nicht. Sie haben so viele andere Sorgen, daß ihnen gar keine Zeit bleibt, ihre Nächsten zu hassen. Aber jedes nazistische Regime braucht äußere Feinde, um zu überleben. Man kann die eigene Bevölkerung nur fanatisieren, wenn man eine Atmosphäre der Bedrohung schafft. Es geht also darum, die jetzigen Machthaber zu entmachten, um die Atmosphäre zu entgiften.

Aber war nicht in einem Teil der Bevölkerung, auch unter Intellektuellen, die Bereitschaft da, sich fanatisieren zu lassen?

Ganz gewiß. Wir dürfen nicht vergessen, daß Milosevic nur ein Programm vollzieht, das bereits 1985/86 unter dem Titel "Memorandum der serbischen Akademie der Künste und Wissenschaften zur Lage des serbischen Volkes" veröffentlicht wurde. Damals stand Milosevic noch gar nicht an der Spitze. Schriftsteller und andere Mitglieder der Akademie, die man nicht alle als Intellektuelle bezeichnen kann, weil viele von ihnen sehr ungebildet sind, haben wesentlich zu diesem Programm beigetragen. Sie haben Milosevics Politik formuliert. Milosevic bediente sich nur dieser nationalistischen, chauvinistischen Themen, um 1987 die Macht zu ergreifen und weiter an der Macht zu bleiben. Man darf nicht vergessen, daß Milosevic als Politiker eine sehr moderne Erscheinung ist. Ein Machiavellist, ein Technokrat. Er täuscht die Ideologie nur vor! Begonnen hat er seine Karriere als radikaler Kommunist und ist nur zu einem Quasi-Nationalisten geworden, weil die kommunistische Ideologie ihm die Erhaltung der Macht nicht mehr ermöglichte.

Trotzdem fragt man sich außerhalb des Balkans immer wieder, ob es nicht doch spezifische Gründe dafür gibt, daß mit den Mitteln eines modernen Politikers dort solch ein Aufstand gegen die europäische Moderne, gegen die europäische Aufklärung und die Wahrung von Menschenrechten stattfindet?

Erlauben Sie mir bitte, daran zu erinnern, daß in ganz Europa seit dem Beginn unseres Jahrhunderts Aufstände gegen die Aufklärung stattfinden. Kommunismus, Nationalsozialismus, Faschismus in Italien und Spanien sind ihrem Wesen nach anti-aufklärerische Bewegungen. In Serbien findet seit zehn Jahren das gleiche im Namen der Nation oder des Kollektivismus statt. Totalitarismen wie Kommunismus, Nationalsozialismus, Faschismus gründen auf modernen Methoden der Steuerung komplexer gesellschaftlicher Prozesse. Nur mit Hilfe von Medien kann man die Gesellschaft so integrieren und so gründlich fanatisieren, auch kontrollieren wie jetzt in Serbien oder einst in Italien, Spanien, der Sowjetunion und Deutschland.

Aus diesem Grund hat Daniel Goldhagen eine zwangsweise Gegen-Aufklärung vorgeschlagen. Man solle eine Zeitlang die Medien, die Schulen, das Bildungssystem zur Umerziehung, zur "Re-Education" nutzen wie in Westdeutschland nach 1945. Das aber hieße, ganz Serbien zu besetzen.

Und zu entnazifizieren.

Ist das eine realistische Perspektive?

Ich fürchte, nein. Obwohl ich mich als Serbophiler darüber sehr freuen würde. Die Herrschaften im Westen haben es leicht. Für sie ist Serbien - genau wie für Herrn Goldhagen Deutschland - einfach ein leerer Begriff. Für mich bedeutet Serbien: jahrzehntelange Freundschaften, unzählige Erinnerungen, die wiederaufleben zu lassen für immer ein bloßer Wunsch bleiben wird.

Sie sind, nebenbei bemerkt, mit einer serbischen Frau verheiratet.

Stimmt. Das heißt: Eigentlich bin ich mit einer Frau, die ich liebe, verheiratet. (lacht) Das ganz konkrete Erlebnis Serbiens erlaubt mir nicht, prinzipiell zu quatschen. Serbien bedeutet mir viel zu viel.

Lassen Sie uns nicht prinzipiell, sondern konkret fragen: Haben Sie eine Vorstellung, wie man diesen Kreislauf aus Gewalt und Gegengewalt durchbrechen kann? Was wäre die Politik auf den Gräbern?

