Kultur : Ein Funken Poesie: Sylvia Feldmann sammelte Sagen aus Berlin und Brandenburg

Ekkehard Schwerk

Sagen wurden über viele Generationen stets weitergesagt. Und ihr Kern wurde mit der Zeit immer umfleischter von der blühenden Phantasie der Erzähler. Sagen beziehen sich auf engere Lebenskreise, beziehen aber über diese räumliche Eingrenzung alle Lebensweisheiten ein. Sagen bilden auch Heimatempfindung. Und wer einen Funken Poesie in sich am Glimmen zu halten vermag, wird immer auch verstehen, was Sagen besagen. Kurz: Nun hat es der kleine Berliner Stapp Verlag unternommen, 70 Sagen aus Berlin und der Mark Brandenburg in einer Sammlung als Buch herauszugeben. Die hierfür gewonnene Sammlerin solcher Schätze, Sylvia Feldmann, erzählt sehr gut nach. Und das ist kein leichtes Spiel. Sagen sind kurz. Und auf Kürze verstehen sich nur die Könner. Lang kann jeder Schwätzer schreiben.

Die Sache mit der "Weißen Frau", der weiblichen Spukgestalt im Titel des Buches, hat eine liebestolle Geschichte zum düsteren Hintergrund. Nur so viel: Eine Grafenwitwe war so erpicht auf einen Hohenzollernspross, dass sie sogar ihre Kinder töten ließ - und zwar aus einem fatalen Missverständnis. Das kam sie teuer zu stehen. Sie spukte nun durchs Schloss und anderswo herum. Eine gerechte Strafe für aberwitziges Verlangen.

"Wassermänner" - auch im Titel - kommen in vielen Sagen auch anderer Landstriche vor. Oft als verschlingende Ungetüme. Hier nun mal auch als Gute. Mir gefallen neben bekannten Sagen am besten die "Maränen im Wandlitzsee" und "Der Hosenteufel". In beiden Fällen kommt der Teufel vor, im ersten erschien er einem fresssüchtigen Mönchlein, im zweiten einem eitlen Fatzken. So wird jeder seine Lieblingssagen gewinnen oder wiederfinden. Und wer für Sagen Verstand hat, geht auch an die sagenhaften Orte und sieht sie bei aller Veränderung dieser veränderungswütigen Stadt neu. Und heimatlicher. Das Buch hat also seinen Sinn erreicht.Weiße Frau und Wassermann. Sagen aus Berlin und der Mark Brandenburg. Gesammelt von Sylvia Feldmann. Stapp Verlag, Berlin 2000. 128 Seiten, 19,80 Mark.

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