Das Ziel aller Politik muß sein, Milosevic zu entmachten. Serbien ist ein Land wie jedes andere. Es gibt eine Machtpyramide, die das ganze Land kontrolliert. Es geht nur darum, die Spitze abzuschlagen. Danach wäre es leichter, als viele denken, den Teufelskreis der Gewalt zu durchbrechen.

Wie sollen denn Serben und Kosovaren noch am selben Ort zusammenleben?

Das wird wohl schwierig. Aber die Serben waren sowieso eine überzeugte Minderheit.

Jeder Einzelne ist ein Mensch, auch zehn Prozent Menschen sind in einem Land eine Menge Menschen.Ja, natürlich. Es wäre sogar möglich, zehn Prozent Serben unter neunzig Prozent Albanern leben zu lassen, wenn man das gesamte Gebiet zum Protektorat erklärte.

Unter Obhut der UNO?

UNO, Nato, EU - wichtig ist, daß die Leute, die im Westen Entscheidungen treffen, endlich zugeben, daß es sich auf dem Balkan bei bestimmten Politikern um Mafia-Bosse und nicht um Nationalisten, Ideologen oder was auch immer handelt. Wir sollten endlich verstehen, daß die Herrschaften, die jetzt als Führer von Völkern auftreten, sich zuvor als internationalistische Kommunisten gerierten!

Auch Tudjman.

Auch Tudjman. Dieser Herr hat erst mit 56 entdeckt, daß er Kroate ist! Es geht bei diesen Mafia-Bossen nicht um Nationalismen oder Ideologien oder Kommunismen. Es geht um Macht und um Kohle, wie man bei Ihnen sagt.

Ist die Hoffnung realistisch, daß sich bei einem Frieden ohne Milosevic in Serbien relativ schnell neue politische Strukturen herausbilden?

Es kommt darauf an, wie viele Leute, die aus Serbien geflohen sind, zurückkommen würden. Man darf nicht vergessen, daß über 300 000 junge, gut ausgebildete Menschen aus Serbien ausgewandert sind! Man findet heute in Serbien eine Lage vor, die geradezu erschreckend an Deutschland 1938 oder 1941 erinnert. Eine mittelgroße deutsche Stadt lebt im Exil.

Ein Teil der geistigen und technischen Elite?

Geistige Elite par excellence! Alle, die auf einen Neuanfang im Westen hoffen konnten, sind weggegangen.

Untergründig lebt - am deutlichsten ausgesprochen bei Peter Handke - eine Art Wunschtraum fort, das alte Jugoslawien wiederherzustellen: einen Titoismus ohne Tito, mit einer gewissen Verklärung der Vergangenheit. Wünscht man sich auch in Sarajevo manchmal Tito zurück?

Ich weiß es nicht. Ich war Jugoslawe, und ich fand Jugoslawien immer eine gute Idee. Ich wünschte mir aber vor allem ein Jugoslawien ohne Handke! Kitsch mag ich nicht. Und Handke produziert so viel Kitsch, daß ich mir vor allem ein Jugoslawien ohne Handke wünsche. Tatsache ist allerdings, daß Sarajevo die einzige Stadt auf dem Balkan ist, in der es immer noch eine Tito-Straße gibt, und daß Bosnien das einzige Land auf dem Balkan ist, das sich von der Vergangenheit nicht lossagen will. Der freie Teil Bosniens beruft sich aber auf die "Tradition des zweiten Jugoslawiens". Das erste Jugoslawien - das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen und später, nach 1929, das Königreich Jugoslawien - war die schlechte Verwirklichung einer sehr guten Idee. Das zweite Jugoslawien, Titos Jugoslawien, war ohne Zweifel kein Paradies, aber auch keine Hölle. Und jedenfalls viel besser als die Mickey-Maus-Staaten, die daraus entstanden sind. Solange ich lebe, wird Jugoslawien wahrscheinlich nur eine Erinnerung bleiben, die in Licht und Schatten zerfällt.

Liegt die Chance für Ex-Jugoslawien nicht in einer europäischen Lösung?

Eine wunderbare Vorstellung, doch manchmal fast zu schön, um wahrscheinlich zu sein. Diese ganzen Mickey-Maus-Staaten in die europäische Union zu integrieren, wäre natürlich ein Fortschritt. Doch unsere Frage sollte sein: Warum nicht die Vereinigten Staaten von Europa?

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